Trotz Grenzschließung: Pläne für polnisch-deutsche Metropolregion Stettin

Attraktive Großstadt: Unser Foto zeigt im Vordergrund die Oder-Promenade von Stettin während einer Großsegler-Parade. im Hintergrund sind Teile des Hafens zu sehen, der historisch einmal ein wichtiger Umschlagplatz für die Berliner Wirtschaft war.
Stefan CseviTrotzdem glaubt Patrick Dahlemann an einen Aufschwung der Zusammenarbeit, wenn der schlimmste Teil der Corona-Pandemie erst einmal überwunden ist. „Diese Krise zeigt uns doch, wie wertvoll die vielen Kontakte sind, die wir in der Vergangenheit aufgebaut haben“, sagt der Staatssekretär für Vorpommern aus der Schweriner Landesregierung.
Der 31-jährige SPD-Politiker macht sich für die Kooperation mit der Großstadt Stettin besonders stark. Und er hat auch dazu beigetragen, dass sein Bundesland und Brandenburg nicht mehr um die Zusammenarbeit mit der Metropole konkurrieren.
Im Herbst war eine gemeinsame Geschäftsstelle beider Bundesländer für die Metropolregion Stettin eröffnet worden. Laut Dahlemann hat sich das Büro mit Sitz in Anklam in dieser Krise bereits bewährt. So konnte man der polnischen Seite bei der Beschaffung von Beatmungsgeräten helfen. Auch die lange umstrittene Anerkennung der Abschlüsse deutscher Medizinstudenten von der Pommerschen Medizinischen Universität Stettin erfolgte in Abstimmung beider Bundesländer.
An einem deutsch-polnischer Wirtschaftskreis zur Metropolregion, den die IHK Neubrandenburg schon vor Jahren mit Stettiner Unternehmern initiierte, beteiligen sich längst auch Brandenburger Firmen. Für kommenden Dienstag ist das erste virtuelle Treffen im Internet geplant.
Und es gibt schon Termine für Nach-Corona-Zeiten. So soll am 3. Juli in Angermünde endlich der Startschuss für den zweigleisigen Ausbau und die Elektrifizierung der 57 Kilometer langen eingleisigen Lücke gegeben werden, die es auf der Bahnstrecke zwischen Berlin und Stettin noch gibt.
Doch es geht noch weiter: Die Strecke nach Angermünde soll in spätestens einem Jahrzehnt mit zum S-Bahn-Netz gehören, das die polnische Großstadt bisher noch auf rein polnischem Gebiet aufbaut. „Auch nach Pasewalk in Vorpommern könnte es eine Linie geben“, bestätigt der Stettiner Planer Roman Walaszkowski. Berlin, Brandenburg und der VBB haben eine von der EU geförderte Studie in Auftrag gegeben, in der untersucht wird, welche technischen Voraussetzungen erforderlich sind, um die deutschen Linien mit den Plänen der Stettiner S-Bahn zu verbinden.
Freilich dürfte es auch noch zahlreiche politische Hürden zu überwinden geben. Denn die Idee für eine grenzüberschreitende Metropolregion stammt ursprünglich schon aus der Vorgängerzeit der jetzigen polnischen PiS-Regierung. Seinerzeit war das Ziel ausgegeben worden, dass Großstädte wie Breslau, Lodz oder Danzig sich noch mehr zu Motoren für ihr Umland entwickeln sollen, da es im Nachbarland noch immer ein erhebliches Stadt-Land-Gefälle gibt.
Und weil Stettin nur wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt ist und seit Jahren ohnehin schon zahlreiche Stettiner Familien in die nordöstliche Uckermark beziehungsweise nach Vorpommern umgezogen sind, war hier die Vorstellung von einer grenzüberschreitenden Metropolregion entstanden. Dass die derzeitige Regierung in Warschau solch einer Perspektive nicht euphorisch gegenübersteht, hat sich in Corona-Zeiten bestätigt.
Angesichts der Grenzschließung ist vielen Menschen aber das Fehlen alltäglicher Dinge bewusst geworden. „Die Deutschen vermissen die Besuche auf den Grenzbasaren und in den großen Shopping-Centern Stettins“, sagt Dahlemann. Und in Stettin, wo es keinen eigenen Tierpark gibt, hatten sich viele Schulen längst an Ausflüge in die Zoos von Ueckermünde oder Eberswalde gewöhnt.
Ein Gebiet mit 1,46 Millionen Menschen
Die nordöstliche Uckermarkund auch der östlichste Teile Vorpommerns leiden schon seit Jahrzehnten unter Abwanderung. Gleichzeitig liegt die polnische Großstadt Stettin (Szczecin) mit ihren aktuell rund 400 000 Einwohnern direkt vor der Haustür. Vor diesem Hintergrund gibt es schon seit vielen Jahren Pläne, die Potenziale in einer grenzüberschreitenden (europäischen) Metropolregion zu bündeln, zumal sich das Konzept der Metropolregion auch in Polen entwickelt hat. Einschließlich der polnischen Landkreise Goleniów, Gryfino, Kamień, Police und Stargard sowie der Hafenstadt Swinemünde leben in dem Gebiet etwa 1,46 Millionen Menschen. ⇥ds