Viadrina-Professorin erinnert sich: Helmut Kohl sagte: „Die Einheit erleben wir nicht“

Erinnerungen an den "Kanzler der Einheit": Die heutige Viadrina-Professorin Dagmara Jajesniak-Quast traf Helmut Kohl bei einer Schülerreise im Herbst 1989 nach Bonn.
Dietrich Schröder/MOZ„Unsere Schule hatte eine Partnerschaft mit einem Gymnasium in Trier. Deshalb konnte ich im Herbst 1989 erstmals zu einem Schüleraustausch in den Westen fahren“, berichtet Dagmara Jajesniak-Quast. Ob es September oder Oktober war, kann sie nicht genau sagen. Auf jeden Fall stand in Berlin noch die Mauer.
„Der Vater der deutschen Schülerin, bei der ich wohnte, arbeitete bei der Trierer Sparkasse. Jedes Mal, wenn in der Tagesschau etwas über Polen kam, rief er mich ganz aufgeregt zum Fernseher.“ Das war damals häufig der Fall. Denn während die DDR noch von der Flüchtlingswelle in den Westen erschüttert wurde, hatte in Polen mit Tadeusz Mazowiecki bereits der erste nicht-kommunistische Regierungschef sein Amt angetreten. „Meine Gasteltern interessierte, ob es mit der Demokratie und Meinungsfreiheit jetzt wirklich schon besser war als früher“, erinnert sie sich.
Der Höhepunkt des Schüler-Austauschs, der von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung gefördert wurde, sollte jedoch ein Besuch im Bonner Bundestag sein. „Und dann nahm sich sogar Bundeskanzler Helmut Kohl eine halbe Stunde Zeit für uns“, berichtet die Polin. Nach seinen einführenden Worten durften ihm die Gäste Fragen stellen.
Die 17-Jährige fasste sich ein Herz und stellte die Frage, die damals viele Polen interessierte und – wegen der geschichtlichen Vergangenheit – auch beunruhigte: „Welche Politik wird Deutschland betreiben, wenn es wieder vereint ist?“ An Kohls Reaktion erinnert sie sich bis heute: „Er schaute mich an und sagte dann nur kurz: ‚Die Einigung erleben wir nicht mehr.’“
Die jungen Polen waren völlig überrascht. „Denn wir waren überzeugt, dass die Veränderungen auch in kurzer Zeit die DDR ergreifen würden.“ Heute weiß die Professorin der Europa-Universität Viadrina, dass es damals einen gravierenden Unterschied zwischen Polen und der DDR gab. „Während bei uns spätestens seit der Verhängung des Kriegszustandes 1981 niemand mehr an den Sozialismus glaubte, hofften in der DDR bis zuletzt viele Menschen auf eine Reformierbarkeit des Systems.“
Lech Wałesa berichtet Ähnliches
Ihr erstaunlicher Bericht deckt sich mit den Erinnerungen des damaligen Solidarnosc-Führers und späteren Staatspräsidenten Lech Wałesa, der Helmut Kohl am Vormittag des 9. November 1989 zum ersten Mal begegnete. Der Kanzler besuchte an diesem Tag Warschau und traf Wałesa, der schon 1983 den Friedensnobelpreis erhalten hatte. "‚Meine Herren’, sagte ich zu Kohl und Bundesaußenminister Genscher“, berichtet Wałesa. „Bald wird die Berliner Mauer fallen, bald wird die Sowjetunion zusammenbrechen. Seid ihr als die größte Kraft in Europa darauf vorbereitet?“
Und dann habe er von Kohl die Antwort bekommen: „Lieber Herr Wałesa, wir würden gerne solche Probleme haben. So etwas werden wir nicht mehr erleben. Bis es soweit ist, wachsen auf unseren Gräbern große Bäume.“
Das Erstaunliche an solchen Berichten ist, dass der spätere "Kanzler der Einheit“ selbst an dem Tag, an dessen Abend in Berlin die Mauer fiel, noch nichts von dieser Entwicklung ahnte. Zwei Jahre zuvor – im September 1987 – hatte Kohl ja DDR-Staatschef Erich Honecker noch in Bonn zu einem Besuch empfangen.
Freilich zeichneten sich der Kanzler und seine engsten Berater dadurch aus, dass sie die Chance zur deutschen Wiedervereinigung viel schneller als andere Politiker erkannten und diese auch überrumpelten. Schon am 28. November 1989 stellte der CDU-Politiker sein „Zehn-Punkte Programm zur Neuregelung der deutsch-deutschen Beziehungen“ vor, das bereits in Richtung Einheit wies. Davon war man nicht nur in Deutschland, sondern auch in Moskau, Paris und London überrascht.
Die damalige Krakauer Gymnasiastin Dagmara Jajesniak hätte auch nicht geahnt, dass sie drei Jahre später zu den ersten jungen Polen gehören würde, die an der inzwischen neu gegründeten Europa-Universität ein Studium aufnahmen. Heute leitet sie dort als Professorin ein „Zentrum für interdisziplinäre Polenstudien“. Und einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist der Vergleich der Transformationserfahrungen in der einstigen Volksrepublik Polen mit denen in der DDR.