● Im April 2021 starben vier Bewohner der Behindertenwohnanlage Oberlinhaus in Potsdam durch die Hand einer Mitarbeiterin
● Gegen die Angeklagte beginnt nun der Strafprozess vor dem Landgericht Potsdam
● Vorgeworfen wird ihr unter anderem vierfacher Mord
Alle Infos und bislang bekannten Hintergründe zum Fall gibt es hier:
Es ist ein Fall, der bundesweit für Aufsehen gesorgt hatte. Eine Angestellte der Potsdamer Betreuungseinrichtung Oberlinhaus hatte im April 2021 mehrere Bewohner des Hauses getötet. Am Dienstag, 26.10.2021, beginnt vor dem Potsdamer Landgericht der Prozess gegen die Frau. Was ist bislang über die Tat bekannt?

Oberlinhaus Potsdam: So sollen die vier Bewohner im gestorben sein

Das Potsdamer Wohnheim für Behinderte gehört zum Oberlinhaus. Das Oberlinhaus mit rund 2000 Beschäftigten ist Träger unter anderem von Einrichtungen der Behindertenhilfe. Am 28. April dieses Jahres sorgte die Tat einer langjährigen Mitarbeiterin deutschlandweit für Entsetzen.
Und so wird in der Gerichtsrolle des Potsdamer Landgerichts die Tat geschildert: „Die Angeklagte soll im Zustand erheblich verminderter Schuldfähigkeit zunächst zwei Bewohner einer Wohneinrichtung für Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen gewürgt haben; bei dem Geschädigten S., soll sie geglaubt haben, dessen Tod herbeigeführt zu haben; bei der Geschädigten W. soll sie zunächst von ihr abgelassen haben, weil sich das Würgen zur Herbeiführung des Todes als zu anstrengend erwiesen haben soll.“

Tiefe Schnitte im Halsbereich der Opfer

„Sodann soll sie ein mitgebrachtes Messer geholt und der Geschädigten H. damit eine tiefe Schnittverletzung in den Hals beigebracht haben, was zu deren Verbluten geführt haben soll. Danach suchte sie erneut die Geschädigte W. auf und brachte ihr ebenfalls einen tiefen Schnitt im Halsbereich bei, was auch zu deren Verbluten geführt haben soll.
Im Anschluss soll sie sich erneut zu dem Geschädigten S. begeben und auch diesem einen tiefen Schnitt in den Hals beigebracht haben, in dessen Folge dieser verstorben sein soll. Danach soll sie zu dem Geschädigten K. gegangen sein und diesem mehrere, tiefe Schnitte in den Halsbereich beigebracht haben, woran dieser kurze Zeit später infolge des Blutverlusts verstorben sein soll. Schließlich soll sie die Geschädigte T. aufgesucht und dieser gleichfalls eine tiefe Schnittverletzung im Halsbereich beigebracht haben. Die geschädigte T. konnte rechtzeitig einer ärztlichen Intensivbehandlung zugeführt werden und überlebte.“

Angeklagte soll vermindert schuldfähig sein

Die angeklagte Frau ist derzeit in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Der vorläufigen Einschätzung der Sachverständigen, die Mitarbeiterin habe die Taten im Zustand erheblich verminderter Schuldfähigkeit begangen, ist die Staatsanwaltschaft gefolgt.
Von verminderter Schuldfähigkeit sprechen Juristen, wenn die Fähigkeit des Täters oder der Täterin, das Unrecht einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln, erheblich verringert ist. Dies kann zum Beispiel wegen einer krankhaften seelischen Störung oder einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung so sein.

Wann beginnt der Mord-Prozess und wie wird weiter verhandelt?

Der Prozess gegen die angeklagte Frau beginnt am Dienstag, 26.10.2021, um 9 Uhr vor dem Potsdamer Landgericht. Der 52-Jährigen wird von der Staatsanwaltschaft Mord in vier Fällen sowie versuchter Mord in drei Fällen in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung vorgeworfen. Insgesamt sind aktuell zehn Verhandlungstage angesetzt. Und das sind die Termine:
Dienstag, 26.10.21, 9 Uhr
Dienstag, 02.11.21, 9 Uhr
Donnerstag, 04.11.21, 9 Uhr
Dienstag, 09.11.21, 9 Uhr
Donnerstag, 11.11.21, 9 Uhr
Dienstag, 16.11.21, 9 Uhr
Donnerstag, 18.11.21, 9 Uhr
Dienstag, 23.11.21, 9 Uhr
Dienstag, 30.11.21, 9 Uhr
Donnerstag, 09.12.21, 9 Uhr
Ob an dem 9. Dezember tatsächlich schon ein Urteil gesprochen wird, ist ungewiss.

Klage vor dem Arbeitsgericht – der aktuelle Stand

Im Sommer dieses Jahres hatte ein Anwalt der ehemaligen Pflegerin gegen die Entlassung seiner Mandantin durch das Oberlinhaus nach der Bluttat geklagt. Er hatte dabei am Rande des Erörterungstermines schwere Vorwürfe gegen den Arbeitgeber erhoben und von einer Überlastungssituation und Anzeichen für eine psychische Beeinträchtigung gesprochen, auf die nicht reagiert worden sei.
Der Anwalt hatte vor dem Arbeitsgericht verlangt, die Kündigung zurück zu nehmen und das Arbeitsverhältnis bei Zahlung von 81.620 Euro an seine Mandantin zum Ende des Jahres auslaufen zu lassen. Der Rechtsbeistand der Pflegeeinrichtung wies die Vorwürfe zurück und lehnte eine Zahlung auch mit Blick auf die getöteten Bewohner und deren Hinterbliebenen ab. Das Potsdamer Arbeitsgericht hatte zunächst das Verfahren ausgesetzt, bis der Prozess in der Strafsache vor dem Landgericht geklärt ist. Jetzt hat das Das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg (LAG) entschieden, dass das Kündigungsschutzverfahren fortzuführen ist. Damit haben die Richter einen Beschluss der Potsdamer Kollegen aufgehoben.

Wie begründet das Landesarbeitsgericht seine Entscheidung?

Zur Begründung hieß es vom LAG: Ein Aussetzungsgrund sei nur gegeben, wenn die strafrechtlichen Ermittlungen maßgeblich für die Entscheidung des Arbeitsgerichts seien. Dies könne im vorliegenden Fall für die Frage der Schuldfähigkeit der Mitarbeiterin nicht festgestellt werden. Bei einem Tötungsdelikt wie dem hier vorgeworfenen fehle der Mitarbeiterin „im Sinne eines personenbedingten Kündigungsgrundes die Eignung für die Tätigkeit auch bei fehlender Schuldfähigkeit“, hieß es. Eine weitere Zusammenarbeit sei auch in diesem Fall weder der Arbeitgeberin noch den weiteren Beschäftigten zumutbar.
Aus Sicht des LAG kommt es bei der Entscheidung des Arbeitsgerichts nicht auf das strafrechtliche Urteil an, sondern auf den „Verstoß gegen arbeitsvertragliche Pflichten und einen damit gegebenenfalls verbundenen Vertrauensbruch“.

Wie geht das Oberlinhaus Potsdam mit dem Verbrechen um?

Das Oberlinhaus in Potsdam hat den geplanten Beginn des Prozesses wegen des tödlichen Gewaltverbrechens an vier schwerstbehinderten Bewohnern begrüßt. „Es ist gut, wenn gründlich recherchiert worden ist, und es ist gut, dass der Termin jetzt feststeht“, sagte der theologische Vorstand des evangelischen Sozialunternehmens, Matthias Fichtmüller.
„Ich habe volles Vertrauen in die Justiz und bin mir absolut sicher, dass Ermittlungsbehörden und Gericht ihre Arbeit gut machen. Wir haben uns im vergangenen halben Jahr auf die Begleitung der Bewohnerinnen und Bewohner und Mitarbeitenden konzentriert und werden das auch in Zukunft machen“, sagte Fichtmüller: „Wir werden den Prozess nicht in der ersten Reihe mitverfolgen, wir haben andere Aufgaben.“