Vor 100 Jahren: Gefahr von rechts - der Kapp-Lüttwitz-Putsch

Angriff auf die Demokratie: Kapp-Putschisten 1920 in Berlin
dpa/dpaDie Reichsregierung hat am frühen Morgen Berlin in Richtung Dresden verlassen. Dem verdutzten Unterstaatssekretär erklärt der Putschist Wolfgang Kapp kurz und bündig: „Wir ergreifen die Regierungsgewalt.“ Kapp weist auf die im Hof befindlichen Truppen hin und bemerkt, dass er die Macht habe, Gewalt anzuwenden. Es beginnt ein erregter Wortwechsel. Albert bezeichnet Kapps Vorgehen als nachlässig und fordert die eingetretenen Herren auf, erst einmal den Hut abzunehmen. Ein Streit über Umgangsformen folgt, den Kapps Begleiter, der frühere preußische Unterstaatssekretär Friedrich von Falkenhausen, durch eine gegenseitige Vorstellung beendet.
Der hinhaltende Widerstand des Unterstaatssekretärs in dieser operettenhaften Szene lässt nichts Gutes ahnen. Die Putschisten um den ostpreußischen Generallandschaftsdirektor Kapp und General Walther Freiherr von Lüttwitz haben zwar am Morgen des 13. März 1920 Berlin besetzt. Sie müssen jedoch noch ihre Herrschaft durchsetzen und auf das gesamte Reichsgebiet ausdehnen.
Der Kapp-Lüttwitz-Putsch findet in einem sich radikalisierenden Klima statt. Groß ist die Verbitterung über den Versailler Friedensvertrag. Deutschland wird nicht nur die alleinige Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges zugeschrieben. Der Vertrag sieht auch Gebietsabtretungen, Reparationszahlungen und eine Begrenzung der Truppenstärke vor. Die sich verschlechternde wirtschaftliche Situation verstärkt den Protest, der sich rasch gegen die Weimarer Republik und deren Repräsentanten richtet.
Seitdem der Versailler Vertrag am 10. Januar 1920 in Kraft getreten ist, steuern Teile der Reichswehr mit Unterstützung rechtsextremer Nationalisten um Kapp auf einen Konflikt mit der Reichsregierung zu. Als unzumutbar gilt ihnen die vorgesehene Reduzierung der Heeresstärke der Reichswehr auf 100 000 Mann, die bis zum 10. Juli 1920 umgesetzt werden soll.
Zum Wortführer der von der Auflösung bedrohten Verbände macht sich General von Lüttwitz. Gegenüber Reichspräsident Friedrich Ebert und Reichswehrminister Gustav Noske, beide SPD, verlangt er am 10. März ultimativ die Rücknahme des Auflösungsbefehls. Zudem fordert er die sofortige Auflösung der Nationalversammlung und Neuwahlen zum Reichstag, die Einsetzung von „Fachministern“ und seine, Lüttwitz’, Ernennung zum Oberbefehlshaber der Reichswehr.
Ebert und Noske weisen das sofort zurück. Aber anstatt den putschwilligen General zu verhaften, begnügen sich beide damit, ihm den Abschied nahezulegen und ihn tags darauf zu beurlauben. Von Lüttwitz ist daher in der Lage, noch am 10. März das weitere Vorgehen mit Korvettenkapitän Hermann Ehrhardt, dem Kommandeur der nach ihm benannten Marinebrigade, zu besprechen und mit den wichtigsten Mitverschwörern Kontakt aufzunehmen.
Als die Brigade Ehrhardt in der Nacht zum 13. März bereits im Anmarsch auf Berlin ist, lehnen die Militärs unter Führung des Chefs des Truppenamtes, General Hans von Seeckt, eine militärische Gegenwehr gegen die Putschtruppen ab. „Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr“, so heißt es. Von Seeckt will die Reichswehr als innenpolitisches Machtinstrument intakt halten. Das Reichskabinett sieht daraufhin keine andere Wahl, als auf militärischen Widerstand zu verzichten. Ebert, Reichskanzler Gustav Bauer (SPD) und die meisten Minister verlassen die Stadt in Richtung Dresden. Die restlichen Minister mit Vizekanzler Eugen Schiffer (DDP) bleiben in Berlin.
Am Vormittag des 13. März ruft die SPD zum Generalstreik auf, dem sich am Nachmittag auch der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund anschließt. Der Generalstreik und die Weigerung der Ministerialbeamten, Befehle der neuen Machthaber zu befolgen, lassen die Aufrufe des „Reichskanzlers“ Kapp wirkungslos verpuffen. Kapp beginnt einzulenken und bemüht sich am 15. März um eine Verständigung mit der inzwischen nach Stuttgart ausgewichenen Regierung Bauer.
Da für die Regierung jedoch Kompromisse nicht infrage kommen und auch die Militärs von den Putschisten abzurücken beginnen, treten Kapp und Lüttwitz am 17. März zurück. Seinen Schritt begründet der selbst ernannte Reichskanzler damit, dass die äußerste Not des Vaterlandes jetzt den „einheitlichen Zusammenschluss aller gegen die vernichtende Gefahr des Bolschewismus“ verlange.
Mit gefälschten Pässen verlassen die meisten prominenten Putschisten Berlin. Blutig verläuft der Abzug der Marinebrigade Ehrhardt. Als sie unter den Klängen des Deutschlandliedes am 18. März zum Brandenburger Tor zieht und höhnisches Gelächter aus der Menge laut wird, eröffnen die Soldaten unverzüglich das Feuer. Zwölf Menschen werden getötet und 30 verletzt.
Der Generalstreik wird erst am 23. März beendet, nachdem zentrale Forderungen der Streikenden erfüllt worden waren. Zu heftigen Kämpfen zwischen Reichswehrtruppen, Freikorpseinheiten und Verbänden der Roten Ruhrarmee kommt es noch im Ruhrgebiet, in deren Folge mehr als 1000 Tote zu beklagen sind. Noske, der die putschistische Gefahr sträflich unterschätzt hatte, muss ebenso wie Reichskanzler Bauer seinen Hut nehmen. Neuer Reichskanzler wird der bisherige Außenminister Hermann Müller (SPD). In der Bevölkerung büßen die regierenden Sozialdemokraten massiv Ansehen ein. Die Quittung für ihre nachsichtige Haltung gegenüber den Militärs erhalten sie bei den Reichstagswahlen am 6. Juni 1920. Die SPD verliert nahezu die Hälfte ihrer Wähler.
Mit den Putschisten geht die Justiz schonend um. Verurteilt wird nur der frühere Berliner Polizeipräsident Traugott von Jagow, der in den Märztagen als Kapps Innenminister aufgetreten war. Wegen Beihilfe zum Hochverrat erhält er fünf Jahre Festungshaft. Ein Prozess gegen General von Lüttwitz findet nicht statt. Kapp wird zwar nach seiner Rückkehr aus Schweden im Frühjahr 1922 verhaftet. Er stirbt jedoch im Juni 1922, ohne zuvor verurteilt worden zu sein. Kapitänleutnant Ehrhardt wiederum, der für das Massaker am Brandenburger Tor verantwortlich war, kann nach Bayern flüchten.