Das bunte Riesenrad leuchtet schon von der Ferne auf den Weg: Trotz Energie-Krise dreht es sich auch im Jahr 2022 wieder auf dem Platz vor dem Roten Rathaus in Berlin. Die Gondeln, die man für sieben, ermäßigt vier Euro, besteigen kann, sind an diesem Wochentag gegen 17 Uhr nur zur Hälfte gefüllt.
Berliner und Touristen schlendern lieber entspannt durch die Gassen zwischen nostalgisch angehauchten Buden und schauen, was sie sich heute zum Feierabend oder als auswärtiges Abendbrot gönnen können. Viele studieren in diesem Jahr etwas genauer die Preise. Das Südtiroler Krustenbrot mit Schmand und Kartoffeln ist für sieben Euro zu haben, vier Erdbeeren mit Schokoladen-Soße überzogen kosten sechs Euro. Den Glühwein gibt es meist für fünf Euro, mit Schuss kostet er sieben, so viel wie ein Eierpunsch. Dazu braucht man noch drei Euro Pfand für den Pott mit Weihnachtsmarkt-Logo.

Am Wochenende wird es richtig voll

„Alles ist mindestens um 50 Cent teurer geworden“, sagt Gerlind (58), die sich nach der Arbeit mit ihrer Freundin getroffen hat. Die beiden sind trotzdem heute nicht das erste Mal auf dem Weihnachtsmarkt. „Am Samstag war es hier richtig voll, da wurde man schon fast durchgeschoben“, berichtet Marlies.
Auch der Rummel an der Frankfurter Allee in Lichtenberg mit seinen vielen Fahrgeschäften sei besonders von Familien mit Kindern gut besucht, berichtet die 63-Jährige, die in Hohenschönhausen wohnt und in Mitte arbeitet. „Die Leute haben was nachzuholen“, glaubt ihre Freundin im Rückblick auf die Corona-Jahre, während sie am „Schwarzwälder Glüh-Gin“ nippt.

Mit gebrannten Mandeln nach Feierabend belohnen

Auch Emilia (20) und Jelena (20) haben sich zwei Tassen mit Heißgetränken gegönnt. „Normalen Glühwein kann man sich ja im Supermarkt kaufen. Aber guter Punsch, das ist schon ein Aufwand, den man zu Hause eher selten betreibt“, erklärt Jelena. Ihre Freundin studiert gleich um die Ecke Jura. „Das ist gerade das härteste Semester. Da will ich mich auf dem Nachhauseweg mit etwas belohnen. Am besten mit gebrannten Mandeln“, sagt Emilia.
Doch gerade der verlockende Süßkram sei auf den Berliner Weihnachtsmärkten in diesem Jahr teurer geworden. Zum Glück seien wenigstens die Preise für die ungarischen Fladenbrote gleich geblieben „Bei Langos kann ich auch schwer nein sagen.“
Eislaufen trotz Energie-Krise: Weihnachtsmarkt-Besucher laufen um den Neptunbrunnen am Roten Rathaus in Berlin Schlittschuh.
Eislaufen trotz Energie-Krise: Weihnachtsmarkt-Besucher laufen um den Neptunbrunnen am Roten Rathaus in Berlin Schlittschuh.
© Foto: Monika Skolimowska/dpa
Die luftgetrocknete französische Salami (8,50 Euro das Stück) ist dagegen um einen Euro teurer geworden. „Momentan kosten die Leute mehr als sie kaufen“, sagt der Verkäufer, der regelmäßig ein Brettchen mit Häppchen zum Probieren über die Auslage reicht.
Auch beim Flammlachs (mit Spaghetti und Kräuterrahmsoße für 13 Euro) haben sich um diese Zeit noch nicht so viele Esser um das offene Feuer eingefunden. „Am Wochenende lief es aber ganz gut“, sagt Rambo Bügler, der den Familienbetrieb aus Mönchengladbach führt. Obwohl Fisch derzeit wie auf der Börse gehandelt werde, habe er seine Preise zum Vorjahr nur um 50 Prozent erhöht.
Rambo Bügler aus Mönchengladbach heizt den Ofen für den Flammlachs an, den er seit vielen Jahren auf dem Weihnachtsmarkt am Roten Rathaus in Berlin verkauft.
Rambo Bügler aus Mönchengladbach heizt den Ofen für den Flammlachs an, den er seit vielen Jahren auf dem Weihnachtsmarkt am Roten Rathaus in Berlin verkauft.
© Foto: Maria Neuendorff
Um seine Ausgaben zu reduzieren, hat er seine Budenbeleuchtung auf LED umgerüstet. „Das ist bei dem nostalgischen Ambiente gar nicht so einfach. Früher waren das alles Halogen-Scheinwerfer“, berichtet der Standbetreiber, der seit 15 Jahren zur Adventszeit nach Berlin reist.
Die Lichterketten, eine Gasse weiter, bleiben dagegen Ladenhüter. „Ich habe schon extra rangeschrieben, dass sie nur zwei Watt verbrauchen“, erzählt die langjährige Standbesitzerin. In diesem Jahr sei der Verkauf um rund 50 Prozent eingebrochen, „Ich bin aber trotzdem ganz zufrieden, denn die Leute kaufen das hier“, sagt die Mittfünfzigerin und zeigt auf ihre edlen ledergebundenen Notizbücher in der Auslage.

Lichterglanz und Kultur in den Späth’schen Baumschulen

Zufrieden ist auch Holger Zahn, Chef der Späth’schen Baumschulen, der mit seinem Team auch in diesem Jahr an den Adventswochenenden zum „Lichterglanz im Tannenwald“ auf das historische Gelände in Treptow lädt. „Wir haben lange überlegt, ob wir das diesmal stemmen können, weil sich unsere allgemeinen Kosten insgesamt verdoppelt haben“, berichtet der 62-Jährige.
So habe man den Eintritt von fünf auf acht Euro erhöhen müssen und die Preise für Glühwein, Thüringer Rostbrätel und Bratwurst seien um rund zehn Prozent gestiegen. „Die Besucher zeigen aber total Verständnis. Was uns sehr glücklich macht. Es gab keine Diskussionen oder Gemecker. Die Händler haben gut verkauft“, freut sich Zahn.
Auch die Späth’schen Baumschulen bitten an den ersten drei Adventswochenenden zu einem der schönsten Weihnachtsmärkte von Berlin in historischer Umgebung. Lichterglanz erfüllt das weitläufige Gelände. Der Weihnachtsmann reist mit Weihnachtsengel an.
Auch die Späth’schen Baumschulen bitten an den ersten drei Adventswochenenden zu einem der schönsten Weihnachtsmärkte von Berlin in historischer Umgebung. Lichterglanz erfüllt das weitläufige Gelände. Der Weihnachtsmann reist mit Weihnachtsengel an.
© Foto: DANIELA INCORONATO
Damit die Leute auch merkten, dass sie für ihr Geld etwas geboten bekommen, habe man das Kulturprogramm in diesem Jahr sogar noch erweitert. Im Eintrittspreis mit inbegriffen sind unter anderem Monbijou-Theater, Kremserfahrten, Aktivitäten im Weihnachtsbastel-Zelt sowie eine Feuer-Performance zum Abschluss jedes Weihnachtsmarkt-Tages.
„All Inclusive“ ist auch erstmalig das Motto an der Stralauer Allee in Friedrichshain-Kreuzberg. Am Ufer nahe der Oberbaumbrücke wurden neben dem Spreespeicher nicht nur Buden, sondern auch Heizpilze aufgestellt. In den Tickets des „All-Inclusive-Weihnachtsmarktes“, die man im Internet für 25 bis 40 Euro buchen kann, sind alle Getränke (bis auf Longdrinks) und Speisen, von der Pilzpfanne bis zum finnischen Flammlachs-Baguette, enthalten. So kann man sich je nach Buchung ab 17 Uhr, 18.30 Uhr oder 20 Uhr so viel Quarkkeulchen, Brezeln und Bratäpfel genehmigen, wie der Magen verträgt.
„Die Erfahrung der ersten Öffnungstage zeigt, dass es an einigen der insgesamt elf Hütten wie zum Beispiel beim Pulled Christmas Pork Burger für eine kurze Zeit zu Wartezeiten kommen kann“, erklären die Veranstalter auf ihrer Webseite. Zeit überbrücken kann man unter anderem beim Eisstockschießen, Baumstammnageln und am Lagerfeuer, was alles ebenfalls inklusive ist.
Corona-Beschränkungen gibt es auf den rund 70 Berliner Weihnachtsmärkten nicht mehr, und selbst die Eisbahnen wurden trotz der Energie-Krise in diesem Jahr wieder aufgebaut. Mancherorts geht das auch emissionsfrei wie mit der Kunststoff-Bahn am Kranzler-Eck in Charlottenburg, die ab dem 2. Dezember bis zum 23. Dezember immer donnerstags bis samstags und am verkaufsoffenen Sonntag (18. Dezember) von jeweils 14 bis 19 Uhr geöffnet hat.

Kunst-Eisbahn und Glühwein für drei Euro

Die Nutzung der 160 Quadratmeter großen Eisbahn sowie der Eintritt in die Winterlounge und sind an allen zwölf Veranstaltungstagen kostenfrei. Schlittschuhe können für 5 Euro geliehen werden, der Glühwein wärmt dort dagegen schon für 3 Euro, der Kinderpunsch für 2,50 Euro. Zu den Ausstellern in den Pagodenzelten des „Charity-Weihnachtsmarktes“ gehören unter anderem Arche Engel, der Kulturverein Brieselang mit dem Märkischen Künstlerhof sowie der Wärmebus des Deutschen Roten Kreuzes.
Etwas aufwärmen kann man sich auch in den geräumigen Hütten auf dem Breitscheidplatz, in denen zum Teil sogar die Fußball-WM gezeigt wird. Auch am grauen Dienstagnachmittag schlendern schon zahlreiche Berliner und Touristen über den festlich geschmückten Platz im Herzen der City West. „Wir freuen uns, dass der Weihnachtsmarkt mit rund 100 Ständen auch in diesem Jahr den erhofften Anklang bei unseren Besuchern findet, und sind froh, dass sie in weihnachtliche Stimmung kommen“, sagt Peter Müller, zweiter Vorsitzender des Berliner Schaustellerverbands. Man habe die Glühweinpreise aus den letzten Jahren beibehalten können, betont er. Auch Händler anderer Produkte hätten so gut es geht auf Preissteigerungen verzichtet, um den Weihnachtsmarktbesuch nicht zu einer finanziellen Ausnahme werden zu lassen.
Christian und Diana aus Berlin-Steglitz genehmigen sich trotz erhöhter Preise auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz Glühwein.
Christian und Diana aus Berlin-Steglitz genehmigen sich trotz erhöhter Preise auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz Glühwein.
© Foto: Maria Neuendorff
Doch der subjektive Blick auf die Preisschilder vermittelt einen anderen Eindruck. Dünne Fleischspieße und kleine Schalen Bratkartoffeln werden für sieben Euro aufwärts über die Budentresen gereicht. „Die Spezialitäten sind nicht nur teurer geworden, sondern die Portionen auch kleiner“, findet Diana (55) aus Steglitz und zeigt auf das handgroße Tellerchen mit Champignons vor ihr auf dem Holztisch, für das sie ebenfalls sieben Euro berappt hat.
Nach der kleinen Stärkung ordert ihr Mann Glühwein, für den alleine das Glaspfand 5 Euro beträgt. „Was soll’s, dafür arbeiten wir ja“, sagt der 56-Jährige lachend. „Wenigstens einmal im Jahr muss man sich die vorweihnachtliche Stimmung einfach mal geben.“