Wohnung in Berlin: Hausbau mit Holz ‒ Uni begleitet Großprojekt

Holz und Grünpflanzen an der Fassade für eine umfeldfreundliche Wohnung: Das Schumacher Quartier am Rande des stillgelegten Flughafens Berlin Tegel wird größtenteils in Holzbauweise entstehen.
Tegel-Projekt-GmbH_rendertaxiWer in Berlin eine umweltfreundliche Wohnung sucht, wird vielleicht künftig in Treptow-Köpenick fündig: Dort feiert am 8. Mai die Wohnungsbaugesellschaft degewo die Grundsteinlegung für ein Klimahaus mit 112 Wohnungen. An dem achtgeschossigen Energieeffizienzhaus in Holzhybridbauweise will das landeseigene Unternehmen den klimafreundlichen Wohnungsbau erproben, um neue Baustandards zu entwickeln.
Der Startschuss für den Neubau der ersten Holz-Compartmentschule Mahlsdorf war dagegen schon Ende April. In den nächsten vier Jahren sollen bis zu zehn Berliner Grund- und Oberschulen in Holzbauweise entstehen. Und dass am ehemaligen Flughafen Tegel Europas größtes urbanes Holzbau-Wohn-Quartier mit rund 5.000 Wohnungen hochgezogen werden soll, sorgt schon lange für internationale Aufmerksamkeit.
Berlin beim Holzbau auf Platz 1
Berlin ist Holzbau-Hauptstadt. Laut einer Marktstudie von bulwiengesa, einem unabhängigen Beratungs-, Analyse- und Bewertungsunternehmen der Immobilienbranche, liegt Berlin in Sachen Holzbau auf Platz 1, knapp vor Bayern.
Laut der Studie steigen die Zahlen für Genehmigungen und Fertigstellungen von Holzbauten kontinuierlich an. „2022 lag die Holzbauquote an allen genehmigten Mehrfamilienhäusern in Deutschland bei rund 3,8 Prozent. Bei Ein- und Zweifamilienhäusern lag die Quote hingegen bei 22,7 Prozent“, heißt es darin.
„Allerdings stellte sich in der Studie auch heraus, dass wir vom gesamten deutschen Projektentwicklervolumen gerade einmal einen Anteil von 2,5 Prozent im Holzbau haben“, erklärt Sun Jensch von der Koalition für Holzbau, einer Initiative für nachhaltiges Bauen.
Das liegt wohl immer noch an den höheren Baukosten. Die bewegen sich bei Holz derzeit zwischen sechs und zwölf Prozent über denen von konventionellen Methoden, was einen Preisunterschied von durchschnittlich 300 Euro pro Quadratmeter macht.
„Ausschlaggebend ist aber, wie komplex ein Vorhaben ist“, betont Birte Jessen, Sprecherin der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Gesobau. So würden inzwischen bei Einfamilienhäusern teilweise Holzbaulösungen zu identischen Preisen wie bei konventioneller Bauweise angeboten. Im Geschoss- beziehungsweise Hochhausbau kommt es aufgrund höherer technischer Anforderungen wie beim Brandschutz und Schallschutz zu Mehrkosten gegenüber einer konventionellen Bauweise.

Blick auf einen mehrgeschossigen Bau aus Holz in Berlin-Wedding mit 98 Wohnungen und sieben Gewerbeeinheiten.
Lothar Ferstl/dpaDoch auch bei der Gesobau gewinnt das Bauen mit Holz an Bedeutung. Neben den geplanten Neubauten im Schumacher Quartier prüft die städtische Wohnungsbaugesellschaft derzeit nach eigenen Angaben Konzepte und Potenziale für Holz-Neubauprojekte auch im Rahmen von Nachverdichtungen im eigenen Bestand. „In der konkreten Planung befinden sich derzeit einige kleinere Vorhaben mit zusammen mehr als 100 Wohneinheiten“, so Jessen.
Vorteile hätte dabei vor allem der Holzhybridbau. Dabei werden neben Holz auch andere Baustoffe wie Stahl und Beton verarbeitet. „Der Holzhybridbau bietet die Möglichkeit, insbesondere die technisch anspruchsvollen Bauteile wie statisch relevante Konstruktionen und Fluchtwege in kostengünstiger Massivbauweise zu errichten“, erklärt Jessen. Bei Vorfertigung könne bei Aufstockungen eine schnelle Bauweise erfolgen. Darüber hinaus ließen sich Flächengewinne durch geringe Wandaufbauten erzielen.
Laut bulwiengesa-Marktstudie haben Materialien der Holzbaubranche eine weniger sprunghafte Preisentwicklung und seien daher gut kalkulierbar. Mit Zuwächsen von rund 40 Prozent für Konstruktionsteile aus Holz und bis zu rund 66 Prozent für vorgefertigte Gebäude aus Holz seien die Preise seit 2015 langsamer gestiegen als die für herkömmlichen Baustoffe.
Förderung von Holz-Neubauten
● Laut Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen gibt es keine explizite Förderung von Holzbau oder Holzhybridbau.
● Jedoch könnten Zuschüsse bis zu 25.000 Euro pro Wohneinheit für Vorhaben mit besonderem Mehraufwand unter anderem für ressourcenschonende Bauweisen oder für besondere experimentelle Ansätze für den Wohnungsbau gewährt werden.
● Voraussetzung: Der Bauherr kann den Mehraufwand im Vergleich zu ähnlichen Vorhaben in konventionellen Bauweisen nachweisen. (neu)
Auch die Tegel Projekt GmbH wirbt mit einer neuen Studie der Technischen Universität Berlin (TU) für den Einsatz von Holz im Berliner Wohnungsbau. Der Baustoff habe nicht nur eine deutlich bessere Klimabilanz als herkömmliche Baustoffe wie Beton oder Ziegel, sondern sei regional erhältlich und könnte eine positive Auswirkung auf die Forstwirtschaft haben, heißt es darin.
Für die Studie hat ein Forscherteam der Universität eines der geplanten Gebäude im Schumacher-Quartier untersucht. Für den vierstöckigen Wohnblock ohne Keller wurden mehrere Bauvarianten durchgerechnet: vom herkömmlichen Betonbau bis zum Vollholzbau mit Spezialmaterial. „Den ersten Platz nehmen Massivholzbauweisen ein, gefolgt von Holzrahmen-Leichtbauweisen“, so das Fazit der Untersuchung.
35 bis 56 Prozent weniger Treibhausgase
Mineralbasierte Bauweisen mit Beton oder Ziegeln schneiden hingegen bei der Klimabilanz am schlechtesten ab. Anders als Beton oder Stahl muss Holz laut der Tegel Projekt GmbH nicht mit hohem Energieaufwand produziert werden und es entstehen keine prozessbedingten CO2-Emissionen. Beim Bau von Einfamilienhäusern in Holzbauweise entstünden deshalb im Vergleich zu herkömmlichen Materialien 35 bis 56 Prozent weniger Treibhausgase.
Laut der TU-Studie liege der Holzbedarf für das neue Wohnquartier je nach Bauart zwischen 139.515 und 382.582 Kubikmetern. Bei einer Bauphase von zehn Jahren könnte das neue Viertel nördlich des stillgelegten Flughafens komplett mit Holz aus den Berliner Forsten errichtet werden. Nimmt man die Brandenburger Wälder dazu, könne der Holzbedarf komplett aus der Region bedient werden, heißt es. Denn alleine in Brandenburg würden pro Jahr knapp 880.000 Kubikmeter Fichtenholz gefällt.
Schule in Mahlsdorf größtenteils auch aus Holz
Das Holz für die neue Schule in Mahlsdorf wurde allerdings in Österreich geerntet. In einer großen Halle in Köpenick werden aus dem nachwachsenden Baustoff Module gefertigt, die wiederum vor Ort von einem Kran auf die Bodenplatten gesetzt werden. Nur diese und das zentrale Treppenhaus sind aus Beton. „Durch den hohen Vorfertigungsgrad der Raummodule wird die Bauzeit im Vergleich zur konventionellen Bauweise halbiert“, erklärt Christian Gaebler, Senator für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen. Bereits in drei Monaten soll der Rohbau stehen, in 13 Monaten die Schule an den Bezirk übergeben werden. „Schneller können neue Schulplätze nicht geschaffen werden.“

Das „Quartier der Vielfalt“ in Treptow-Köpenick ist aktuell das größte Bauprojekt der degewo. In nachhaltiger Holzhybridbauweise wird am Bohnsdorfer Weg bis 2027 Wohnraum für rund 1.500 Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen geschaffen.
Entwurf: Dahm-Architekten+ Ingenieure GmbH„Holz hat viele Vorteile“, sagt auch Stefan Weidelich, Sprecher der degewo. Es könne durch den höheren Vorfertigungsgrad nicht nur deutlich schneller gebaut werden, sondern die Geräuschimmissionen auf der Baustelle seien viel geringer, da das sehr laute Bohren in Beton und Schneiden von Stahl weitestgehend entfallen. Das sei in einer immer weiter zusammenrückenden Stadt ebenfalls wichtig, so Weidelich.
Raumklima in Wohnungen ist angenehmer
„Es gibt auch Studien, die zeigen, dass das Raumklima in Holzbauten für den Nutzer angenehmer ist. Ein wichtiger Umweltaspekt ist, dass verbautes Holz CO2 bindet, während die weltweite Herstellung von Beton deutlich mehr CO2 freisetzt als der globale Flugverkehr.“
Der Holzbau ist für degewo noch relativ neu. „Bisher wurden acht Häuser als Holzhybrid realisiert“, berichtet der Unternehmenssprecher. Neben dem anstehenden experimentellen Klimahaus in Treptow-Köpenick, das im Sommer 2025 eröffnen soll, hat die kommunale Wohnungsbaugesellschaft erst vor wenigen Tagen am Bohnsdorfer Weg in Treptow-Köpenick den Grundstein für das „Quartier der Vielfalt“ gelegt. Bis auf eines der zwei- bis viergeschossigen Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 462 Wohnungen werden dort alle in der Holzhybridbauweise errichtet, inklusive der angeschlossenen Kita.

Im Spandauer Ortsteil Wilhelmsstadt in Berlin hat die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft degewo zwei Häuser in Holz-Hybrid-Bauweise mit jeweils 38 Mietwohnungen in verschiedenen Größen errichten lassen.
Cornelia Freiheit/degewoDoch wie in vielen anderen Bereichen hapert es auch in der Holzbaubranche an Fachkräften. „Im Berliner Raum fehlen jahrelange Erfahrungswerte und Expertise im Holzbau, die alle Beteiligten sich erst erarbeiten müssen“, betont Gesobau-Sprecherin Birte Jessen. „Daher ist der Planungsaufwand aktuell noch sehr hoch“.
Traditionsreicher Baustoff
Holz zählt zu den ältesten Baustoffen. Holzbauten, wie das Fachwerkhaus, waren bis ins 19. Jahrhundert Normalität. Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Holzbauten in Mitteleuropa allmählich durch Mauerwerksbauten ersetzt, da diese als stabiler, langlebiger und vor allem feuerresistenter galten.
Der erneute Aufschwung begann in den 1970er Jahren. Holzbaumethoden aus den USA wurden in Mitteleuropa eingeführt. Ende 1998 erfolgte in Deutschland die bauordnungsrechtliche Zulässigkeit von Brettsperrholz, welches sich als Primärkonstruktion für Gebäude verwenden lässt.
Seitdem hat sich der Holzbau in Deutschland wieder stärker etabliert. So entstand beispielsweise 2019 das erste Holzhochhaus „Skaio“ in Heilbronn. (Quelle: Marktstudie bulwiengesa)

