Wohnung in Berlin-Spandau
: Wohnen ohne Autos – so funktioniert das Quartier der Zukunft

In Berlin-Spandau gibt es derzeit viele Bauprojekte, die ein besonderes Mobilitätskonzept versprechen. Die Autos sollen draußen bleiben. Wie funktioniert so ein Quartier?
Von
Jessica Neumayer
Spandau
Jetzt in der App anhören
Elektroroller der Firma "Emmy" und Fahrräder des Anbieters "Deezer Nextbike" stehen auf der Fläche des Mobilitätshub Jelbi. Eine Auswahl von verschiedenen Sharing-Fahrzeugen unterschiedlicher Anbieter, vom Auto, über Fahrräder und Roller, stehen ab dem 12.04.2019 zur Nutzung bereit. +++ dpa-Bildfunk +++

Das Quartier Neues Gartenfeld wird autofrei geplant. Alles, was vier Räder hat, bekommt einen eigenen Stellplatz am Rande der Insel.  Wie auch im Quartier Waterkant werden sich die Verkehrsmittel ergänzen. Ähnlich wie auf diesem Bild, werden an zentralen Punkten verschiedenen Sharing-Fahrzeugen auf einer Fläche eines Jelbi Mobilitätshubs zur Nutzung angeboten.

picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Neues Gartenfeld, Siemensstadt Square und Waterkant. Diese drei Quartiere in Berlin-Spandau haben eines gemeinsam: ein zukunftsgewandtes, nachhaltiges Mobilitätskonzept. Immer wieder wird darin der Begriff „autoarm“ genannt. Doch was heißt das genau? Damit ein Quartier ohne Autos funktionieren kann, müssen sich ein paar Dinge ändern. Allem voran die Einstellung der Menschen.

Autoarm hat nichts mit einem Autoverbot zu tun, betont Thomas Kreher. Der Verkehrswirtschaftler von der inno2grid GmbH und sein Team haben unter anderem das Mobilitätskonzept für das Quartier Neues Gartenfeld entwickelt. „Es wird kein autofreies Quartier.“ Das ginge auch gar nicht, da eine große Hauptstraße über die Insel führt.

Wohnen in Spandau mit Parkplätzen außerhalb

Das Quartier bietet die Herausforderung, dass eine Menge neuer Wohnungen auf sehr begrenztem Platz entstehen. Dazu komme, dass viele der umliegenden Straßen teilweise schon jetzt an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. „Unsere Intention war es, ein Quartier zu planen, ohne dass die umliegenden Straßen kollabieren.“

Die Lösung liege im Umdenken bezüglich der Nutzung von Verkehrsmitteln. Autoarm bedeutet in diesem Fall: „Alles, was vier Räder hat, wird am Eingang und Ausgang der Insel untergebracht“, sagt der Mobilitätsplaner. Ziel ist es, die Möglichkeiten des Quartiers optimal zu nutzen. „Mit einem klugen Stellplatzkonzept.“

Hochhaus Neues Gartenfeld, Bauprojekt in Berlin-Spandau, Insel Gartenfeld, Visualisierung

Das Quartier Neues Gartenfeld entsteht auf der Insel Gartenfeld. 3700 Wohnungen sollen hier letztendliche gebaut werden. Für mehr Aufenthaltsqualität im Quartier sollen die Autos platzsparend an den Ein- und Ausgängen des Stadtviertels untergebracht werden.

ioo Architekten

In der Umsetzung gibt es dafür verschiedene Möglichkeiten. „Es wird keine oberirdischen Parkplätze im Quartier geben." Folglich gibt es mehr Freiraum, mehr Platz für Kinder zum Spielen und mehr Aufenthaltsqualität, sagt Kreher. „Sobald die Autos draußen sind, bleibt das CO₂ auch draußen.“

In den neuen Parkhäusern werden Bewohnerparkplätze und Fahrzeuge der sogenannten „Shared Mobility“ kombiniert. Die Unterkünfte für Autos seien als zentrale Umsteigepunkte zu sehen. Die Feinerschließung passiere dann mit Fahrrädern, Lastenrädern, Scootern und Co. „Keiner wird 20 Minuten durch Wind und Wetter nach Hause laufen müssen“, sagt Kreher.

Der Einkauf könne natürlich weiterhin bis zur Tür gefahren werden. Dafür seien Ladebuchten eingeplant. Auch Parkplätze für bewegungseingeschränkte Personen wird es geben. „Die Diskussion ist eher ein ‚Auto und ...‘ und nicht ein ‚Auto oder ...‘“, sagt der Mobilitätsplaner.

Mobilität der Zukunft ist flexibel und vielseitig

Wenn über das Thema Mobilität gesprochen wird, hieße das auch, über Flexibilität zu sprechen. Das fordere jedoch ein Umdenken und vor allem ein Verändern von Gewohnheiten. „Wenn ich als Kind immer nur mit dem Auto irgendwohin gefahren wurde, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich mir später auch eher ein Auto hole“, führt Kreher aus.

Eine zukunftsgewandte Nutzung von Verkehrsmittel sei jedoch, das Verkehrsmittel zu nehmen, das für den Weg am sinnvollsten ist und nicht das Fahrzeug, das der Gewohnheit entspreche.

Bei seinen Projekten begegne ihm häufig Skepsis, erzählt Kreher. Schon früh in seinem Studium der Verkehrsplanung und Betriebswirtschaftslehre hat er sich darauf spezialisiert, Städte, die auf einen Kapazitätsengpass zusteuern, zukunftsfähig zu machen. „Wir müssen das Verkehrssystem multimodaler gestalten und nicht nur ein Verkehrsmittel in den Vordergrund stellen.“

Der Fokus liege zukünftig nicht mehr nur auf dem Auto. Die Anbindung des Quartiers läuft über die öffentlichen Verkehrsmittel. „Hauptlast soll über den U-Bahnhof Paul-Stern-Straße und die S-Bahn laufen.“ Wenn zukünftig die neue Brücke gebaut ist, wird Gartenfeld auch an der reaktivierten Siemensbahn angeschlossen sein. Auch die Buslinien 133 und X33 wird es weiterhin geben, um die Insel über die Gartenfelder Straße zu erreichen. Das Zusammenspiel aller Verkehrsmittel ist notwendig.

Wie eine funktionierende Verbindung verschiedener Verkehrsmittel aussehen kann, wird am Quartier Waterkant deutlich. „Waterkant ist das Quartier mit der höchst frequentierten Jelbi-Nutzung“, berichtet Baustadtrat Thorsten Schatz.