Ob zum Schlittschuhlaufen, fotografieren oder Eishockey spielen – die eisig funkelnden zugefrorenen Seen in Brandenburg und Berlin ziehen viele Menschen geradezu magisch an. Wann kann man auch sonst „übers Wasser gehen“? Obwohl es in den vergangenen Tagen zum Glück noch keine schweren Unfälle auf gefrorenen Gewässern in Brandenburg gab, rät die Polizei dringend vom Betreten von Eisflächen ab.
Wer auf das Eis gehe, tue dies grundsätzlich auf eigene Gefahr, sagt Mario Heinemann, der Leiter der Pressestelle des Polizeipräsidiums Brandenburg. Er räumt auch mit einer gängigen Fehlannahme auf: „Die Mär, dass die Polizei Eisflächen freigibt, kursiert seit Ewigkeiten, entbehrt aber jeglicher Grundlage.“ Das bestätigt auch eine Sprecherin der Stadt Potsdam. Weder Feuerwehr noch Polizei würden Eisflächen zum gefahrlosen Betreten freigeben. Die Landeshauptstadt hatte auf ihrer Internetseite ausdrücklich davor gewarnt, auf die gefrorenen Seen zu gehen.

Tragfähigkeit des Eises hängt von vielen Faktoren ab

Landes-Polizeisprecher Heinemann wundert sich über den Leichtsinn der Menschen, die vereiste Gewässer betreten: „Normalerweise sollte der gesunde Menschenverstand ausreichend sein, dass zugefrorene Seen nicht betreten werden. Wer dies tut, begibt sich selbst in Lebensgefahr.“ Auch die Brandenburger Polizeidirektion Süd mit Sitz in Cottbus warnte bereits am Donnerstag vor den Gefahren auf Eisflächen. Eltern sollen ihre Kinder für die Risiken sensibilisieren. Die Tragfähigkeit der Eisschicht hänge von mehreren Faktoren, etwa vom Gewässer, von möglichen Strömungen oder Sonneneinstrahlungen und von der Beschaffenheit des Eises ab und sei daher schwer einzuschätzen. Breche ein Mensch in das eiskalte Wasser ein, könne er sich maximal drei Minuten lang aus eigener Kraft an der Oberfläche halten, bevor er ohne fremde Hilfe verloren sei.

„Jeder, der jetzt aufs Eis geht, ist lebensmüde“

Die Brandenburger sollten sich daher nicht auf das Eis begeben und Rettungseinsätze herausfordern, sagt Polizeisprecher Heinemann: „Ich hoffe, die meisten Menschen halten sich auch daran und ersparen sich selbst und auch den Rettungskräften die Erfahrungen mit eiskaltem Wasser.“ Auch die potenziellen Retter warnen mit eindrücklichen Worten vor den Gefahren auf vereisten Gewässern: „Jeder, der jetzt aufs Eis geht, ist lebensmüde“, sagte der Sprecher der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) in Brandenburg, Daniel Keip, am Donnerstag. Die Eisflächen seien trotz Minusgraden „noch lange nicht“ dick genug, um Menschen dauerhaft tragen zu können.
Trotz der Warnungen bereiten sich die Einsatzkräfte natürlich auf den Ernstfall vor. Am Sonntagmorgen führte die Feuerwehr Fürstenwalde eine Übung durch, die die Rettung hilfloser Personen aus dem eiskalten Wasser der Spree simulierte. Hier ist das Betreten aufgrund der Strömung unter der Eisschicht noch riskanter als an Seen. Das bestätigt auch ein Sprecher der Berliner Feuerwehr: „Bitte auf keinen Fall zugefrorene Fließgewässer betreten“, sagte er. Ein Einbruch könne dort lebensgefährlich sein, wenn man unter die Eisfläche gezogen werde. Oder, Spree, Havel, Elbe und Neiße sind damit in jedem Fall tabu – egal, wie dick die Eisschicht ist.
Laut einer Studie unter Leitung der schwedischen Universität Uppsala, bei der im Winter 2020/21 wiederholt Proben von Eisschichten von 31 Seen, darunter auch der Stechlinsee, in 10 Ländern auf der Nordhalbkugel genommen und analysiert wurden, wird das Betreten von vereisten Seen künftig sogar noch seltener risikoarm möglich sein. Aufgrund der Erderwärmung werden die Tage mit Temperaturen konstant unter dem Gefrierpunkt rarer. Die Folge: Auf den Seen entsteht, wenn die Temperatur um null Grad schwankt, trübes, poröses „weißes Eis“ mit hohem Sauerstoffanteil. Das ist bei weitem nicht so tragfähig und belastbar wie „schwarzes Eis“, das sich bei konstanten Minusgraden bildet.

Diese Woche wird für Brandenburg Tauwetter erwartet

Ohnehin wird sich das Thema in Brandenburg wahrscheinlich fürs Erste bald erledigt haben: Für den Rest der Woche sind deutliche Plusgrade angekündigt. Eine weiße Weihnacht wird wohl dieses Jahr ausbleiben. Die Eisschicht auf den Seen wird also noch dünner, das Betreten noch gefährlicher. Zum Glück kann man die winterliche Landschaft auch am sicheren Ufer genießen – und schöne Fotos lassen sich dort ebenfalls schießen.