Für Frankfurt (Oder) ist der Dienstag (24. Januar 2023) ein entscheidender Tag. Hoher Besuch weilt in der Stadt, um in Augenschein zu nehmen, ob das Zukunftszentrum Europäische Transformation und Deutsche Einheit in dieser Stadt am idealen Platz wäre – 15 Entscheiderinnen und Entscheider, die die Zukunft dieser Stadt in nicht unbedeutendem Maß in der Hand haben.
Mehr als ein Jahr Kampagnenarbeit erreichen einen vorläufigen Höhepunkt. Frankfurt ist nach Eisenach, Halle und Jena die vorletzte Bewerberstadt, die inspiziert wird. Am 7. Februar folgen noch Leipzig und Plauen, die sich als Tandem bewerben. Irgendwann zwischen Mitte und Ende Februar – ganz fix ist das Datum wohl immer noch nicht – soll laut Vorsitz der Auswahlkommission die Entscheidung fallen.

Hoffnung auf den „Bilbao-Effekt“

Es geht weniger um die 200 Millionen Euro Investitionssumme oder die rund 180 Arbeitsplätze, die entstehen sollen. Sondern um den sogenannten „Bilbao-Effekt“. Auf den spielte Matthias Platzeck (SPD) bereits 2020 an. Brandenburgs ehemaliger Ministerpräsident hat den Vorsitz der Arbeitsgruppe „Zukunftszentrum für Europäische Transformation und Deutsche Einheit“. Mit „Bilbao-Effekt“ meint er die Strahlkraft eines Aufsehen erregenden Baus, ähnlich dem 1997 eröffneten Guggenheim-Museum, das die nordspanische Stadt Bilbao aus dem spätindustriellen Niedergang aufstehen half. Mehr als eine Million Besucher zählt es jährlich – eine solche Marke strebt der Bund auch mit dem Zukunftszentrum an.
Dabei soll es zwar mehr als ein Museum werden – ein Ort für Forschung, Dialog und Debatte und für Kultur. Aber auch dieses Haus soll leuchten als Ikone der Architektur, die idealerweise einen strukturschwachen, von Transformation und Brüchen geprägten Ort aufwertet. Noch in diesem Jahr soll der Architekturwettbewerb starten.

Baugrundstück mit europäischer Strahlkraft hat Frankfurt

Als Antwort auf die maßgebliche Grundstücksfrage der Jury wird Frankfurt (Oder) sein Filetgrundstück links und rechts der Slubicer Straße am Brückenkopf nach Polen präsentieren. Hier stand bis 2012 die wuchtige Grenzabfertigungsanlage, davor verlief hier die EU-Außengrenze, davor der zumeist abgeriegelte Schlagbaum zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen. Es war eine der brutalsten und schmerzhaftesten Grenzen im Nachkriegseuropa. Und ihre Härte wirkt bis heute nach, wenn auch die Doppelstadt sich langsam entfaltet. Sonst würde sich Frankfurt mit dieser städtebaulichen Leerstelle nicht als „Stadt der Brückenbauer*innen“ bewerben. An die Oderbrücke anschließend ist es schon wegen der Topografie das europäischste unter den aufgebotenen Baugrundstücken – ein Trumpf.

Underdog Eisenach überrascht mit starkem Bürgerrückhalt

Die Ausschreibungskriterien seien wie für Frankfurt gemacht, werden Oberbürgermeister René Wilke (Linke) und die Macher und Unterstützer der Kampagne beim Jury-Besuch nochmals betonen. Aber Frankfurt hat auch starke Konkurrenten, die ebenfalls von Um- und Wegbrüchen und Transformationsschmerzen erzählen können. Die einen bewerben sich mit gelungener Transformation, die anderen mit zu bewältigender.
Der Überraschungsgegner ist wohl Eisenach am anderen Ende Ostdeutschlands, dessen Bewerbung offenbar eine überragende Unterstützung aus der Stadtgesellschaft genießt. Mehr als 10.000 Menschen haben eine Petition für das Zukunftszentrum unterzeichnet, sie ist ein Kern der „Bürgerbewerbung“ – das Wort Kampagne meidet man dort. Die Stadt hat sogar die eigene Landesregierung in Thüringen überrascht.

Setzte das Land Thüringen auf das falsche Pferd?

Beim kürzlichen Jurybesuch soll ein anwesender Vertreter des Landes auf die Frage, warum die Thüringer Landesregierung Jena statt Eisenach unterstütze, eingeräumt haben, dass man die Bewerbung der Wartburgstadt und den Rückhalt in der Bevölkerung unterschätzt habe. So berichtet es Steffen Schütz vom Eisenacher Initiativkreis für die Bewerbung. Als Standort steht die Fläche des ehemaligen Automobilwerks bereit, das 1991 geschlossen wurde und dem ein viel kleineres Opel-Werk folgte. Der Standort soll auch inhaltlicher Impuls sein.
„Eisenach hat nicht die Boomtown-Erfahrungen Jenas oder Leipzigs machen dürfen. Gerade erleben wir zum zweiten Mal nach der Wende, was Transformation bedeutet. Niemand weiß, wie die Automobilindustrie und Zulieferwirtschaft den aktuellen, tiefgreifenden Wandel bestehen“, so Steffen Schütz. Im Eisenacher Konzept wird daher Demokratiesicherung mit Technologie-Thema verbunden.

Bauplatz am Unort – Halle lädt zum Experimentieren ein

Interessant ist auch der Bauplatz, den Mitbewerber Halle (Saale) in Sachsen-Anhalt vorschlägt. Ein Unort eigentlich – der Riebeckplatz ist kein Platz, er ist Sinnbild autofreundlicher Bausünden der 60er Jahre. Eine Straßenbahnverbindung kreuzt sich hier mit Straßentrassen auf mehreren Ebenen. Als „Knotenpunkt“ und „Spinne im Netz“ versteht auch Halles Bürgermeister Egbert Geier passenderweise die Rolle des Zukunftszentrums. Dieses innerstädtisch gelegene Areal aufzuwerten, dürfte gerade für Architekten ein spannendes und herausforderndes Experiment sein.
Der Riebeckplatz in Halle an der Saale ist von der Stadt vorgeschlagen für das Zukunftszentrum Deutsche Einheit und Europäische Transformation. Hier war er wenig befahren zu Beginn der Corona-Pandemie.
Der Riebeckplatz in Halle an der Saale ist von der Stadt vorgeschlagen für das Zukunftszentrum Deutsche Einheit und Europäische Transformation. Hier war er wenig befahren zu Beginn der Corona-Pandemie.
© Foto: Jan Woitas/dpa
Jena, dessen wirtschaftliche Prosperität wie in Leipzig (Sachsen) den Auswahlkriterien eher widerspricht, hat ebenfalls einen prominenten Bauplatz neben dem „Jentower“, dem höchsten Gebäude Thüringens, vorgesehen. Außerdem punktet die Universitätsstadt mit einer satten Wissenschaftslandschaft, wie auch Leipzig. Die sächsische Großstadt, die sich gemeinsam mit der ländlichen Vogtlandstadt Plauen unter die Kandidaten gemischt hat, tritt primär als historisches Schwergewicht an. Plauen, Ort der ersten großen Montagsdemonstration, und Leipzig präsentieren sich als Wiege der Friedlichen Revolution und der Deutschen Einheit. Das originelle Alleinstellungsmerkmal ihrer Bewerbung: der Zukunftszug, der das ungleiche Städtepaar und seine unterschiedlichen Geschichten verbinden soll.

Mehr Museum oder kollektives Therapiezentrum?

Im Bewerberspektrum aus Gebeutelten versus Wendegewinnern tut sich die Grundsatzfrage nach der funktionalen Ausrichtung dieser Institution auf. Soll ein historisch erhebender Moment des Aufbruchs in einem Museum neue Strahlkraft entfalten, wie der Standort Leipzig/Plauen nahelegt? Was aber sollte kraft dieses Ortes dem bestehenden Narrativ von der „Friedlichen Revolution“ Neues hinzugefügt oder Korrektives entgegengesetzt werden? Dass dazu die Notwendigkeit besteht, war schließlich eine Erkenntnis der Ostdeutschland-Debatten der vergangenen Jahre. Oder soll das Zukunftszentrum vielmehr als Ort kollektiver Psychotherapie gedacht werden, als der es Frankfurt (Oder), Słubice und der Region dienen müsste, und entwickelt darin den Aufbruch? Der Gesprächsbedarf ist schließlich groß.
Welche Vision und welcher Bewerber sich am Ende durchsetzt, dürfte am Ende womöglich auch von den lokalen Anbindungen der Jury-Mitglieder mit abhängen. Macht man sich ein Bild davon, woher die Menschen aus Wissenschaft, Politik, Architektur und einstigen Dissidentenkreisen stammen und wo sie beruflich angebunden sind oder waren, dann scheint Leipzig klar im Vorteil. Frankfurt als Kandidat Brandenburgs hätte nach dieser Logik, der man besser nicht zu weit folgen sollte, die zweitmeisten Fürsprecher. Und Eisenach? Hätte dann womöglich den Bonus, dass sich ihm gegenüber die wenigsten in der Jury befangen fühlen müssen.

Ukraine-Krieg verlangt nach neuem Blick auf Ende des Kalten Krieges

Frankfurt (Oder) hat einen anderen unschlagbaren Vorzug gegenüber den allen: die Zeichen der Zeit. Die architektonische und konzeptuelle Hinwendung gen Osten, für die Frankfurt steht, geschärft von der Universität Viadrina mit Mittel- und Osteuropa in der DNA, hat jetzt enorm an Dringlichkeit gewonnen gegenüber jenem Moment als die Einheitskommission 2020 die Errichtung des Zentrums empfahl.
Die Tatsache, dass in der Ukraine erneut Freiheit und Selbstbestimmung erkämpft werden müssen, zwingt dazu, den Blick auf das Ende des Kalten Kriegs und den Prozess der EU-Osterweiterung neu zu justieren. Deswegen ist das zweite Attribut des Zukunftszentrums Deutsche Einheit – die Europäische Transformation – nun unweigerlich an die erste Stelle gerückt.
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Mitglieder der Jury

■ Vom Ostbeauftragten der Bundesregierung, Carsten Schneider, in die Jury zur Auswahl des Standortes für das Zukunftszentrum berufen wurden:
Katrin Budde (Vorsitzende),
Marianne Birthler,
Dr. Marta Doehler-Behzadi,
Prof. Dr. Raj Kollmorgen,
Basil Kerski,
Monika Lazar,
Prof. Dr. Astrid Lorenz,
Prof. Dr. Steffen Mau,
Dr. Thomas de Maziére,
Dr. Reimar Molitor, Cornelia Pieper,
Matthias Platzeck,
Ulrike Poppe,
Prof. Dr. Gwendolyn Sasse,
Dr. Barbara Steiner.
Eine Entscheidung wird zwischen Mitte und Ende Februar erwartet.