30. Todestag Hermann Henselmann
: Erinnerung an den Chefarchitekten von Groß-Berlin

Am 19. Januar 1995 starb Hermann Henselmann, Architekt der Karl-Marx-Allee, in Berlin. Warum der bekannteste Baumeister der DDR kurzzeitig sogar an Republikflucht dachte.
Von
Welf Grombacher
Berlin
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Hermann Henselmann (l.) erläutert am 5.8.1954 auf der Terrasse des Café Warschau in Berlin dem Präsidenten des Nationalrats, Prof. Dr. Correns (r.), und dem ehemaligen Präsidenten des Bonner Verfassungsschutzamtes, Dr. Otto John (Mitte) die Anlage der Stalinallee und die Wiederaufbaupläne des demokratischen Magistrats für die deutsche Hauptstadt. Dr. John besucht in der Stalinallee unter anderem eine Neubauwohnung, das im Bau befindliche Kinderkaufhaus und die Deutsche Sporthalle.

Hermann Henselmann (l.) erläutert am 5.8.1954 auf der Terrasse des Café Warschau in Berlin dem Präsidenten des Nationalrats, Prof. Dr. Correns (r.), und dem ehemaligen Präsidenten des Bonner Verfassungsschutzamtes, Dr. Otto John (Mitte) die Anlage der Stalinallee und die Wiederaufbaupläne des demokratischen Magistrats für die deutsche Hauptstadt. Dr. John besucht in der Stalinallee unter anderem eine Neubauwohnung, das im Bau befindliche Kinderkaufhaus und die Deutsche Sporthalle.

Bundesarchiv/Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 de
  • Hermann Henselmann, DDR-Architekt, starb vor 30 Jahren am 19. Januar 1995.
  • Er entwarf die Karl-Marx-Allee und prägte Berlins Stadtbild.
  • Henselmann wurde 1905 geboren und begann als Tischler, später Architekt.
  • Bekannt für seine Arbeit trotz politischer Herausforderungen in der DDR.
  • Persönliche Geschichten und Anekdoten heben seine Menschlichkeit hervor.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Wenn gute Genossen ihn um einen Gefallen baten, schickte Hermann Henselmann gerne schon mal einen seiner Studenten. So auch diesmal, als er von einer älteren Dame darum gebeten wurde, die Innenräume ihrer neuen Wohnung in der Karl-Max-Allee zu gestalten.

Der Student erarbeitete fleißig ein Farbkonzept und machte sich stolz auf den Weg zu der Frau, die jedoch gar nichts davon wissen wollte, sondern stattdessen eine blaugrüne Blümchentapete aus der Schublade zauberte und ihm sagte, die wolle sie an der Wand haben. Der junge Mann protestierte vehement: Unmöglich, diese Tapete mache ja sein ganzes Farbkonzept zunichte.

Die Dame beschwerte sich über den aufmüpfigen jungen Architekten und der musste sich, zurück bei Hermann Henselmann, anhören: „Mein Junge, Deine Scheiß Ästhetik interessiert überhaupt keinen, Du musst die Zusammenhänge erkennen. Versuch doch zu verstehen, diese Frau, deren Lebenspartner gestorben ist und die letzte gemeinsame Reise, die sie gemacht haben, da haben sie zusammen diesen Stoff gekauft und jetzt kannst Du nicht kommen, weil Du meinst, das passt nicht in Dein Farbkonzept, und der Frau verbieten, dass sie sich an diese letzte Reise erinnert.“

Chefarchitekt für Groß-Berlin

Die launige Anekdote ist typisch für Hermann Henselmann, dessen Todestag sich am 19. Januar zum 30. Mal jährt. Er gilt als der bekannteste Baumeister der DDR. Als Architekt einer neuen Gesellschaft und Vorzeigesozialist. In seiner Zeit als „Chefarchitekt Groß-Berlins“ und Professor an der Bauakademie setzte er mit Karl-Marx-Allee, Haus des Lehrers und Fernsehturm (Bild-)Zeichen, prägte das Antlitz des Arbeiter- und Bauernstaates.

Noch heute wird er bewundert und von vielen verurteilt. Doch wer ihn als Opportunist kritisiert, muss sich vor Augen halten, wie die Verhältnisse waren und sich anschauen, wie er zu dem geworden ist, der er war. Als Sohn eines Holzbildhauers wird er am 3. Februar 1905 in Roßla im Harz geboren und macht eine Tischlerlehre. Doch diese Welt ist ihm zu klein, mit 18 geht er nach Berlin. 1930 eröffnet er ein eigenes Architekturbüro und baut im schweizerischen Montreux mit der Villa Kenwin sein erstes Haus, noch ganz in der Tradition von Le Corbusier.

Sein Haus vom Hoff in Kleinmachnow soll 1934 seiner „kulturbolschewistischen Haltung“ wegen abgerissen werden. Sein Büro muss er schließen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründet er ein antifaschistisches Komitee und wird Kreisbaurat in Gotha. Es heißt, er habe über Lautsprecher vom Turm erst mal klassische Musik blasen lassen, um beim Wiederaufbau der zerstörten Stadt die Moral zu stärken.

Schulweg für Lydia Tár und Petra: die Karl-Marx-Allee in Ost-Berlin

Ein Blick über die Karl-Marx-Allee zeigt viele Wohnungen. Der Gesetzestext wird voraussichtlich am 22. Februar veröffentlicht und tritt am Tag darauf in Kraft. +++ dpa-Bildfunk +++

Hauptwerk von Hermann Henselmann: die Karl-Marx-Allee, ehemals Stalinallee, in Ost-Berlin

Annette Riedl/dpa

So einen kann man brauchen. Das spricht sich auch bis Weimar herum, wo an der Hochschule für Baukunst und bildende Künste ein Direktor gesucht wird. Bei der Antrittsvorlesung weist Hermann Henselmann als einer der ersten auf die Traditionslinie hin, die von Goethe nach Buchenwald führt, und entlässt erstmal 19 Professoren, wegen ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit.

Mit Neubauernhäusern aus Lehm fing es an

Von 1946 bis 1949 bleibt er in Weimar. Dann fühlt er sich zu Höherem berufen und geht ans Institut für Bauwesen der Deutschen Akademie der Wissenschaften nach Berlin. Mit Neubauernhäusern aus Lehm liefert er das Bauprogramm zur Bodenreform. Bis er mit den Kollegen Hanns Hopp und Richard Paulick Entwürfe für die Stalinallee liefern soll. Seine ersten Pläne stehen noch ganz in der Tradition des Neuen Bauens und des Bauhauses. Sie fallen bei den Genossen der SED durch: gelten als formalistisch und Ausdruck einer bürgerlichen Dekadenz.

Von Kurt Liebknecht, Präsident der Bauakademie und Chefideologe der sozialistischen Architektur, muss sich Henselmann anhören, seine Entwürfe stünden „nicht auf dem Boden der Wirklichkeit“. Auch bei seinem Haus an der Weberwiese muss er noch mal ran. Beim ersten Hochhaus der DDR will man genau hinschauen. Gerade mal acht Tage hat Henselmann, die Pläne zu überarbeiten. Als Vorbild gelten die klassizistischen Gebäude der UdSSR im „Zuckerbäckerstil“.

Henselmann, der vergeblich versucht, die Moderne zu retten, ist todunglücklich, spielt kurzzeitig sogar mit dem Gedanken der Republikflucht. Bei Bertolt Brecht heult er sich aus bis nachts um zwei. Der aber überzeugt ihn, dass es in der Kunst um mehr gehe als um formale Fragen. Das Sein bestimme das Bewusstsein, ganz im Sinne von Karl Marx. Aufgabe des Künstlers sei es, den Menschen, der neuen Gesellschaft zu dienen.

Henselmann propagierte das industrielle Bauen

Hermann Henselmann lenkt ein. Mit der Bebauung am Frankfurter Tor und am Strausberger Platz prägt er nicht nur die Wirkung der Stalinallee, die 1961 in Karl-Marx-Alle umbenannt wird. Publikumswirksam vertritt er Theorien der nationalen Bautradition. Er wird der erste Architekt im Land, propagiert das industrielle Bauen. An seinem eigenen Institut entwickelt er die sogenannte „Bildzeichenarchitektur“. Beispiele dafür sind das Hochhaus der Universität Jena (1969) in Form eines Objektivs, oder das der Universität Leipzig (1968) in Form eines Buches.

Grab von Hermann Henselmann auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof

Grab von Hermann Henselmann auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof

Z Thomas/Wikimedia Commons

Als er dafür die Genehmigung will, schmiert er sich wie ein Proletarier Graphit auf die Stirn, sagt zum Bezirksvorsitzenden „wir Architekten sind immer Schweine“ und bricht so das Eis. Henselmann hat es immer verstanden, sich zu inszenieren. Das führte mitunter auch dazu, dass er ab und an die Bodenhaftung verloren hat. Als er mit Promille am Steuer einmal von einem Volkspolizisten angehalten wurde, soll er diesem selbstbewusst an den Kopf geworfen haben, ob er denn wisse, wer vor ihm stehe: „Es gibt drei große Männer in Deutschland. Thomas Mann, Heinrich Mann, Henselmann.“