DDR-Geschichte in Berlin: Vom Konsum-Tempel zum Secondhand-Kaufhaus mit Flair

Das ehemalige „Haus für Sport und Freizeit“ ist heute Europas größtes Secondhand-Kaufhaus. Doch was können Besucher dort finden?
Maria NeuendorffWer einst in Ost-Berlin auf der Suche nach besonderen Konsum-Gütern war, steuerte gerne die Karl-Marx-Allee an. Mit dem „Haus des Kindes“ am Strausberger Platz oder dem Zierfische-Laden am Frankfurter Tor gab es auf dem sozialistischen Prachtboulevard eine Reihe von Läden, die ein besonderes Sortiment versprachen, das im Rest der DDR selten zu haben oder meist sofort ausverkauft war.
Im ehemaligen Familienkaufhaus „Haus des Kindes“ sind heute ein Conzept-Möbelgeschäft und eine Tanzschule beheimatet. Auch die berühmte leuchtende „Zierfische“-Reklame ist längst im Buchstaben-Museum gestrandet. Und der Schriftzug „Haus für Sport und Freizeit“ ist einer schnöden Humana-Werbung gewichen.
DDR-Arbeiter-Wandbild im Erdgeschoss von Humana
Doch wer Europas größtes Secondhand-Kaufhaus für Bekleidung am Frankfurter Tor betritt, kann nicht nur wegen der Retro-Klamotten eine kleine Zeitreise unternehmen. Schon die alten goldfarbenen Alu-Kaufhaus-Türrahmen versprühen den typischen 1960er-Jahre-DDR-Charme. Wer eintritt, wird im Erdgeschoss von Waldarbeitern begrüßt. Die Männer mit den Äxten auf dem Wandbild wurden 1958 von Gabriele Mucchi gemalt.
Der Italiener und Sozialist war von 1956 bis 1961 Gastprofessor an der Kunsthochschule Weißensee. Die Auftragsarbeit entstand schon, als in dem fünfstöckigen Kaufhaus noch Möbel verkauft wurden, und sollte wohl ein Wink zur Material-Gewinnung sein.

Im Erdgeschoss des Humana-Kaufhauses am Frankfurter Tor in Berlin hängt das Wandbild „Holzfäller” des Malers Gabriele Mucchi von 1958.
Maria NeuendorffDas ehemalige Einrichtungshaus wurde dann 1971 in nur sechs Wochen zum „Haus für Sport und Freizeit“ umgebaut. Die Zeiten ebenfalls überdauert hat dabei unter anderem eine historische Wendeltreppe mit geschmiedetem Geländer und Bullaugen-Lämpchen, die sich durch alle Etagen windet. Manche Ebene ist wie eine Galerie angelegt, von der man auch auf das Gewusel der umgebenden Geschosse schauen kann. Dazu erhellen Kronleuchter-artige Designer-Neonröhren aus DDR-Zeiten die Verkaufsräume.
Früher konnten hier Kunden unter anderem Zeltplatz-Zubehör vom VEB Wassersport- und Campingbedarf ergattern. Dazu gehörten die sogenannte Kraxen, wie die Wanderrucksäcke genannt wurden, die so aussehen, als könnte man damit auch seine Kinder auf dem Rücken festschnallen.
Wer Glück hatte, fand im „Haus für Sport und Freizeit“ auch einen Benzin-Kocher „Barthel Juwel 34“ mit Topfset, Fußballstollen, Schlittschuhe oder die typischen Stoffidas-Turnschuhe des Kombinats VEB Sportgeräte Germina Schmalkalden. Ob es am Frankfurter Tor aber auch das „Germina Speeder“ gab – das einzige DDR-Skateboard – ist nicht mehr überliefert.
Heute haben die Verkäufer auf den Fensterbänken vereinzelt gebrauchte Rollerskates drapiert. Ansonsten werden auf rund 2000 Quadratmetern weitestgehend Klamotten und Accessoires zu kleinen Preisen angeboten. Die rund 30.000 Teile sind größtenteils nach Farben sortiert. Neben gebrauchter beziehungsweise aussortierter Damen-, Herren- und Kindermode gibt es Berufsbekleidung und Dirndl, sowie ein paar Bücher und Spielwaren.

Die Einrichtung des heutigen Secondhand-Kaufhauses in Berlin Friedrichshain stammt noch aus der DDR-Zeit, als dort das „Haus für Sport und Freizeit“ beheimatet war.
Maria NeuendorffVieles ist schon ab drei Euro zu haben. Dazu kann man einige wenige Einzelstücke wie paradiesisch anmutende Sommerröcke für 20 bis 30 Euro erwerben, die Nachwuchsdesigner einer Upcycling-Kollektion aus Gardinenstoff gefertigt haben.
Das VEB-Etikett dagegen findet sich trotz manchem Vintage-Stück aus den 50er- bis 90er-Jahren Jahren nur noch selten am Saum. Die Zeha-Sportschuhe mit den zwei Doppelstreifen werden heute eher in Edel-Boutiken in Prenzlauer Berg angeboten. Die beliebten DDR-Sneakers sind schon lange Kult und besonders bei jungen Friedrichshainern beliebt. Diese durchstreifen neben Neuberlinern und Touristen die Humana-Hallen auf der Suche nach nachhaltigen Schnäppchen.

Aus den Fenstern des heutigen Humana-Kaufhauses hat man einen guten Blick auf das Treiben in Berlin-Friedrichshain und die historischen Henselmann-Bauten an der Karl-Marx-Allee.
Maria NeuendorffBeim Durchwühlen haben die meisten Kunden keinen Blick für die exzellente Aussicht. Die hohen Fenster im denkmalgeschützten Kaufhaus, die im Sommer sogar halb geöffnet sind, ermöglichen den Blick auf das städtische Treiben. Auf den historischen Kaufhaus-Stufen haben sich Passanten niedergelassen, um sich bei einer Zigarette vom Einkaufen zu erholen, während die Straßenbahnen im Großstadt-Takt vom Bersarinplatz Richtung Warschauer Straße rumpeln.
Durch die verblichenen Scheiben des ehemaligen „Haus für Sport und Freizeit“ kann man auch eines der Torhäuser in den Himmel ragen sehen. Die Wohn-Türme sowie die anderen Stalin-Bauten am Strausberger Platz wurden Anfang der 50er-Jahre vom Architekten Hermann Henselmann entworfen.

Blick auf die historische Wendeltreppe im ehemaligen „Haus für Sport und Freizeit“ in Berlin-Friedrichshain an der Grenze zu Mitte.
Maria NeuendorffWer weiter in die Geschichte und Architektur des Ostberliner Prachtboulevards eintauchen möchte, dem sei ein rund zehnminütiger Spaziergang Richtung Osten empfohlen. Im Café Sibylle an der Karl-Marx-Allee 72 wurde erst vor wenigen Wochen die ständige Ausstellung umgestaltet. In der neuen Schau „Ost-West-Ost: Entwürfe für die Stadt von morgen“ geht es nun nicht mehr nur um das damalige Nationale Aufbauprogramm an der Stalinallee, sondern auch um das Quartier der Interbau 1957 im Hansaviertel in West-Berlin sowie um den sogenannten Bauabschnitt zwischen Strausberger und Alexanderplatz.

