Disko 76: Schafft RTL mit seiner Serie ein neues „Ku’damm 56“?

In "Disko 76" lässt RTL ab 28. März den Sound der Siebziger wieder aufleben
RTLDas Eheleben hatte sich Doro (Luise Aschenbrenner) anders vorgestellt. Den Weg aus dem piefigen Elternhaus bahnte sie zwar, als Ticket in die Freiheit erweist sich das Gelübde aber nicht. Nicht nur hat ihr Gatte Matthias (Moritz Jahn) gerade ihren geliebten Job als Kindergärtnerin für sie gekündigt. Der Kinderwunsch des Klempners ist so überwältigend, dass Doro kurzerhand eine Schwangerschaft erfindet.
Willkommen im Bochum des Jahres 1976, wo das Leben grau und die Konventionen spießig sind. Der Zechenstaub auf Doros Stimmung ist allerdings wie weggepustet, als ihre Schwester Johanna (Vanessa Loibl) sie auf eine Party in die nahe US Air Base schleppt. Im dortigen Hangar warten funkige Gitarren, schnelle Beats, Stroboskoplichter und viele Tanzende in schillernden Kleidern. Disco!
Jannik Schürmann gibt den verführerischen Tänzer
War Doros Leben eben noch schwarz-weiß, leuchtet es plötzlich in buntester Farbe. Die Discowelt wird für sie zur Zuflucht. Mit ihrem Bruder Georg (Jonas Holdenrieder) eröffnet sie in der alten Eckkneipe ihres verstorbenen Onkels kurzerhand selbst die „Disko Bochum“. Ein nicht gerade Risiko armes Doppelleben beginnt. Auch, weil sich Doro in den gut aussehenden Discotänzer Robert (Jannik Schümann) verliebt hat. Am Ende muss sich Doro entscheiden.

In ihrer Ehe mit Matthias (Moritz Jahn) fühlt sich Doro (Luise Aschenbrenner) zunehmend eingeengt.
RTLLiebesgeschichte, historisches Epochendrama und ja, auch ein wenig Musical. Für seine neue Serie „Disko 76“, die am 28. März auf dem Streamingdienst RTL+ startet, hat sich RTL einiges vorgenommen. Ein wenig erinnert der Sechsteiler des Privatsenders an ein „Ku’damm 56“, das auf „Saturday Night Fever“ gebürstet wurde. Von einer Summe solcher, jeder für sich grandiosen, Einzelteile kann jedoch keine Rede sein.
„Disko 76“ hat sich enorm viel vorgenommen
Statt feinem Gespür für Charaktere und ausgewogenen Beziehungsgeflechten, wie sie Annette Hess in ihrer „Ku’damm“-Reihe präsentiert, krankt das Drehbuch des Teams um Headautorin Linda Brieda an zu viel Ambition. Der Bruder? Fahnenflüchtig, in einer Kommune lebend und Pflegevater für das Kind seiner besten Freundin. Die Schwester? Versucht die erste Pilotin Deutschlands zu werden und stößt ihren bornierten Vater mit der Beziehung zu einem afroamerikanischen US-Soldaten vor den Kopf. Der Liebhaber? Ist nicht nur ein hervorragender Tänzer, sondern verdingt sich als Callboy und hat eine DDR-Fluchtgeschichte.

Erweckungserlebnis: Auf einer US Air Base hört Doro (Luise Aschenbrenner) zum ersten Mal Discomusik.
RTLEnorm viel Stoff für eine Serie, die eigentlich von einer freiheitsliebenden Frau handelt, die ihren Weg aus der patriarchalen Enge in der Disco sucht. Daher kommt dieser in quirlig-bunter Inszenierung (Regie: Florian Knittel und Lars Montag). Doro durchbricht darin genüsslich die vierte Wand, drückt auf die metaphysische Stopptaste, um streitende Familienmitglieder kurz einzufrieren, dann wieder kracht ihr eine Discokugel auf den Kopf, um einen Moment der Verblüffung zu unterstreichen. Alles berechtigte Stilmittel, die sich in ihrem Klamauk nur leider etwas mit den auch ernsten Themen der Serie beißen, statt diese humoristisch zu brechen.
„Disko 76“ bringt den Sound der 70s zurück
Die Stärke von „Disko 76“ sind jedoch jene Szenen, wie sollte es anders sein, die in der Disco spielen. Zwar wirken die Tanzszenen oft klischeehaft. Etwa als das Publikum eines Tanzwettbewerbs fast durchzudrehen scheint, nur weil Robert Doro für eine Hebefigur über seinen Kopf hebt und sich dreht. Der Soundtrack zu solch kitschigen Pirouetten ist allerdings hervorragend. Stevie Wonder, Fleetwood Mac, ABBA, Bee Gees, Boney M, Temptations, sogar Led Zeppelin und Cat Stevens – das RTL+-Original stützt sich auf die absoluten Hits der Siebziger.
Musikalische Neuentdeckungen liefert sie somit zwar nicht, dafür zahlreiche Wiederentdeckungen. Und die machen enorm Spaß. Sie lassen sogar über stellenweise stanzige Dialoge und die ein oder andere TV-Plattitüde hinwegsehen. Am Ende besticht „Disko 76“ also weniger durch Story, sondern durch Feeling. Und ging es bei Disco, ob nun in Bochum oder sonst wo, nicht genau darum?
„Disko 76“ ist ab 28. März 2024 auf dem Streamingdienst RTL+ abrufbar. Die lineare Ausstrahlung aller sechs Folgen sind am Montag, 1. April 2024 ab 20.15 Uhr in einer Event-Programmierung bei NITRO zu sehen.


