Abenteuerroman: Jeder Mann ist eine Insel: Ian McGuires „Nordwasser“

"Nordwasser", aus dem Englischen von Joachim Körber, 336 S., Mare Verlag, 22 Euro
promoEiner dieser harten Männer ist Patrick Sumner, ein Arzt, dessen verheißungsvolle Karriere einst durch ein Vergehen im Dienste des britischen Militärs abrupt endete. Ein zweiter ist Henry Drax, ein Mann ohne jede moralischen Skrupel. Beide heuern auf einem Walfangschiff an, das von England in die arktische Baffinbucht aufbricht. Sumner setzt sich großer Gefahr aus, als er Drax bei einem schrecklichen Verbrechen erwischt. Jetzt erst wird der eigentliche Grund der Fangfahrt ersichtlich. Doch das fragwürdige Unternehmen, mit dem sich der Reeder finanzieller Sorgen entledigen will und dass hier aus Gründen des Spannungserhaltes nicht erörtert werden soll, endet in der Katastrophe. Monatelang muss die Schiffsbesatzung im eisigen Nordwasser ausharren.
Der Literaturwissenschaftler McGuire — er lehrt an der Universität von Manchester — schreibt diese Geschichte in betont einfacher, schroffer Sprache auf. Bis hin zum Zitat ist sein Stil an Ikonen des Abenteuerromans wie Hermann Melville, Jack London und Cormac McCarthy geschult. McGuire schildert den Überlebenskampf der Schiffsbesatzung rein am Geschehen orientiert, ohne jede Figurenpsychologie. Es ist ein Stil, der ins 19. Jahrhundert zurückverweist, in eine archaische Welt männlicher Abgründe. Jeder dieser einsamen Krieger kämpft für sich. Die Helden sind lauter kleine Inseln auf der Insel, die ein Segelschiff im Eismeer ebenfalls ist. So wird „Nordwasser“ zu einem beeindruckenden naturalistischen Werk — und zu einer Hommage an den Abenteuerroman an sich. Das Buch fesselt vom ersten Satz, der ein verfremdetes Zitat aus einem Roman von Cormac McCarthy ist, bis zum nüchternen Ende. Wer kann, sollte das Original „The North Water“ lesen.
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