Air in der Zitadelle Spandau: Open Air in Berlin – Wohlfühlsound für 7000 Besucher

Zitadelle Spandau in Berlin: Nicolas Godin von der französischen Elektroband Air
picture alliance/dpaFranzosen sind sehr stolz auf ihre nationale Identität, was sich auch in der Kulturszene der Grande Nation widerspiegelt. Besonders im französischen Kino, aber auch in der Popmusik, wo es einheimische Stars wie Johnny Hallyday, Patricia Kaas oder Jean-Michel Jarre in Sachen Popularität stets mit angloamerikanischen Popstars aufnehmen konnten.
Umgekehrt waren die englischen und die US-Charts jahrzehntelang eine nahezu Francepop-freie Zone. Ende der 1990er Jahre begann sich das zu ändern. Damals fanden Elektronikbands wie Daft Punk und Air den Weg in die internationalen Hitparaden.
1998 reüssierte das Air-Debütalbum „Moon Safari“ mit samtweichem, als Begleitmusik für jedwede Traumwandelei geeignetem Super-happy-Wohlfühlsound aus tausendundeinen Keyboardklängen. Fast ohne Worte, aber mit ganz viel Gefühl kamen die beschwingten Melodien von Songs wie „Kelly Watch The Stars“ oder in „Sexy Boy“ daher, weshalb die Air-Nummern fast so oft zur musikalischen Untermalung von Fernsehbeiträgen verwendet werden wie Pink Floyd-Sounds.
Mit den Gigantomanen des sphärischen Artrock Pink Floyd wollten die beiden Air-Protagonisten Nicolas Godin und Jean-Benoit Dunckel trotzdem nicht in einen Topf geworfen werden: Die seien „reine Männersache“, stellte Godin damals klar. Sollte heißen, dass Air-Musik auch was für Frauen ist. Das bestätigte sich auch am Sonntagabend in der Zitadelle Spandau, wo die Franzosen einen Open Air-Auftritt hatten.
Air in der Zitadelle Spandau: Chillen für Boomer und Jüngere
Im Frühjahr waren sie zwar schon einmal in Berlin, im Theater des Westens, wo sie legendäre ihr Debütalbum noch mal in Gänze spielten, aber zuvor hatten sie sich doch jahrelang äußerst rar gemacht. Das sorgte wahrlich für genug Potenzial, jetzt noch einmal ein Konzert in Berlin zu geben.
Und ja, die – teilweise bestuhlte – Zitadelle Spandau war ausverkauft. Unter den vielleicht 7000 Besuchern befanden sich auffällig viele Menschen, die Ende der Neunziger noch nicht mal Teenager, geschweige denn im Elektronikpopkonsumenten gewesen sein dürften.
Bevor das Konzert begann, gab es wie üblich Einspielmusik. Sofern die Auswahl nicht einfach dem Soundmixer überlassen wurde, kann vermuten, dass sich die beiden Air-Protagonisten etwas dabei dachten, dass just „Oxygéne“ von Jean-Michel Jarre als erster Titel kam. Über ihn sagte Godin mal, er sei ein Pionier gewesen.
Aber die echten französischen Pioniere wäre am Ende die Musiker Satie und Ravel. Auch interessant: „Dreiklangdimensionen“ von der deutschen 1980er-Band Rheingold und „Magic Fly“ von Space. In diesem Koordinatensystem, kann man sich vorstellen, fühlen sich Godin und Dunckel sehr gut aufgehoben.

Jean-Benoît Dunckel (l) und Nicolas Godin spielen das Album Moon Safari fast komplett
picture alliance/dpaAls sie dann mit „La femme d’argent“ beginnen vom Album „Moon Safari“, das sie fast komplett spielen, stehen die Musiker mit ihrem Equipment in einem großen Kasten, der wie ein durchsichtiger weißer Container aussieht.
Sie selbst sind ebenfalls weiß gekleidet und spielen auf teilweise weißen Instrumenten, was dem Bühnenbild eine extrem cleane Apple-Ästhetik gibt. Man kann es ein bisschen symbolisch sehen. Hier und heute wird‘s nicht bunt, hier flippt niemand aus, weder auf der Bühne, noch im Publikum.
Die Sounds fließen dahin, „Cherry Blossom Girl“ und „Venus“ vom Album „Talkie Walkie“ enthalten zwar Spurenelemente von Urbanität, aber insgesamt führen die Klänge in eine wohlige Versunkenheit. Genauso wie es das Air-Duo Godin/Dunckel beabsichtigt.
Ihre Musik, insbesondere das im Zentrum stehende Hauptwerk „Moon Safari“, soll nach ihrem Wunsch in den aktuell härter gewordenen Zeiten Freundlichkeit und Güte transportieren, beruhigen und dadurch ein wenig heilend wirken. Sie nennen es eine „legitime Flucht vor der Realität“, Air als ein Safe Space für Menschen, die für neunzig Konzertminuten der Rauheit, ja Gewalt der Welt entfliehen wollen. Ein Angebot zum Chillen für Boomer (und Jüngere). Es wurde dankend angenommen.
