Angine de Poitrine auf Tour
: Das virale Alien-Duo kommt nach Berlin

Mikrotonal, außerirdisch und absolut hypnotisch: Angine de Poitrine ist die derzeit viralste und seltsamste Band der Welt. Ihr Konzert in Berlin musste nun in eine größere Halle verlegt werden.
Von
Michael Heider
Berlin
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Eroberten bereits das Internet: das kanadische Duo Angine de Poitrine. Im Oktober kommen die beiden Musiker für ein Konzert nach Berlin.

Hypnotischer Hype: das kanadische Duo Angine de Poitrine. Im Oktober kommen die beiden Musiker für ein Konzert nach Berlin.

Constantin Monfilliette
  • Angine de Poitrine lösten mit mikrotonalem Duo-Sound einen großen Online-Hype aus.
  • Ein KEXP-Video mit vier Songs erreichte über 12 Millionen Aufrufe – Clips gingen viral.
  • Das Duo aus Saguenay spielt Gitarre und Schlagzeug, bleibt hinter Masken anonym.
  • Stil: mikrotonaler Math Rock zwischen Dada, Prog-Rock und karnevalesk anmutender Show.
  • Berlin-Termin am 27. Oktober: Verlegung ins Astra Kulturhaus, Zusatzkarten schnell ausverkauft.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Arm an Obskuritäten ist das Jahr 2026 wahrlich nicht. Auf die meisten, vor allem jene politischer Natur, wäre gern zu verzichten. Andere sind mindestens fragwürdig. Exklusiv-empathische Manien gegenüber gestrandeten Meeressäugern etwa. Doch immerhin eine Obskurität weiß zu begeistern. Sie ist von derart berauschender Seltsamkeit, dass ein extraterrestrisch anmutender Ursprung fast die einzige Erklärung sein kann.

Die Rede ist von Angine de Poitrine. Zwei im besten Sinne bizarre Wesen, die mit mikrotonaler Musik irgendwo zwischen Dada, Prog-Rock und intergalaktischem Karneval, gerade einen handfesten Hype ausgelöst haben. Wer in den sozialen Medien je einen Beitrag geliked hat, in dem eine Gitarre auch nur im Hintergrund zu sehen war, dem stopfte der Algorithmus das Duo gnadenlos in den Feed. Sie sind ja auch ein Hingucker. Wie Aliens in gepunkteten Pappmaché-Kostümen, mit absurd langen Nasen. Und noch absurderen musikalischen Fähigkeiten.

Im Februar veröffentlichte KEXP, ein in Seattle ansässiger Radiosender, ein Video von Angine de Poitrine auf YouTube. Vier Songs mit Silben-Salat-Namen wie „Mata Zyklek“ oder „Sarniezz“ reichten, um die beiden Musiker aus der Nische zu holen.

Los ging der Hype für Angine de Poitrines mit diesem Video

Inzwischen wurde das Video über 12 Millionen Mal aufgerufen. Clips daraus verbreiteten sich ebenfalls millionenfach in den Sozialen Medien. Auf Shazam, einer App, die Musik erkennt, war ihr Song „Fabienk“ einer der 50 meistgesuchten Titel. Selbst Foo Fighters-Frontmann Dave Grohl outete sich als Fan.

Dabei ist denkbar wenig über Klek and Khn de Poitrine, wie sich die beiden Musiker nennen, bekannt. Raum-Zeit-Reisende seien sie, die den Geist der Rockgötter des Planeten Erde beschwören und eine ausgeprägte Faszination für Hot Dogs, Pyramiden und die schiere Größe der Rockmusik haben. Soweit die fiktive Biografie. Wer unter den Masken steckt, weiß man nicht. Sicher ist: Das Duo an Gitarre und Schlagzeug stammt aus Saguenay in der kanadischen Provinz Québec. Zusammen getan haben sie sich wohl 2019, eher als Witz.

Auch Daft Punk, Slipknot pder Ghost setzen auf Masken

Kunstmythen sind nicht neu. Auch Musiker unter Masken sind es nicht. Slipknot versteckten sich früh hinter Horror-Visagen, auch Daft Punk traten als roboterhafte Figuren auf. Später kamen Bands wie Ghost oder Sleep Token dazu. Performative Anonymität allein schockt längst niemanden mehr. Und selbst elaborierte Alien-Biografien sind kein Garant für Aufmerksamkeit. Warum also dieser Hype um Angine de Poitrine?

Weil die Kostüme nur ein absurd-fantastischer Zusatz sind, genau wie die Alienstimmen und die zum Dreieck geformten Hände vor und nach jedem Song. Die eigentliche Hypnose geht von der Musik Angine de Poitrines aus. Miktrotonaler Math Rock, damit lässt das obskure Gemisch wohl in eine Genre-Bezeichnung pressen. Puristische Gitarren-Nerds und Rockfans jedenfalls können beide etwas damit anfangen. Die einen ergötzen sich musiktheoretisch an dem Raum zwischen den Halbtönen, den Gitarrist Khn so virtuos erkundet, die anderen feiern den Groove, den das Schlagzeug-Spiel von Klek kraftvoll transportiert.

Angine de Poitrine

Raum-Zeit-Reisende, die den Geist der Rockgötter des Planeten Erde beschwören: Khn (l.) und Klek von Angine de Poitrine

Constantin Monfilliette

Während Rockmusik, wie auch sonst westliche Musik, brav zwischen Halbtonschritten pendelt, verdoppeln Angine de Poitrine derart spielerisch den Raum dazwischen, dass Weghören kaum mehr möglich ist. Instrument der Wahl ist dabei ein zweihalsiges Monstrum bestehend aus Gitarre und Bass, die mit extra engen Bünden ausgestattet sind, um ja keine Viertelnote liegen zu lassen.

Die Songs von Angine de Poitrine verzichten nicht nur auf Gesang (maximal funksignalartige verzerrte Alien-Wörter gibt es darin), sie widersetzt sich auch klassischen Hörgewohnheiten. Die Musik des Duos kennt keine Richtung, sie zieht Kreisel – und holt doch so gut wie jeden ab. Und das nicht nur im digitalen Raum.

Andrang auf Angine de Poitrines Konzert war riesig

Irdischer Marktlogik folgend, müssen aber auch Aliens den Hype aus dem Netz in die Realität holen. Und so tourt Angine de Poitrine derzeit nicht nur fleißig durch Quebec, auch eine Tour in Europa wird folgen. Diese führt am 27. Oktober auch nach Berlin. Dort war der Andrang auf die Tickets derart groß, dass das ursprünglich im Festsaal Kreuzberg angedachte Konzert ins etwas größere Astra Kulturhaus verlegt werden musste. Auch dort waren die zusätzlichen Tickets bereits nach einem Tag ausverkauft.

In einer Zeit voller unerquicklicher Absurditäten ist das fast tröstlich. Ausgerechnet zwei gepunktete Wesen mit Pappmaché-Gesichtern und hypnotischer Musik erinnern daran, dass Obskures nicht nur verstörten muss, sondern auch in Gemeinschaft begeistern kann. Darauf kann man getrost die zum Dreieck geformten Hände in die Luft recken!