Annett Louisan in Berlin: Im Konzert im Tempodrom dreht sich alles um die Liebe

Sehnsuchtsreisen: Annett Louisan bei einem Konzert im Tempodrom in Berlin am 26. November 2023
IMAGO/Martin MüllerManchmal braucht es nur die richtige Stimme, um auf eine Reise zu gehen. Annett Louisan verzauberte am Sonntagabend auf dem fast dreistündigen „Babyblue Live“-Konzert das Berliner Tempodrom durch ihre elfenhafte Stimme, ihren Charme und ihre französische Eleganz.
Sie trägt ein knallrotes weit ausgestelltes Samtkleid und beginnt den Abend mit dem getragenen Song „Die mittleren Jahre“. Es ist der erste Titel ihres zehnten Albums „Babyblue“. Louisan plaudert munter darüber, wie es ist, nicht mehr 20 zu sein. Die 46–Jährige habe nun herausgefunden, dass sie nicht mehr in Größe 34 passe. „Aber das macht Platz für Neues im Schrank“, scherzt sie und entführt alle in „Die fabelhafte Welt der Amnesie“.
„Die fabelhafte Welt der Amnesie“ auf YouTube:
Das Lied über das menschliche Vergessen und Verdrängen ist mal traurig–schön, mal beschwingt. Danach macht Louisan aus Leonard Cohens Folk–Rock–Song „Hallelujah“ kurzerhand „Hallo Julia“. Spontane Lacher zeigen: Louisan hat mit dem Scherz genau den richtigen Ton getroffen.
Perfekte Konzert–Dramaturgie mit Gefühl
Die Wahlhamburgerin ist seit 20 Jahren im Musikgeschäft. Ihr Timing ist immer perfekt. Sie weiß, welcher Witz funktioniert, welcher Song auf den nächsten passt. Manchmal sind die Übergänge so fließend, dass man sich einfach an ferne Sehnsuchtsorte hinwegträumt und plötzlich in einem neuen Song wiederfindet. Auch das Licht folgt der perfekten Konzertdramaturgie. Es ändert sich im Laufe des Konzertes von intim auf schwarzer Bühne zu regenbogenfarbenem Partylicht und wilden Lichterstrahlen. Vor der Bühne und in den Gängen wird getanzt.
Louisans Liebe leitet durch den Abend. Offen spricht und singt die Chansonette über wahre Frauenfreundschaft, ihre 1,52 Meter Körpergröße und die Liebe zu St. Pauli. Sie schwärmt von allen wundervollen Menschen, die sie dort kennengelernt habe: „Frauen, die eine ganz besondere Liebe zu geben haben“. Sie fügt weiter hinzu, wie wichtig dieses Liebe sei und mitnichten mit Häme und Spott zu betiteln sei. Ohne sie gäbe es mehr Leid auf der Welt. Ihre zarte Stimme über die allerschönste Bordsteinschwalbe in der Hamburger Herbertstraße und Zeilen wie „Es ist okay, wenn Du jetzt weinst. Du bist stärker als Du denkst“ berühren. Annett Louisan vermittelt ein Alles–wird–gut–Gefühl. „Das Universum schlägt zurück“? Dann tanzt sie mit ihm Tango.
Annett Louisan weiß in Berlin zu unterhalten
Begleitet wird Louisan von einer Band mit E–Piano, Kontrabass, Geige, Schlagzeug und Gitarre, noch vor der Pause stößt Liv Solveig dazu. Annett Louisan nutzt die Pause, um ihr rotes Samtkleid gegen ein schwarzes funkelndes Abendkleid zu tauschen und bekommt dafür Komplimente. Sie freut sich und gibt alte Lieder wie „Blender“ und „Das Gefühl“ zum Besten. Außerdem kommt der Songwriter Tristan Brusch für zwei Soli und ein Duett auf die Bühne. Brusch, der normalerweise in Berlin lebt, wurde für seinen Auftritt eigens aus Istanbul eingeflogen, wo er aktuell Musik macht.
Ein Blick auf die Jugend von Annett Louisan
Louisan weiß zu unterhalten. In „Das alles wär nie passiert“ blickt sie zurück in eine süße Jugend. Ihre verkörperte Figur erinnert sich an den Einbruch ins Schwimmbad, den Kuss in der Schrankwand der Eltern und die extra Runden mit dem süßen Taxifahrer. Louisans Stimme klingt immer noch, als wäre sie 17. „Die kleine Rundfahrt“ durchs Repertoire führt bis hin zu ihrem ersten Album „Bohème“. Ein „Miau“ aus dem Refrain von „Die Katze“ lässt die 46–Jährige von einem Mann aus dem Publikum ins Mikrofon singen. Das letzte „Miau“ gehört allen. Louisan ist ihren Fans, die ihr von Anfang an unterstützend beistanden, heute noch dankbar. Deshalb hat sie eine Tradition: Bei jedem Konzert singt sie „Das Spiel“. Auch dieses Mal.
„Das Spiel“ auf YouTube:
Einer der persönlichsten Momente entsteht, als Lousian, selbst Mutter, das schwierige Thema Kinderwunsch anspricht. Sie covert Kate Bushs „This Womens Work“, später wird sie Joni Mitchells „Both Sides Now“ in ihrer Version singen. Auch der österreichische Hit „Bologna“ von Wanda findet Platz im Bühnenrepertoire. Das Rockige steht Louisan jedoch nicht so gut, zu süß klingt ihre Stimme. Ansonsten überzeugt Louisan auch in den höchsten Tönen in piano und forte.

