Der Architekturstudent Martin Maleschka besucht seine Eltern. Dort, wo einst der Wohnkomplex war, in dem er aufgewachsen ist, steht ein Bagger und zerlegt die Reste. Nein, es war weder ein Krieg an der Oder ausgebrochen, noch hatte es ein Unglück gegeben im Hüttenwerk.  Von der "Platte" hieß es, sie entspräche nicht mehr den Bedürfnissen der Bevölkerung im neuen Staat, dessen Bürger Maleschka geworden war. Fassungslos stand er vor den Trümmern seiner Kindheit – und schoss mit einer Kleinbildkamera ein paar Fotos. um wenigstens die Erinnerung zu bewahren. "Wie sollte ich sonst später mal meinen Kindern zeigen, wo ich herkomme?"
Berlin, 2020
Martin Maleschka steht im Garten des Staatsratsgebäudes. Gerade hat er das Zimmer von Erich Honecker fotografiert. Das ehemalige. Heute ist dort eine "Coffee-Station" aufgebaut, ein Raumteiler, in dem eine dieser Espressomaschinen steht, die auf Knopfdruck alles braut, was dem globalen Kaffeekonsumenten beliebt. Das Staatsratsgebäude ist jetzt die European School of Management und Technology, kurz ESMT. Die Gründung und Renovierung wurde von den Spitzen der bundesdeutschen Wirtschaft unterstützt:  Bosch, Daimler, Siemens.
Der 1964 fertiggestellte, von Hans-Erich Bogatzky und Roland Korn geplante  Staatsbau könnte repräsentativer nicht sein. Die alte Pracht der Parkettsäle, der Wände mit Meißener-Mosaiken, der mongolischen Ziegenhautbespannungen der meterhohen, avantgardistischen Lampen, der langen, lichten Flure und schwebenden Treppenaufgänge erstrahlt in neuem Glanz. Ein Glanz, der heller scheint als der alte und zugleich unaufdringlicher, ein Gefühl von Freiheit und Erhabenheit zugleich vermittelnd – eine Meisterleistung des Stuttgarter Architekturbüros HG Merz. Das politische Dekor des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden ist Design geworden.
Martin Maleschka ist hier Dauergast. Seit Wochen fotografiert er Detail um Detail, auch den ehemaligen Springbrunnen im Garten, dessen Bodenmosaik zerbröselt und dessen Steinchen von Raben in der Wiese verstreut werden. Ein Auftrag des Bauministeriums. Seit der Bundestag 1950 in der BRD den Beschluss gefasst hatte, dass bei allen Bundesbauten ein bis zwei Prozent der Bausumme für Kunst am Bau einzusetzen sei, wird diese Baukunst dokumentiert und ist heute online  als Museum der 1000 Orte verfügbar.
Dem will Martin Maleschka nun die DDR-Baukunst hinzufügen. Im Januar hatte es ein DDR-Baukunst-Symposium in der Akademie der Künste Berlin gegeben. Für das erstellt er nun den Katalog – und füllt parallel das Museum der 1000 Orte mit seinen Fotos der Baukunst seiner Heimat. 2019, zum 30. Jubiläum des Mauerfalls, erschien sein eigenes Buch, "DDR. Baubezogene Kunst. Kunst im öffentlichen Raum 1950 bis 1990" (DOM publishers, 504 S., 500 Abbildungen, 48 Euro).
Seine Eltern konnten lange nicht nachvollziehen, warum er dieser Kunst wie besessen nachspürte. "Die haben diese Kunst politisch gesehen", sagt er. "Für mich sind es Erinnerungen an meine Jugend – und an ein Land, so, wie es war!"Es mache ihn traurig, dass Menschen viel Arbeit in diesen Aufbau und diese Kunst reingesteckt hätten, die nun durch die Entsorgung als sinnlos erscheine. Sein Vater beispielsweise habe im Plattenwerk die Platten für die Häuser gegossen – in die er die Schablonen mit den Entwürfen legte. Und sein Großvater, der aus Schlesien vertrieben wurde und im Kraftwerk Arbeit und im neu errichteten Wohnkomplex III eine Wohnung fand, habe als technischer Zeichner Häuser am Reißbrett entstehen lassen.
Er selbst habe Architektur studiert, weil er etwas bauen, ja, etwas aufbauen wollte. "Und dann sah ich, wie das, was andere vor mir gebaut haben, abgerissen wird", erzählt er im Garten der ESMT. Es ist heiß, die Sonne blendet, er setzt die Sonnenbrille auf. "Das hat mich aus meiner schönen, weichen Blase gerissen."Statt im Atelier der Universität Neubauten zu zeichnen, fuhr er mit dem Rennrad durch die Gegend, um nach Resten der DDR-Baukunst zu suchen; am Anfang in Eisenhüttenstadt, dann in Brandenburg, schließlich in der gesamten ehemaligen DDR – und in Polen, Tschechien, Ungarn. "Aber das hat mich nicht so gepackt," sagt er. "Meine Leidenschaft gehört der Baukunst meines Geburtslandes."
Während des Studiums blieb die Sache ein Hobby. Er radelte durch die Gegend und postete anschließend Wandbilder, Bushaltestellen, Skulpturen, Zäune und Lampen auf Instagram Nach zehn Jahren schrieb er endlich seine Diplomarbeit – über einen vertikalen Friedhof für Berlin. Da hatten seine Follower seine Bilder schon so verbreitet, dass er zu Vorträgen und Kongressen eingeladen wurde. Wohnungsbaugesellschaften engagierten ihn, um das Image der Platte zu verbessern. Seine Kalender von Großsiedlungen wurden Kult, die DDR-Baukunst sein Beruf. Seitdem, sagt er, hätten auch seine Eltern Verständnis für seine Leidenschaft.
Die größten Fans seiner Arbeit haben die DDR selbst nicht mehr miterlebt, sondern wurden nach 1990 geboren. "Die finden die Platten und das ganze sozialistische Design einfach schön und wollen sich daher beispielsweise in ihrer Diplomarbeit oder künstlerisch damit beschäftigen." Aber es gebe auch die, "die einfach wissen wollen, wo sie die Sachen finden, um sie abzubauen und an Berliner Hipster zu verticken." Seitdem postet er nur noch Fotos ohne Ortsangaben. Und wenn ihn jemand um Informationen zu Gebäuden oder Einrichtungsgegenständen bittet, fragt er nach, wofür die gebraucht würden.
Der Wüstenrot-Stiftung hat er natürlich zugesagt. Die sammeln nun auch mithilfe seiner Bilder Gelder für die Restaurierung von DDR-Baukunst  – zum Beispiel das Flächenkunstwerk im Rathaus Plauen, das er dort entdeckte. "In der DDR," sagt Martin Maleschka, "hat man auch versucht, die Baukunst der Vorgänger-Generationen zu beseitigen. Warum sollen wir nicht aus ihren Fehlern lernen?"