Ausstellung
: Alfred Erhardt Stiftung in Berlin zeigt Fotografien von Modell-Naturen

Die Alfred Ehrhardt Stiftung in Berlin zeigt Arbeiten von fünf zeitgenössischen Fotografen, die Modell-Naturen erschaffen haben.
Von
Hans-Jörg Rother
Berlin
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"Dari King Drive In" ist ein Werk von Thomas Wrede aus der Serie "Real Landscapes". Einige seiner Werke sind zur Zeit in der Alfred Erhardt Stiftung in Berlin zu sehen.

Maja Hitij/dpa

Echt hingegen, vermutet man, müssen doch aber die Berge auf den Panoramabildern seines Schweizer Kollegen Julien Charrière sein, der sogar ihre geografischen Koordinaten angegeben hat. Folgt man denen, stößt man freilich auf eine Baustelle am Berliner Gleisdreieck, wo kleine Sandhügel, Mehlstaub und Feuerlöschmittel die Reise in die Alpen ersetzten. Eine Planierraupe dürfte das Objekt vermutlich bald darauf flachgedrückt haben.

Warum nicht einmal etwas ganz anderes, mochten die Kuratoren der neuen Ausstellung in der Alfred Ehrhardt Stiftung in Berlin gedacht haben, als sie sich entschlossen, anstelle streng dokumentarischer Landschaftsaufnahmen, zu denen der Namensgeber die Galerie verpflichtet, ausgewählten Bilderfindungen von fünf zeitgenössischen Künstlern aus Deutschland, Israel und den USA Raum zu geben. Manchen dieser Modell-Naturen kommt man schnell auf die Schliche, zum Beispiel wenn Wrede mitten in eine wilde Felsenlandschaft ein Spielzeughäuschen aus einem Modellbauladen unter einen gefährlichen Felshang installiert. Die Verfremdung könnte als Verspottung romantischer Sehnsüchte gemeint sein. Bei genauer Betrachtung erzeugt sie dagegen ein Gefühl der Angst vor der Naturgewalt, die hier geborstene Felsmassen übereinander geworfen hat.

„Regelrechte Un-Orte“ haben die Kuratoren diese fotografischen Inszenierungen genannt, deren kunstgeschichtliche Herkunft sie auf die Romantik zurückführen. Treibt doch schon Caspar David Friedrich mit seinem 1823 entstandenen Schauerbild „Das Eismeer“, wo aufgetürmte Eismassen ein zertrümmertes Schiff unter sich begraben, ein Spiel mit der Angst, lange bevor dies zum Hauptgeschäft eines Teiles der Filmindustrie wurde. Die „Modell-Naturen“ in der Ehrhardt-Galerie begnügen sich, anders als Friedrich, mit der bloßen Ahnung einer Katastrophe oder eines Unglücks, die an diesen Orten eintreten könnten oder schon eingetreten sind wie in Shirley Wegners Andeutung einer nächtlichen Stadt, über die von einer entfernten, vielleicht näher kommenden Explosion gelb bis dunkelrot gefärbte Rauchschwaden hinwegziehen. Wattebäusche und kleine Lämpchen waren hier das Hauptmaterial.

Oft bildet Dunkelheit den Gefährten der Angst, auch weil man da leicht Gespenster sieht, wo sie nicht sind. Doch auch hinter einem grünen Hügel, wie ihn Oliver Boberg im hellsten Tageslicht vor Augen stellt, kann eine unangenehme Überraschung lauern. Gefahr ist vor allem überall da, wo Menschen fehlen und niemand mehr über diesen Hügel oder eine alte Straße spaziert, als wären diese Schauplätze, genauso wie Wredes Korallenmoos-Inseln, nur noch Attrappe einer untergegangenen Zivilisation – untergegangen wie in Friedrichs Eismeer das zerborstene Schiff.

Ausstellung „Modell-Naturen in der zeitgenössischen Fotografie“, bis 26.4., Di–So 11–18 Uhr, Alfred Ehrhardt Stiftung, Auguststr. 75, Berlin-Mitte, Tel. 030 20095333, www.aestiftung.de