Babylon Berlin in Altlandsberg: Ein Abend mit Moka Efti Orchestra und Benno Fürmann

Bringen in Altlandsberg Volker Kutschers Roman „Der nasse Fisch“ auf die Bühne: das Moka Efti Orchestra, Schauspieler Benno Fürmann (M.) und Le Pustra (r.)
Joachim GernIn wenigen Monaten erscheint die finale Staffel von „Babylon Berlin“. Doch längst geht der Hype um die Geschichte von Kommissar Gereon Rath über die Erfolgsserie hinaus. Das liegt auch am Moka Efti Orchestra, das den Sound der goldenen Zwanziger nicht nur fürs Fernsehen wiederlebte. Beim Open Air Wochenende 2026 auf dem Schlossgut Altlandsberg bringt das Orchester nun gemeinsam mit Serienstar Benno Fürmann die Romanvorlage zur Serie, Volker Kutschers „Der nasse Fisch“, als musikalische Lesung auf die Bühne.
Im Interview erzählt der Komponist des Moka Efti Orchestra, Nikolai „Nikko“ Weidemann, warum Fürmann dabei „umzingelt von Raubtieren“ ist. Außerdem verrät er, ob der Erfolg von „Babylon Berlin“ nicht auch Fluch sein kann – und was die Berliner Musik der Zwanziger mit Techno gemeinsam hat.
Herr Weidemann, gemeinsam mit Benno Fürmann bringen Sie das Moka Efti Orchestra für eine Lesung zusammen. Wie kam es dazu?
Es ist die große Leistung von Volker Kutscher, dass er die Zwanziger und Dreißiger literarisch so gekonnt einfängt. Tom Tykwer sagte einmal, das ist eine untererzählte Zeit. Das Ganze trifft einfach einen Nerv. Unser Auftrag war es nicht, originalgetreue Musik zu machen, sondern inspiriert von damals eine Verbindung zum Hier und Jetzt herzustellen. Und Benno ist ja nicht nur ein großer Schauspieler, sondern auch ein großer Lesender. Die Idee, das Moka Efti und gelesene Auszüge aus dem ersten Rath-Roman zusammenzupacken, gab es schon 2019. Das ist wirklich eine tolle, neuartige Form. Klar, Lesungen mit Musik gab es immer schon. Aber wir haben das als Gelegenheit genommen, uns nochmal neu zu erfinden.
Auf der Bühne sitzt Benno Fürmann zwischen einem Dutzend Musikerinnen und Musiker. Wie würden Sie diese Konstellation beschreiben?
Benno ist nicht allein auf weiter Flur, sondern er ist der Vorsitzende. Atmosphärisch fokussiert es sich im ersten Teil auf den Vorleser. Aber mit der Zeit entwickelt sich eine gespannte Situation. Benno sitzt auf der Lichtung, ist umzingelt von Raubtieren. Eine Weile helfen sie ihm und dann irgendwann fressen sie ihn auf. Die Musik ist im Grunde genommen die Gefahr und symbolisiert in ihrer Sinnlichkeit die Übernahme des Gedankens durch das Gefühl. Aber erstmal ist Benno der Fokus.
Das heißt, es gibt Stellen, an denen die Musik in den Vordergrund rückt?
Es gibt mal ein Interlude, mal einen ganzen Song, dann liest Benno wieder weiter. Es braucht diese Abwechslung, man kann schließlich nur eine gewisse Zeit konzentriert zuhören. Aber die Musik fordert die Vorstellungskraft nochmal an anderer Stelle heraus. Es ist die Stelle des inneren Bildes und das ist eine Vertrauensbeziehung. Der zu kritische Zuhörer, der hat ja nie Spaß. Aber die meisten wollen eine gute Zeit haben, sie wollen sich hingeben. Und da ist die Kraft der Musik immer überzeugend. Dann wird es entfesselt.

„Die musikalische Lesung mit Benno ist für beide Seiten ein Win-Win“, sagt Nikko Weidemann (v. l.) über den Auftritt in Altlandsberg: hier mit seinen Kollegen vom Moka Efti Orchestra, Mario Kamien und Sebastian Borkowski.
Wanderlust EntertainmentWelche Rolle spielt das Publikum in der Dynamik einer musikalischen Lesung? So ausgelassen wie auf Konzerten wird es eher nicht zugehen, oder?
Wir hätten am liebsten, dass die Leute auch mal tanzen. Aber bei einer Lesung, klar, sitzt man. Meistens bleibt es also beim Wippen. Es ist eher eine gediegene Atmosphäre, aber wir haben auch Gesangsnummern mit zwei wunderbaren Sängerinnen, die abwechselnd dabei sind und der glamourösen Seite die Krone aufsetzen. Und unsere Spielfreude ist die gleiche.
„Der nasse Fisch“ ist die Romanvorlage für die Serie „Babylon Berlin“. Ist es manchmal eine Hypothek, vornehmlich mit der Serie in Verbindung gebracht zu werden?
Vor 30 oder 40 Jahren ließ sich mit Musik noch Geld verdienen. Das ist heutzutage anders. Wir können froh sein, so eine Plattform wie „Babylon Berlin“ zu haben. Ohne sie hätten wir nie die Aufmerksamkeit bekommen. Und ich bin ganz ehrlich, die musikalische Lesung mit Benno ist für beide Seiten ein Win-Win. Nirgendwo wachsen die Bäume in den Himmel im Moment, weder im deutschen Film noch in der Popmusik. Wenn du auf die Bühne gehen kannst und sogar die Philharmonie in Berlin ausverkaufst, dann musst du dich fast kneifen. Zumal uns keiner verbietet, noch andere musikalische Dinge zu tun. Im Battle um Aufmerksamkeit haben wir durch Babylon Berlin echt ein Geschenk. Und das feiern wir nach wie vor.
In wenigen Monaten erscheint die fünfte und finale Staffel von „Babylon Berlin“. Können Sie etwas zur Rolle des Moka Efti Orchestra darin verraten?
Nein, da darf ich eigentlich nichts erwähnen. Aber nur so viel: Wir sind wieder vertreten. Es ist auf jeden Fall ein großes Glück, wie die Serie endet und was wir da für eine Rolle spielen dürfen.
Wie geht es nach dem Serienende für das Moka Efti weiter? Ist ein drittes Studioalbum geplant?
Ich bin seit geraumer Zeit fleißig am Arbeiten. Es ist ein Sammlungsvorgang. Mario [Kamien] und Sebastian [Borkowski] sind auch am Start. Deren Prozess ist ein bisschen anders. Sie sind auch nicht so viel in Berlin. Wir werden aber im Laufe der nächsten Monate zusammenkommen und das zusammentragen. Da spielt auch die musikalische Lesung mit Benno eine Rolle. Ich würde gerne was mit ihm zusammen machen, mit seiner Stimme. Und wenn er nur spricht.
Was macht ein gutes Moka Efti-Album für Sie aus?
Für das Moka Efti schreibst du wie für einen Tanz auf dem Vulkan. Und das gibt auch noch genug her, um da weiter zu graben. Die Musik von Moka Efti muss immer on the edge stehen, als könnte morgen alles vorbei sein. Wir machen nicht die Musik der Jugend, sondern wir machen die Musik des Noch-einmal-Feierns. Ein letzter Tanz.
Mit diesem Mix ist das Moka Efti Orchestra längst Teil der Berliner Musikgeschichte. Die steht nicht zuletzt für die Musik der 1920er und Techno. Sehen Sie Gemeinsamkeiten beider Musikrichtungen?
Schon in den Zwanzigern hatte Musik die Funktion, Leute zum Tanzen zu bringen. In Berlin gab es damals eine Armee von Musikern, Tausende von Bands. Manche Tanzpaläste hatten mehrere Tanzflächen, mehrere Bühnen. Überall musste für die riesige Masse von Zerstreuungswilligen gespielt werden. Es gab diese Entgrenzung in der Musik. Das war partizipativ. Und du hattest damals schon diese krasse Bereitschaft zum Crossdressen, Frauen als Männer, Männer als Frauen. Das liegt einfach in den Genen dieser Stadt. Berlin war und ist ein Ort, wie es in Deutschland keinen zweiten gibt. Kreativ verlangt dieser Ort das Verrückte, das Originelle, das Eigene.
Die musikalische Lesung von „Der nasse Fisch“ mit dem Moka Efti Orchestra und Benno Fürmann findet am Samstag, 4. Juli, 20.30 Uhr im Rahmen des Open Air Wochenende 2026 auf dem Schlossgut Altlandsberg statt. Tickets gibt es hier.


