Berlinale 2024
: Cillian Murphy eröffnet das Festival mit „Small Things Like These“

Cillian Murphy, Emily Watson und ein riesiger Missbrauchsskandal im katholischen Irland der 1980er Jahre – Regisseur Tim Mielants eröffnet mit „Small Things Like These“ die Berlinale. Wie ist der Film?
Von
Boris Kruse
Berlin
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Lebhafter als im Film: Der irische Schauspieler Cillian Murphy am 15. Februar in Berlin bei der Pressekonferenz zu dem Berlinale-Wettbewerbsbeitrag „Small Things Like These“, in dem er die Hauptrolle spielt.

Ronny Hartmann/afp

Es ist einer der größten Skandale in der Geschichte der Republik Irland, eine Zäsur für die katholische Kirche weit vor den Tagen der jüngsten bekanntgewordenen Missbrauchsskandale: In den sogenannten Magdalenenheimen wurden seit dem 18. Jahrhundert heranwachsende Mädchen und junge Frauen verwahrt – vor allem sogenannte „gefallene Frauen“, also Prostituierte, und junge Mütter unehelicher Kinder. Aber auch anderweitig straffällig gewordene oder als schwer erziehbar geltende Jugendliche wurden dort gewissermaßen umerzogen.

In hauseigenen Wäschereibetrieben mussten die jungen Frauen eine knochenharte Arbeit verrichten. Ihre unehelichen Kinder wurden tausendfach zur Adoption freigegeben, oft gegen den Willen der Mütter versteht sich; viele Säuglinge verstarben nachweislich bereits in den Anstalten. Erst im Jahr 1996 wurden die letzten Magdalenenheime, die über die gesamte Republik Irland verstreut waren, geschlossen.

Harter Stoff für die Eröffnung

Harter Stoff also, mit dem die 74. Internationalen Filmfestspiele in Berlin eröffnet werden. Die irisch-belgische Koproduktion „Small Things Like These“ basiert auf dem gleichnamigen Roman der irischen Schriftstellerin Claire Keegan, Jahrgang 1968, die damit 2022 auf die Shortlist zum renommierten Booker Prize gelangte. Vermutlich war es nur eine Frage der Zeit, bis das Filmgeschäft ihre ökonomisch konstruierten Erzählungen aufgreifen würde – Matt Damon und Ben Affleck haben sich als Produzenten hinter den Kulissen für das Filmprojekt stark gemacht.

Vor der Festivaleröffnung: Cillian Murphy (l.) , Schauspieler und Tim Mielants, Regisseur, am ersten Tag der Berlinale beim Fotocall des Films „Small Things Like These“.

Sören Stache/dpa

Das ärmliche Irland der 1980er-Jahre

Der belgische Regisseur Tim Mielants (Serie „Peaky Blinders“, Historiendrama „Weil der Mensch erbärmlich ist“) zeigt das ärmliche kleinstädtische Irland aus den Jahren, bevor der EU-Beitritt in den 1990er-Jahren einen Wachstumsschub auf der grünen Insel ausgelöst hat, mit Dotcom-Boom und vielen Software-Firmendependancen.

Hart arbeitende Menschen tragen nach Feierabend ihre kümmerlichen Einkäufe nach Hause, beengte Häuser mit grauen, bröckelnden Fassaden ducken sich gegen den immerwährenden Regen. Auch im Jahr 1985, in dem die Handlung spielt, wird das Essen hier in manchen Haushalten noch über der Flamme zubereitet.

In diesem tristen bis pittoresken Ambiente lebt der Kohlenhändler Bill Furlong mit seiner Frau Eileen (Eileen Walsh, „Rialto“) und seinen fünf Töchtern. Sich wiederholende Alltagsszenen charakterisieren ihn als hart arbeitenden Mann ohne große Träume. Geboren als Sohn einer minderjährigen Mutter, der Vater unbekannt, sind ihm die denkbar schlechtesten Startbedingungen in dem streng religiösen Land mit auf den Weg gegeben. Er erlebt frühzeitig Diskriminierung.

Eine wohlhabende Frau nimmt sich seiner und seiner Mutter an – durch Fleiß schafft Furlong es als Erwachsener schließlich, sich seine eigene Kohle- und Brennstoffhandlung aufzubauen. Deren Ertrag reicht gerade so, um seine vielköpfige Familie durchzubringen. Er ist das Klischeebild eines rechtschaffenen, hart arbeitenden kleinen Mannes, nur ohne die an dieser Stelle im Kontext mit Irland oft klischeehaft unterstellte Neigung zum Alkohol. Als Furlong kurz vor Weihnachten Kohlen an das örtliche katholische Konvent liefert, macht er dort eine erschütternde Entdeckung, die ihn schon ob seiner Vorgeschichte nicht kalt lassen kann. Er muss sich entscheiden, ob er schweigt, oder ob er sich quer zu der Kleinstadtgemeinde stellt.

Tristesse in Irland: Cillian Murphy als Bill Furlong in einer Szene des Films „Small Things Like These“. Der Film geht bei der diesjährigen Berlinale in das Rennen um einen Goldenen Bären. Insgesamt laufen 20 Filme im Wettbewerb der 74. Ausgabe der Berlinale.

Shane O`Connor/Berlinale

Claire Keegan, eine Meisterin der Verdichtung

Autorin Claire Keegan ist eine Meisterin der Verdichtung und der skizzenhaften Erzählung: Mit wenigen Sätzen erschafft sie ganze Welten und evoziert starke Emotionen. Die Verfilmung lässt erahnen, wie gut sich diese Schreibtechnik als Vorlage für ein Drehbuch verwenden lässt. Etliche Dialoge hat Drehbuchautor Enda Walsh fast bis in den Wortlaut hinein übernommen.

Die irischen Darsteller Eileen Walsh (r.) und Cillian Murphy bei einem Fototermin anlässlich der Präsentation von „Little Things Like These“ auf der Berlinale am 15. Februar 2024

John MacDougall/afp

Wortkargheit ist eines der zentralen Merkmale in Keegans Fiktionen; insbesondere, wenn es darum geht, die männliche Welt in ihrer irischen Heimat abzubilden. Ihren Männerfiguren haftet aber oft auch etwas Ausgedachtes oder gar Märchenhaftes an. Dieser Bill Furlong ist ein gutes Beispiel dafür, im Buch wie auch im Film. Weder die Regie noch der Hauptdarsteller Cillian Murphy (geboren 1976, ebenfalls aus der Gangster-Serie „Peaky Blinders“ bekannt sowie aus dem Biopic „Oppenheimer“ von 2023) können ihn davor retten.

Viel Schweigsamkeit, wenig Handlung

Letztlich bringt dies den gesamten Spannungsbogen des Filmes zu Fall: Der kurze Roman, der seine Figuren nur als Schemen auftreten lässt und handlungsarm ist, lässt wenig Spielraum für eine komplexe Charakterzeichnung oder gar –entwicklung. Bill Furlong tritt im Umgang mit Fremden allzu proletarisch-wortkarg und phlegmatisch auf, unterwürfig gar.

Cillian Murphy – die Kamera ist verliebt in sein markantes Gesicht – hat seine liebe Not, über eineinhalb Stunden eine emotionale Entwicklung zu behaupten. Es ist über weite Strecken der gleiche schmerzgeprüfte Blick, untermalt von tiefen Seufzern und kurzen Absencen, mit denen er seinem anhaltenden Kindheitstrauma und seinen Gewissenskonflikten Ausdruck zu verleihen versucht. Auch der überzeugende Auftritt von Emily Watson als mächtige wie herrschsüchtige Oberin Anne in dem Konvent kann an der trägen Statik der Erzählung nicht viel ändern.

Als Kurzfilm hätte man sich „Small Things Like These“ gut vorstellen können. Als Erstlingswerk eines Regie-Debütanten wäre dies ein achtbares, figurenpsychologisch vielleicht aber etwas überforderndes Projekt gewesen. Als Eröffnungsfilm der Berlinale aber verheißt die belgisch-irische Koproduktion für den Wettbewerb nichts Gutes.

„Small Things Like These“: 16.02., 15 Uhr und 18 Uhr in der Verti Music Hall sowie 18.02. um 19 Uhr im Colosseum 1