Berlinale 2024: Welcher Film hat Chancen auf den Goldenen Bären? Eine Hitliste

Wer kriegt die begehrte Prämie? Erste Rohlinge der Berlinale-Bären sind in der Bildgießerei Hermann Noack zu sehen. Am 24.2. werden die Preise auf der Berlinale verliehen.
Jens Kalaene/dpaEs war so ziemlich alles dabei im diesjährigen Wettbewerb der Berlinale: Sprechende Nashörner, dreistündige Filme über das Sterben, Kunstwerke aus dem Benin, die über ihre Rückkehr philosophieren, oder eine Star–Wars–Parodie aus Frankreich. Wir haben die aussichtsreichsten Kandidaten auf den Hauptpreis des Goldenen Bären zusammengestellt — am Samstag (24.2.) ist die Verleihung.
Altersliebe im Iran: „Kekyke Mahboobe Man“ (My Favorite Cake)

Späte Liebe: Lily Farhadpour (l) und Esmail Mehrabi in einer Szene des Films «Keyke mahboobe man» (My Favorite Cake). Der Film geht bei der diesjährigen Berlinale in das Rennen um einen Goldenen Bären. Insgesamt sollen 20 Filme im Wettbewerb der 74. Ausgabe der Berlinale laufen.
Hamid Janipour/Berlinale/dpa„My favorite Cake“ hat alle Zutaten für einen Siegerfilm: Regimekritik, Ausreiseverbot für das iranische Regie–Duo und eine selbstbewusste weilbliche Heldin. Die 70–jährige Witwe Mahin sucht einen Partner. Vorbei die Zeiten, als Frauen in Teheran mit tiefen Ausschnitten und Absatzschuhen feiern gingen, bedauert sie laut. Als sie den Taxifahrer Faramarz nach Hause einlädt, spitzt die regiemetreue Nachbarin schon die Ohren … Dem Regie–Duo Maryam Moghaddam und Betash Sanaeeha ist ein wundervoller Film gelungen über staatliche Unterdrückung und Einsamkeit im Alter. Doch trotz schwerer Themen kommt er leicht daher. Mein Berlinale–Höhepunkt: Als die beiden Alten sich angezogen zum Abkühlen unter die kalte Dusche setzen. (bb)
Widerstand in Deutschland: „In Liebe, Eure Hilde“

Kandidatin für die Beste Schauspielerin: Liv Lisa Fries als Widerstandskämpferin Hilde Coppi neben Johannes Hegemann als Hans Coppi in einer Szene des Films «In Liebe, Eure Hilde»
Frederic Batier/Pandora/Berlinale/dpaRegisseur Andreas Dresen nähert sich dem düsteren Ende der Widerstandsgruppe Rote Kapelle mit einem zärtlichen Portrait über die antifaschistische Kämpferin Hilde Coppi. Ausgehend von ihrer Verhaftung und der Geburt ihres Sohnes arbeitet sich Dresen mit „In Liebe, Eure Hilde“ bis zu Coppis Enthauptung vor, die Chronologie unterbrechen Einschübe aus der Vergangenheit. Durch den Kniff, rückwärts von der Liebe von Hilde und Hans Coppi zu erzählen, bleibt auch die Erinnerung an einen Sommer des Widerstands und der Freundschaft. Auf plakative Darstellungen von Nazis verzichtet Dresen ebenso wie auf heroisierende Bilder, setzt stattdessen auf leise Zwischentöne. Schauspielerin Liv Lisa Fries als Hilde Coppi ist eine große Bären–Kandidatin. (gie)
Ein Tag in einer Großküche in New York: „La Cocina“

Ein Tag in einer Großküche: Rooney Mara (l) als Julia und Raúl Briones Carmona als Pedro in einer Szene des Films «La Cocina»
Juan Pablo Ramírez/Filmadora/Berlinale/dpaDer Mexikaner Alonso Ruizpalacios lässt lateinamerikanisches Prekarariat ohne gültige Papiere in einem New Yorker Restaurant schuften. Seine bunte Küchentruppe in der Touristenfalle „The Grill“ am Times Square agiert wie ein hoch konzentriertes Theater–Ensemble. Mittendrin: Der hitzköpfige Koch Pedro (Raúl Briones Carmona) und die schwangere Kellnerin Julia (Rooney Mara).
Ungeheure Aggressionen sind im Spiel, wenn unter Zeitdruck Gäste abgefüllt werden — das toxische Beziehungsgeflecht droht zu explodieren, als Geld in der Kasse fehlt und die Belegschaft verhört wird. Gepfefferte Dialoge und eine Kamera, die ganz dicht dran ist am Geschnippel, Gebrate, Gerenne und Gebrülle. Märchenhaft die Idee, die Handlung auf einen einzigen Arbeitstag zu verdichten. „La Cocina“ ist auch eine Parabel über Einwanderergesellschaften. Hier mal ein unorthodoxer Vorschlag: Das gesamte Ensemble hätte den Silbernen Bären für die beste schauspielerische Darstellung verdient. (bkr)
Terror in Tunesien: „Me el Ain“ (Who do I belong to)

Später Überraschungskandidat: Salha Nasraoui als Aicha in einer Szene des Films «Mé el Aïn»
Tanit Films/Midi La Nuit/Instinct Bleu/Berlinale/dpaIn dem bildgewaltigen Drama „Me el Ain“ kehrt der Sohn einer tunesischen Bauernfamilie unerwartet als einziger aus Syrien zurück, wo er sich der IS angeschlossen hatte. Ihn begleitet eine mysteriöse Frau, deren grüne Augen wie eine unheilvolle Prophezeiung hervorstechen. Als tote Menschen in den Visionen der Mutter auftauchen und Menschen verschwinden, stellen sich auch Vater und Mutter die Frage nach ihrer Schuld. Regisseurin Meryam Joobeur gelingt eine magisch–realistische Parabel, die auch harten Worten Platz einräumt. Sie gibt Rätsel auf und verweigert sich einer klaren Interpretation auf, weshalb der Film lange nachhallt. (gie)
Verzweiflung in Österreich: „Des Teufels Bad“

Anja Plaschg als Agnes in einer Szene aus dem Film «Des Teufels Bad»
Ulrich Seidl Filmproduktion/Heimatfilm/Berlinale/dpaVeronika Franz und Severin Fiala nehmen sich mit „Des Teufels Bad“ eines historisch verbrieften Stoffes an: Im 18. Jahrhundert haben viele Lebensmüde in Europa zunächst Kinder oder Säuglinge getötet und sich dann gestellt — in der berechtigten Hoffnung, dafür hingerichtet zu werden. Der Grund: In der katholischen Doktrin fand die Seele geständiger Mörder noch Erlösung, die von Suizidalen nicht. Dieser blutrünstige Film über die Verzweiflung von Frauen in einer dogmatischen Gesellschaft ist bestimmt kein Spaziergang. Er schildert den harten Überlebenskampf im damaligen Österreich atmosphärisch dicht. Hauptdarstellerin Anja Plaschg liefert unter ihrem Künstlernamen Soap & Skin auch den düster–abgründigen Soundtrack. (bkr)
Befreiung durch Musik: „Gloria“ aus Italien

Befreiung durch Musik: Carlotta Gamba, Maria Vittoria Dallasta, Sara Mafodda, Veronica Lucchesi und Paolo Rossi als ihr Lehrer
tempesta sriNoch ein Kostümfilm, denkt man erst: Venetien um 1800 auf einem verlotterten Landgut, wo junge Waisenmädchen als Musikerinnen für die wöchentliche Kirchenmusik geschult werden. Doch dann wird ein Pianoforte geliefert, die Frauen nutzen den Klosterkeller für nächtliche Jamsessions und entdecken in der Kraft der Musik die Freiheit.
Am Ende wird in einem eskalierenden Kirchenkonzert mal eben das Patriarchat der katholischen Kirche hinweggefegt und die Kirche in einen Moshpit verwandelt. „Gloria“ von der jungen Regisseurin Margherita Vicario ist ein hinreißendes Beispiel weiblicher Machtübernahme und gleichzeitig eine Hommage an die vielen Komponistinnen des 18. Jahrhunderts, die keine Stimme und keine Öffentlichkeit bekamen. (tim)
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