Berlinale 2024
: Mit seinem Film über Hilde Coppi fragt Andreas Dresen, wann Widerstand lohnt

Er wolle keine Helden zeigen, sondern junge Menschen, die das Richtige tun, sagt Andreas Dresen. Mit „In Liebe, Eure Hilde“ ist Drehbuchautorin Laila Stieler und Schauspielerin Liv Lisa Fries genau das gelungen.
Von
Christina Tilmann
Berlin
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Einmal jung und glücklich sein: Liv Lisa Fries als Widerstandskämpferin Hilde Coppi und Johannes Hegemann als Hans Coppi in Andreas Dresens Film «In Liebe, Eure Hilde» ("From Hilde, With Love"). Der deutsche Film geht bei der diesjährigen Berlinale in das Rennen um einen Goldenen Bären.

Frederic Batier/Pandora Film/Berlinale/dpa

„Gouvernante“ nennen ihre Kameradinnen sie etwas spöttisch. So ernst, so aufrecht, so still und zurückhaltend. Mit der Widerstandskämpferin Hilde Coppi, gespielt von Liv Lisa Fries, haben Drehbuchautorin Laila Stieler und Regisseur Andreas Dresen genau das Gegenteil der Heldin aus ihrem letzten Film „Rabiye Kurnaz vs. George W. Bush“ geschaffen. Meltem Kaptan war als Rabiye Kurnaz, die um ihren in Guantanamo inhaftierten Sohn kämpft, überschäumend, mutterwitzig, laut und unbändig. Liv Lisa Fries als Hilde Coppi ist das genaue Gegenteil.

Wer wie Dresen und Stieler in der DDR aufgewachsen ist, kennt Hans und Hilde Coppi, die Rote Kappelle und deren NS–Widerstand aus dem Unterricht. Als überlebensgroße Heldenfiguren, die, so Andreas Dresen auf der Pressekonferenz, so einschüchternd wirkten, dass man selbst nie auf die Idee gekommen wäre, Widerstand zu leisten.

Erleichtert: Schauspielerin Liv Lisa Fries, Regisseur Andreas Dresen und Drehbuchautorin Laila Stieler bei der Pressekonferenz.

John MacDougall/afp

Ihr Film „In Liebe, Eure Hilde“ macht es genau anders. Er zeigt junge Menschen in Berlin, lebensfroh, verliebt, ausgelassen. Sie picknicken am See, gehen Schwimmen, essen Eis, tanzen, fahren Motorrad — und gleichzeitig senden sie Funksprüche in die Sowjetunion oder informieren Soldatenmütter darüber, ob ihre Söhne noch leben.

Ein schöner Sommer in Berlin

Filme über die NS–Zeit, insbesondere wenn sie in Deutschland entstehen, haben oft etwas Museales, mit blütenreinen Kostümen, Massenszenen und Sepialicht. Andreas Dresen, seiner Kamerafrau Judith Kaufmann und der Kostümbildnerin Birgitt Kilian gelingt es, den Film unaufgeregt ins Zeitlos–Jetzige zu holen: Das Licht so hell, wie nur ein Sommer sein kann, die Berliner Seen so schön, wie man sie kennt, und die jungen Leute in Boxershorts, Flatterkleidern, Leinenhemden, Strohhut oder abgeschnittenen Hosen so lebendig. Die 80 Jahre, die diese Geschichte zurückliegt, das ist nicht lang. Und die Fragen stellen sich heute wie damals. „Ich wünschte mir, der Film wäre nicht so aktuell“, sagt Andreas Dresen auf die Frage, dieser Film mit unserer Zeit zu tun hat.

Filmclip aus „In Liebe, Eure Hilde“ auf YouTube:

Die Kostüme stammen, erzählt Dresen auf der Pressekonferenz, zum Teil tatsächlich aus heutigen Second–Hand–Läden. Die Geschichte geht darum umso näher. Das liegt auch daran, dass der Film den kurzen schönen Sommer der aufbrechenden Liebe, der Treffen am See und des Funkens aus der Gartenlaube konsequent in Rückblicken gegenschneidet gegen die finstere Zeit, die die zweite Hälfte des Films ausmacht. Verraten und verhaftet, verbringt Hilde ab 1942 noch fast ein Jahr im Gefängnis, bekommt dort ihren Sohn Hans jr., darf ihn noch 8 Monate lang bei sich behalten und aufziehen, bis das Todesurteil sie am 5. August 1943 nach Plötzensee aufs Schafott führt.

Die stille Entschiedenheit, mit der Liv Lisa Fries diese Szenen in den engen Zellen, in der Krankenstation, wo sie nach der Geburt ihres Sohnes untergebracht ist, spielt, sind eine derart intensive Erfahrung, dass man auch als Zuschauerin keinen Ausweg aus der Beklemmung findet. Ähnlich wie in Fred Breinersdorfers Film „Sophie Scholl — Die letzten Tage“ von 2005 erleben wir einen aufrechten Menschen, der mit Angst und Unsicherheit kämpft, alle Tapferkeit aufbringen muss und damit auch der Umgebung einschließlich der strengen Gefängniswärterin Anneliese Kühn (Lisa Wagner) Respekt abnötigt. Da kann Widerstand schon darin bestehen, dem zahnschmerzgeplagten Gefängnisarzt einen besonders schlechten Zahnarzt zum empfehlen. Und spätestens wenn Hilde dem Gefängnispfarrer, gespielt von Alexander Scheer, ihren Abschiedsbrief an ihre Mutter diktiert, bleibt kein Auge trocken.

Dass das weder moralpredigend noch heroisierend daherkommt, sondern in seinen leisen Tönen und schönen Ernsthaftigkeit so nahbar, menschlich und bescheiden, wie Andreas Dresen selbst immer wieder beschrieben wird, liegt daran, dass diese Hilde eben keine besonders glamouröse oder bemerkenswerte Figur ist, wie etwa Libertas von Schulze–Boysen (Sina Martens). Sie ist einfach eine junge Frau, die ihrem inneren Kompass folgt und das Richtige tut. Und damit erübrigt sich auch die Diskussion, ob sich dieser für alle Beteiligten tödlich endende Widerstand gelohnt hat. Von den Funksprüchen, die Hans und Hilde aus ihrer Gartenlaube abgesetzt haben, hat nur die Testnachricht „Tausend Grüße an die Freunde“ ihr Ziel erreicht.

„In Liebe, Eure Hilde“ läuft noch am 20.2., 17.30 Uhr im Kino Toni und am 25.2., 12.30 Uhr, im Zoo–Palast 1.