Berlinale 2025
: Was „Richard III.“ mit arabischen Clans in Berlin zu tun hat

Burhan Qurbani präsentiert bei der Berlinale 2025 mit „Kein Tier. So wild.“ eine Neuverfilmung von „Richard III.“. Er verlegt Shakespeares Drama in die Welt arabischer Clans in Berlin.
Von
Boris Kruse
Berlin
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Kenda Hmeidan in der Rolle der Rashida

Blutiger Machtkampf im Stile Richards III.: Kenda Hmeidan in der Rolle der Rashida, die eiskalt ihre Ranküne in der Auseinandersetzung um die Vorherrschaft in der Berliner Unterwelt schmiedet.

Lukasz Bak/Port au Prince Pictures/Goodfellas/Sommerhaus Filmproduktion
  • Burhan Qurbani zeigt bei der Berlinale 2025 „Kein Tier. So wild.“, ein modernes „Richard III.“
  • Das Drama spielt in der Welt arabischer Clans in Berlin.
  • Kenda Hmeidan spielt Rashida, die einen blutigen Machtkampf führt.
  • Qurbani thematisiert erneut Flucht und Migration.
  • Filmeinführungen: 15.-21. Februar, diverse Berliner Kinos.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Das ist vermutlich von den Programmverantwortlichen der Berlinale genau so gewollt: Am zweiten Festivaltag zeigt Regisseur Burhan Qurbani seine Adaption von William Shakespeares Drama „Richard III.“. Der Film heißt „Kein Tier. So wild.“ und transferiert den blutrünstigen Dramenstoff ins Berlin der Gegenwart, er bezieht ihn auf den Kampf verfeindeter arabischer Clans.

Natürlich ist es in Berlin nicht denkbar, „Richard III.“ zu erwähnen, ohne den Namen Lars Eidinger auszusprechen. Gibt der Berliner Schauspieler doch seit zehn Jahren an der Schaubühne mit großem Erfolg den deformierten, wenig majestätischen und an einem nagenden Neid leidenden Königsbruder und Mörder. Bei den diesjährigen Berliner Filmfestspielen war Eidinger schon am Vortag dran, in Tom Tykwers Eröffnungsfilm „Das Licht“. So spielt die Berlinale auch in diesem Jahr auf dem Roten Teppich Pingpong mit ihren illustren Stammgästen.

Burhan Qurbani wählt einen speziellen Weg, um die Allgemeingültigkeit des im Jahr 1597 veröffentlichten Stückes kenntlich zu machen. Shakespeares Texte mit ihrem Versmaß in die Gegenwart zu übertragen, ist seit Baz Luhrmanns „Romeo + Julia“ von 1996 Kino-Mainstream. Hätte nicht Burhan Qurbani vor fünf Jahren auf der Berlinale eine überaus diskutierenswerte und geradezu grandiose Übertragung von Alfred Döblins Großstadtroman „Berlin Alexanderplatz“ in die Gegenwart vorgestellt. Man darf also gespannt auf den neuerlichen Kino-Flirt mit der Weltliteratur sein.

Nach „Berlin Alexanderplatz“ noch ein Film über Flucht und Migration

Wie schon in „Berlin Alexanderplatz“ nutzt Qurbani, der 1980 als Sohn afghanischer Flüchtlinge in Erkelenz geboren wurde, die literarische Vorlage, um das Thema Flucht und Migration in der deutschen Gegenwartsgesellschaft zu adressieren. Es ist kompliziert und schwer zu durchschauen. Die arabischen Großfamilien heißen hier auch Lancaster und York, wie in den  Rosenkriegen, die die historische Vorlage für Shakespeares Dramen abgegeben haben.

Jedenfalls wollen die Yorks eine große Moschee am Rande der Bundeshauptstadt bauen. Das Bauvorhaben soll als riesige Geldwaschmaschine für ihre Einkünfte aus dubiosen Geschäften dienen. Die Anwältin Rashida (Kenda Hmeidan) ist eine treue Unterstützerin ihres älteren Bruders Imad (Mehdi Nebbou), der im Hause York bestimmt, wo es langgeht. Rashida vertritt die Yorks auch vor Gericht in den Rechtsstreits mit den verfeindeten Lancasters.

Kenda Hmeidan spielt eine seelisch versehrte Frau

Aber dann dreht Rashida den Spieß um. Sie hadert mit ihrem Äußeren und ahnt, dass sie nie zum erlesenen Klüngel der Babos, Bros und heißen Ladies gehören wird, auch nach jahrelanger loyaler Schmuddelarbeit nicht. Das Maß ist für sie voll, als Idan sie aus strategischen Gründen mit einem Lancaster-Erben verheiraten will.

Rashida zeigt, was sie mit ihrem literarischen Vorbild Richard III. verbindet. Die syrische Schauspielerin Kenda Hmeidan, Ensemblemitglied am Berliner Gorki Theater, lässt ihre seelisch versehrte Figur überzeugend und eindrucksvoll agieren. Ihre Rashida findet hintertriebene Wege, sich in dem gefährlichen Soziotop der beiden Clans nach oben zu kämpfen. Raffiniert spielt sie ihre Verwandten gegeneinander aus, lässt sich immer neue Intrigen einfallen, mit denen sie ihre Konkurrentinnen und Konkurrenten aus dem Weg räumt. Statt ihrer selbst soll nun die eingeheiratete biodeutsche Schwägerin Elisabet (Verena Altenberg) die machtstrategisch bedingte Lancaster-Hochzeit übernehmen.

Stylishe Frauen, gepflegte Männer, viel Koks und Sportwagen

Um es deutlich zu sagen: Der Autor dieser Zeilen musste bisweilen schon scharf kombinieren, um nicht den Überblick über die verwickelten Verwandtschaftsbeziehungen in den beiden Clans zu verlieren - und darüber, wer gerade noch unter den Lebenden wandelt und wer schon einen fürchterlichen blutigen Tod gestorben ist, und warum überhaupt.

Später verlagert sich das Geschehen von Berlin mehr und mehr in die steinige Wüstenlandschaft, aus der der Familienclan der Yorks einst durch einen Krieg vertrieben worden ist. Die barocke, verschwenderische Pracht der Familienfeiern mit prächtigem Mobiliar, stylishen Frauen und gepflegten Männern, viel Koks und schnittigen BMW-Sportwagen weicht dem reduzierten Szenenbild der Wüste.

Aaron Kissiov (v. l.), Mehdi Nebbou, Kenda Hmeidan und Hiam Abbass spielen in Kein Tier. So wild. die Rollen von Mitgliedern des arabischen York-Clans. Hier sind sie nach einer Verhandlung im mtsgericht Moabit zu sehen.

Aaron Kissiov (v. l.), Mehdi Nebbou, Kenda Hmeidan und Hiam Abbass spielen in „Kein Tier. So wild.“ die Rollen von Mitgliedern des arabischen York-Clans. Hier sind sie nach einer Verhandlung im mtsgericht Moabit zu sehen.

Sommerhaus/Port au Prince Pictures/Goodfellas

Die Metapher wird dem Zuschauer geradezu mit dem Holzhammer verabreicht: Je weiter Rashida/Richard in der Clan-Hierarchie aufsteigt, umso mehr siegt sie sich in ein trauriges Nichts hinein. Mit jedem Konkurrenten, den sie aus dem Weg räumt, wird es einsamer um sie herum. Und in ihrem Inneren toben noch immer die quälenden Bilder einer Kindheit im Krieg.

Das ist ein bisschen platt und nicht sehr souverän gelöst von Quarbani, von dem man subtilere Erzähltechniken gewohnt ist. Leider ermüdet der Film, weil er so angestrengt kunstsinnig inszeniert ist.

„Kein Tier. So wild.“ Vorführungen am Sonnabend (15.02), 19 Uhr im Cubix 9; Montag (17.02.), 21.30 Uhr, Colosseum 1; Mittwoch (19.02.), 21 Uhr, Wolf Kino 1/2; Donnerstag (20.02.), 10 Uhr, Urania und Freitag (21.02.), 13 Uhr, HKW 1 Komplettes Programm der 75. Internationalen Filmfestspiele Berlin unter www.berlinale.de