Berlinale
: Im Wettbewerb: Brasiliens Beitrag „Todos os mortos“

Zehn Jahre nach Ende der Sklaverei: Der Film von Caetano Gotardo und Marco Dutra erzählt von den Folgen der Freiheit.
Von
Daniela Sannwald
Berlin
Jetzt in der App anhören

Mawusi Tulani, Agyei Augusto in "Todos os mortos" im Berlinale Wettbewerb

Hélène Louvart

Das zeitraubende Ritual und das frugale Frühstück stehen für das Ende einer Ära: „Todos os mortos“ spielt 1899 in Brasilien, die Sklaverei ist vor zehn Jahren abgeschafft worden, und mancher Gutsbesitzer, dessen Reichtum auf unbezahlter menschlicher Arbeitskraft basierte, ist verarmt.

Drei Frauen — drei Schicksale

Eine solche Familie steht im Mittelpunkt des Films — einst reiche Plantagenbesitzer, arbeitet der Vater nun in Verleugnung seines degradierten Status immer noch auf dem Land, während er seine Frau und seine beiden erwachsenen Töchter in die Stadt geschickt hat. Die drei Frauen kommen auf unterschiedliche Weise nicht klar mit ihrem Schicksal: Die Mutter, Isabel, hat sich in körperliche Gebrechen geflüchtet, ihre Tochter Maria ins Kloster und Ana, die Jüngste, in Wahnvorstellungen.

Die Konventionen zwingen sie zur Passivität, aber Ana spielt wilde Tänze auf dem Klavier und vergräbt mit großem Elan Dinge im Garten, und Maria trinkt heimlich Wein und ist womöglich verliebt in eine ihrer Schülerinnen, denn die Nonne unterrichtet an einer Mädchenschule.

Keine gemeinsame Sprache

Der Umgang mit den ehemaligen Sklavinnen erweist sich als schwierig. Man merkt, dass es keine gemeinsame Sprache gibt, ja vielleicht überhaupt keine Gemeinsamkeiten, außer dem Wissen, dass es nicht weitergehen wird wie bisher. Auch der Glaube hilft nicht weiter: Die einstigen Herren sind katholisch, die Afroamerikaner beschwören ihre eigenen Götter — endlich dürfen sie ihre Religion praktizieren.

Als die ehemalige Sklavin Ina zu den drei Frauen gerufen wird, um durch Geisterbeschwörung die Mutter zu heilen, tut sie das nur widerwillig. Sie möchte ihren Glauben nicht instrumentalisieren lassen und damit verraten, ihrem kleinen Sohn aber gefällt es in diesem Haus…

An der Schwelle zum 20. Jahrhundert, zur Moderne also, sind die sozialen Verhältnisse ungeklärt, unsicher, und sie bergen jede Menge Sprengstoff. Davon erzählt dieser Film in matten Farben und gedämpftem Licht, der aus Fragmenten, einzelnen Skizzen zusammengesetzt scheint: Ana steht am Zaun und wird von einem Bauarbeiter angesprochen, dem sie kurz darauf das Tor öffnet, hinter dem sie von Mutter und Schwester unter Verschluss gehalten wird. Eine Bekannte kommt zu Besuch, deren Neffe Ana vielleicht gern heiraten möchte. Aber er ist das Kind einer ehemaligen Sklavin, und Ana findet ihn zu dunkelhäutig. Einen Brief des Vaters, in dem er die prekäre finanzielle Lage der Familie darlegt, nimmt Ana ihrer Mutter weg und vergräbt ihn im Garten. Ina erklärt ihrem Sohn, dass er frei geboren sei und will ihn am liebsten von allem Umgang mit den Weißen abschotten.

Fazit: „Todos os mortos“ ist ein Film, für den man Geduld braucht, aber wenn man seinen Mäandern folgen mag, lernt man vielleicht ein kleines bisschen über die brasilianische Geschichte.

„Todos os mortos“: 24.2. 11 Uhr HBF, 18 Uhr Friedrichstadtpalast, 29.2. 17 Uhr CinemaxX 7, 1.3. 16.45 Friedrichstadt–Palast