Brandenburgischer Kunstpreis 2023
: Ausstellung in Neuhardenberg – das erwartet die Besucher

Christa Panzner, Ulrich Jörke, Kirstin Rabe und Katja Gragert sind die Preisträger 2023. Was zeichnet ihre Werke aus und was gibt es sonst noch zu sehen?
Von
Christina Tilmann
Neuhardenberg
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Begrüßt mit Skulpturen von Helge Leiberg: die Ausstellung zum Brandenburgischen Kunstpreis 2023 in Neuhardenberg 2023. Der Preis in den Kategorien Malerei, Plastik, Grafik und Fotografie wird am 9. Juli 2023 in Neuhardenberg verliehen.

Christina Tilmann

Das Begrüßungskomitee hat sich aufgestellt: Vier schlanke Skulpturen des diesjährigen Ehrenpreisträgers Helge Leiberg erwarten die Besucher im Eingang der Ausstellungshalle von Neuhardenberg. Elegante, gelängte Figuren, die himmelwärts streben, überdimensionale Hände in Richtung Decke recken oder einen kühnen Hüftschwung hinlegen.

Die Leichtigkeit, Luftigkeit des Entrees setzt den Ton für eine Präsentation, die trotz der bekannten Fülle der mehr als 60 künstlerischen Positionen diesmal stärker strukturiert wirkt.

So hat sich im Hauptraum eine regelrechte Skulpturenhalle gebildet, mit starken Arbeiten insbesondere von Bildhauerinnen, und im eingestellten Kubus ist ein schönes, konzentriertes Grafikkabinett entstanden.

Jahrgang spannt sich thematisch zwischen zwei „Altmeistern“

Thematisch spannt sich der diesjährige Kunstpreis-Jahrgang zwischen zwei stark und eindrucksvoll auftretenden „Altmeistern“ im Bereich Malerei/Skulptur und einer eher konzeptuell arbeitenden jüngeren Generation im Bereich Grafik/Fotografie. Das großformatige Gemälde „Erschüttertes Kind“ der 1948 bei Perleberg geborenen Christa Panzner lässt ein Mädchen fragend, sorgend aus dem Bild blicken, auf leerer, grauer Bühne, die ganze kleine Figur ein einziges Fragezeichen – selten hat ein Einzelbild solche Konzentration, solche Intensität ausgestrahlt.

„Erschüttertes Kind“ hat Christa Panzner ihr Bild genannt, mit dem sie den Preis in der Kategorie Malerei gewann. (Ausschnitt)

Thomas Burckhardt

Der 1936 in Berlin geborene Ulrich Jörke, der 2021 schon die Skulptur für den Brandenburgischen Kunstpreis entworfen hatte, ist mit dem weiblichen Torso „In Wellen“ vertreten, der elegant, aber labil auf einer Hüfte balanciert, zwischen Schulter und Knie ein schönes Spiel aus Anspannung und Drehung zeigt und in der nicht geglätteten Oberfläche des türkischen Marmors Licht und Schatten, Schwarz und Weiß und Grün spielen lässt.

„In Wellen“ heißt die Skulptur von Ulrich Jörke, die in der Kategorie Plastik ausgezeichnet wurde.

Thomas Burckhardt

Zwischen Schwarz und Weiß spielt auch die Serie „Tiefen und Untiefen“ von Kirstin Rabe, Jahrgang 1971, die im Bereich Grafik ausgezeichnet wurde. Zeichnungen mit Japantusche, entstanden nach Wanderungen durchs Briesetal nördlich von Berlin, überführen die Natureindrücke in Strukturen, in ein Spiel der zarten Striche, die sich zu Büscheln verdichten und in den helleren Partien Untiefen ahnen lassen. Auch das ein Ausdruck von Ungewissheit.

Die Idee zur Serie „Tiefen und Untiefen“ entstand während Wanderungen im Briesetal. Die Arbeit wurde in der Kategorie Grafik ausgezeichnet.

Thomas Burckhardt

Vollends mit bewusster Irritation spielt die 1978 in Potsdam geborene Fotografin Katja Gragert, die im unendlichen Weiß des winterlichen Schnees Strommasten fotografiert samt des sie umrankenden Gestrüpps, und aus dem Spiel zwischen massivem Mast und filigranem Gewirr der Äste ihren ästhetischen Reiz beziehen. Das Interesse am Vertikalen, die Arbeit in Serien, die Reduktion auf Weniges eint die beiden Künstlerinnen Rabe und Gragert und setzt der figürlichen Fülle der Skulpturen einen klaren Gegenpol entgegen.

Kunstpreis 2023: Katja Gragert hat für ihre Serie „Baumartig“ den Preis in der Kategorie Fotografie erhalten.

Thomas Burckhardt

Thematisch ziehen sich so einige rote Linien durch den Raum, wenn auch manchmal etwas verdreht wie Anina Brisollas die Wand emporkletternde rote Eisenleiter. So eine Zusammenstellung ist natürlich zufällig, und die Schau mit ihren 91 Positionen vielfältiger, als ein Text wiedergeben kann, doch lässt sich sagen: Explizit politisch oder auf die gegenwärtigen Krisen bezogen sind diesmal die wenigsten Arbeiten, auch wenn Christiane Wartenberg mit zwei sehr eindrucksvollen Wortbildern zu Fontanes Roman „Vor dem Sturm“ deutlich sichtbar mahnt: „dass auch unsere Rache nichts anderes wird als ein gemeinschaftliches Grab!“.

Die versehrte Natur ist ein Thema, das viele umtreibt, etwa Adam Sevens, der die Folienmeere auf den Spargelfeldern fotografiert, Halina Hildebrand, die im „Holozän“ apokalyptische Steinwüsten zeigt, oder Isis Nienstedt, in deren Fischen auf Zinntellern die letztjährige Oderkatastrophe nachzuwirken scheint. Winter ist ebenfalls ein Thema, das viele beschäftigt, nicht nur Katja Gragert. So lässt Monika Leonhardt den Winter im Oderbruch leuchten, und Lorenz Kienzle fotografiert am Jasmund auf Rügen die Erosion der Küstenlandschaft.

Kinder als heimliche Helden

Doch die heimlichen Helden der Schau sind die Kinder, in Büsten von Anna Franziska Schwarzbach, Heike Adner und Adelheid Fuss, in Susanne Kraißers kecker Mädchenskulptur „Allegro“, auch Ulrich Jörke hat noch eine schöne Porträtbüste seiner Enkelin Josephine beigesteuert, der 1976 geborene Jan Mövius porträtiert seine kleine Tochter Jeanne, und Elke Brämer fotografiert die „Generation Z“: Jugendliche, die mit „Ostdeutschland“-Sweatshirt auf einer Bank lungern oder verträumt in den Wurzeln eines Baums stehen. In der Sorge um die nächste Generation, die in der Corona-Zeit besonders zu leiden hatte, klingt ein starker Appell nach, und da ist man dann wieder bei Christa Panzners „Erschüttertem Kind“, dessen Blick den Besucher verfolgt, auch lange nach Verlassen der Ausstellung.

Die Ausstellung in Neuhardenberg ist vom 24. Juni bis 20. August zu sehen, Di. bis So. 10 bis 18 Uhr. Es erscheint ein Katalog. Feierliche Kunstpreisverleihung ist am 9. Juli, der Eintritt ist frei.

Open Air-Saison 2023 in Neuhardenberg

Mit dem Sängertreffen beginnt am 24. Juni die Open-Air-Saison in Neuhardenberg. Unter Leitung von Klaus Hoffmann treffen sich Sänger und Poeten wie Sharon Brauner, Katja Ebstein, Friend ’n Fellow, Sarah Lesch und Manfred Maurenbrecher (14 bis 22 Uhr). Es folgen Konzerte zweier Rock- und Poplegenden – Silly feat. Julia Neigel und Toni Krahl am 25.6. und die Söhne Mannheims am 27.6. Am 29.6. gibt es ein Theaterkonzert mit Christian Friede und seiner Band Woods of Birnam. Am 1.7. ist die Bestsellerautorin Donna Leon Ehrengast des von Dieter Kosslick geplanten Programms „Kino trifft Venedig“, Tickets unter Telefon 033476 600750 und www.schlossneuhardenberg.de.