Bröhan-Museum
: Hans Baluschek war ein Revolutionär an der Leinwand

Der Maler und Grafiker Hans Baluschek war scharfsinniger Beobachter und engagierter Chronist seiner Zeit. Auf seinen Bildern hielt er das Leben und das Elend des Berliner Proletariats von der Kaiserzeit bis zur Weimarer Republik fest. Das Bröhan-Museum würdigt ihn zum 150. Geburtstag mit einer großen, sehenswerten Ausstellung.
Von
Camillo Kupke
Berlin
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  • Neben dem "Paradies": Das Ölgemälde "Großstadtwinkel" von 1929 zeigt Prostituierte, die auf Freier warten.

    Neben dem "Paradies": Das Ölgemälde "Großstadtwinkel" von 1929 zeigt Prostituierte, die auf Freier warten.

    Stiftung Stadtmuseum Berlin/Gunter Lepkowski
  • Rätselhafter Bildtitel: "Hier können Familien Kaffee kochen" (1895) gilt auch als Umschreibung des Kleinbürgermilieus.

    Rätselhafter Bildtitel: "Hier können Familien Kaffee kochen" (1895) gilt auch als Umschreibung des Kleinbürgermilieus.

    Martin Adam
  • Essen für die Männer: "Mittag bei Borsig", 1911

    Essen für die Männer: "Mittag bei Borsig", 1911

    Knud Petersen
  • Hans Baluschek Arme Leute, o. J. Aquarell und Ölkreide auf Pappe Bröhan-Museum Foto: Martin Adam, Berlin „ZU WENIG PARFÜM, ZU VIEL PFÜTZE.“ HANS BALUSCHEK ZUM 150. GEBURTSTAG Ausstellung im Bröhan-Museum, Berlin (12. Mai bis 27. September 2020)

    Hans Baluschek Arme Leute, o. J. Aquarell und Ölkreide auf Pappe Bröhan-Museum Foto: Martin Adam, Berlin „ZU WENIG PARFÜM, ZU VIEL PFÜTZE.“ HANS BALUSCHEK ZUM 150. GEBURTSTAG Ausstellung im Bröhan-Museum, Berlin (12. Mai bis 27. September 2020)

    Martin Adam
  • In seinem Atelier: Hans Baluschek um 1904/05

    In seinem Atelier: Hans Baluschek um 1904/05

    Archiv Bröhan-Museum
  • Gesichter in Serie: das Gemälde "Arbeiterinnen (Proletarierinnen)", entstanden im Jahr 1900

    Gesichter in Serie: das Gemälde "Arbeiterinnen (Proletarierinnen)", entstanden im Jahr 1900

    Stiftung Stadtmuseum Berlin/Gunter Lepkowski
  • Ausgemergelt und entkräftet: "Eisenbahner-Feierabend", 1895

    Ausgemergelt und entkräftet: "Eisenbahner-Feierabend", 1895

    Martin Adam
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„Hier können Familien Kaffee kochen“ heißt das 1895 von Hans Baluschek gemalte Bild. Der rätselhafte Titel verweist auf eine – heute kaum noch bekannte – gastronomische Sonderform. Um 1800 beginnen aus Sachsen stammende Gastwirte, in Treptow Ausflügler zu bewirten. Doch sie sind nicht bereit, die Getränkekonzession zu zahlen, weshalb ihnen der Ausschank verboten wird. So kommen sie auf die Idee, den Gästen lediglich heißes Wasser und Geschirr anzubieten, sodass diese mithilfe mitgebrachten Kaffeepulvers sich ihr eigenes Getränk zubereiten können. Das pfiffige Geschäftsmodell verbreitet sich daraufhin im gesamten Berliner Umland. Und der Slogan „Hier können Familien Kaffee kochen“ wird zunehmend auch als Umschreibung für das Milieu der Arbeiter und Kleinbürger verwendet.

Wie nur wenige andere Künstler erfasst Baluschek den Geist jener Zeit, die sozialen Spannungen in der Wilhelminischen Ära, die Verwerfungen in der Weimarer Republik. Den Maler, Grafiker und Illustrator interessieren die Folgen der gnadenlosen Industrialisierung, die Lebensumstände des Proletariats, Armut, Hunger, Verzweiflung, die Verwahrlosung der unteren Gesellschaftsschichten in der ungebremst wachsenden Millionenmetropole Berlin.

Er fühlt sich keinem „Ismus“ zugehörig

Baluschek ist dabei ein scharfsinniger Beobachter, ein brillanter Meister der Blickführung. Bisweilen treffen sich die Augen seiner gemalten Figuren direkt mit denen des Betrachters – so im „Großstadtwinkel“ von 1929. Das Ölgemälde zeigt eine abendliche Gasse, die von einem hell beleuchteten Boulevard im Hintergrund abzweigt. Eine einzelne Gaslaterne wirft gelbe, blaue und violette Flecken in die Pfützen auf dem Straßenpflaster. Dort stehen 18 Frauen; einige von ihnen schauen uns frontal an. Sie haben sich schick gemacht, mit Hut, Mantel und Pelzkragen. Vermutlich warten sie auf Einlass zur „Schönheits-Concurrenz“, für die am linken Bildrand – unter der Leuchtschrift „Zu den Paradiessälen" – ein Plakat wirbt. Doch die Szene trügt: Die Frauen, die sich hier versammeln, sind Prostituierte, die auf Freier warten. Und das vermeintliche „Paradies" – es ist ein Stundenhotel.

Die Damenrunde bei Kaffee und Kuchen, eines von Baluscheks frühen Werken, und der „Großstadtwinkel“, eines seiner spätesten, sind ungewöhnlich bunt im Vergleich zu seinen anderen, oft graubraunen Bildern. Rund 100 versammelt derzeit das Berliner Bröhan-Museum in seiner Ausstellung „,Zu wenig Parfüm, zu viel Pfütze.‘ Hans Baluschek zum 150. Geburtstag“. Sie spannt einen Bogen vom Kaiserreich bis in die fragile Weimarer Republik und dokumentiert zugleich die große Spannbreite seines Œuvres, das von sozialkritischen Themen über realistische Großstadtdarstellungen und Industriebilder bis zu Märchenillustrationen reicht. Seine Malerei changiert dabei zwischen den großen Strömungen jener Zeit, zwischen Impressionismus, Naturalismus, Realismus und Neuer Sachlichkeit. Modern ist auch seine Bildkomposition: Er setzt radikale Anschnitte ein, die Figuren erscheinen häufig vom Bildrand begrenzt. „Die neue Sicht, die Wahl seiner Sujets und sein soziales Engagement machen Baluschek zu einem revolutionären Künstler“, sagt Ausstellungskurator Fabian Reifferscheidt.

Als Chronist des Alltags der armen Menschen, ihres nackten Elends gebührt Baluschek ein gleichberechtigter Platz neben Künstlern wie Käthe Kollwitz, Heinrich Zille, Otto Dix und George Grosz. Dass er kunstgeschichtlich dennoch eher stiefmütterlich behandelt wurde, liegt wohl auch an einem Ausspruch seines Kollegen Max Beckmann, der über Baluschek bewundernd wie verachtend urteilt: „Schade, der Kerl hat so famose Einfälle. Es ist zu dumm, dass er gar keinen malerischen Stil hat, er arbeitet wie ein farbiger Photograph.“ „Zu wenig Parfüm, zu viel Pfütze" – so fasst der zeitgenössische Kunstkritiker Willy Pastor die Reaktionen von ratlosen Ausstellungsbesuchern zusammen. Wie Baluschek überhaupt zeitlebens aneckt: Den Bürgerlichen ist das SPD-Mitglied zu links, den Linken zu konservativ. Von den Akademikern, Konservativen und Getreuen um Kaiser Wilhelm II. wird er als „Rinnsteinkünstler“ gebrandmarkt, den Avantgardisten wiederum ist seine Malerei des Proletariats zu viel Sozialrealismus, zu naturalistisch, zu wenig Kunst.

Baluschek ficht das wenig an. „Alle diese Urteile haben mir körperlich nicht geschadet, auch sonst nicht“, schreibt er angriffslustig 1920 in der Zeitschrift „Die Gartenlaube“. Sein Beitrag mit dem Titel „Im Kampf um meine Kunst“ ist eine Art Manifest. Darin bekennt er, sich keiner Kunstströmung, keinem „Ismus“ zugehörig zu fühlen: „Mir ist die malende Masse, die an demselben Karren zieht und schiebt, ein Greuel. Für mich ist Kunst der Künstler, der Eigenmensch. (…) Was mich um mich herum irgendwie berührt, ergreift, packt, erschüttert, gibt mir die Impulse zu meinen Bildern. (…) Meine Waffen: Pinsel, Kohle, Feder, Bleistift, sollen hauen und stechen.“

Dieses Selbstbewusstsein resultiert auch aus Baluscheks Biografie. Am 9. Mai 1870 in Breslau als Sohn eines Eisen-bahningenieurs geboren, zieht die Familie 1876 nach Berlin im heutigen Kreuzberg; er selbst wird später in Schöneberg leben. In seinem Elternhaus weht ein „demokratischer Wind“, der ihn von klein auf lehrt, sich anderen Menschen ohne jeglichen Dünkel zu nähern. Er spielt mit Arbeiterkindern. Und das Dienstmädchen setzt den Zehnjährigen sonntags in der Hasenheide an einen „von Bierflecken klebrigen Tisch“, derweilen sie tanzen geht. Dort, „im Gewühl der lärmenden Menschen“, habe sich „das Elend und der Jammer“ der „Arbeiter, Kleinbürger, Spießer, Dirnen, Zuhälter“ in ihn hineingefressen, schreibt Baluschek in der „Gartenlaube“. So etwas prägt.

Er studiert an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste, die vom konservativen Historienmaler Anton von Werner geleitet wird – und entscheidet schon sehr früh, sich von der akademischen Malerei zu lösen und stattdessen der Darstellung des Arbeiterlebens in Berlin zu widmen. 1898 gehört er neben Käthe Kollwitz, Max Liebermann und Walter Leistikow zu den Gründern der Künstlergruppe „Berliner Secession.“

Baluschek durchstreift die kalten, abweisenden, dreckigen Winkel Berlins, die Hinterhöfe der Mietskasernen, die Gassen zwischen Brandmauern und Schloten, und zeichnet deren Bewohner. Seine Bilder lesen sich wie kleine Novellen, wie Kurzgeschichten. Sie erzählen von Hungernden, Außenseitern und müden Fabrikarbeitern, von Schwindsüchtigen, Prostituierten und Obdachlosen, von Alkoholikern, Kokainisten und auch von Kindern, die wesentlich älter aussehen, als sie sind. Sie alle wirken erschöpft, zerlumpt, abgehärmt, ausgelaugt, hoffnungslos. Ein lächelndes Antlitz sucht man vergebens. Und nirgendwo duftet es lieblich nach Parfüm, es stinkt nach Schweiß, Kohlenstaub, Gosse, Schnaps.

Baluschek malt selten Individuen, er hält Typen fest – in Serie. Die Antlitze der Dirnen im „Großstadtwinkel“ ähneln sich frappierend. Noch deutlicher wird dies bei den „Arbeiterinnen“ von 1900: Dutzende Frauen strömen dicht gedrängt aus einer Fabrikhalle. Dabei variiert Baluschek lediglich drei, vier verschiedene Gesichter. Selbst die lockigen Frisuren gleichen sich. Die blassen Proletarierinnen sind mechanisiert wie die eintönige Arbeit, die sie machen. Nur durch ihre Kleidung, durch winzige Accessoires wie Ohrringe, Spangen oder Ketten, hier eine Blindenbrille, da ein Tuch um die geschwollene Wange dürfen die Entindividualisierten ein klein wenig Mensch sein.

Eine Fabrik wie ein Gefängnishof

Als Sohn eines Eisenbahningenieurs, der den Jungen auf seinen Dienstgängen mitnimmt, ist Baluschek vom technischen Fortschritt fasziniert. Rauchende Schlote, Lokomotiven und Bahngleise sind bei ihm allgegenwärtige Motive. Doch er sieht auch, wie die Maloche die Menschen prägt. Auf dem Bild „Eisenbahner-Feierabend“ von 1895 ziehen entkräftete, ausgemergelte Bahnarbeiter durch eine Art Schützengraben heimwärts.

Auf „Mittag bei Borsig“ (1911), einem seiner bekanntesten Gemälde  – es wird häufig zitiert, wenn es um die Visualisierung der Industrialisierung geht –, schildert Baluschek, wie sich drei Minuten vor zwölf die Frauen vor der Tegeler Lokomotiv-Fabrik versammeln, um ihren Männern in der knapp bemessenen Pause Essen zu bringen. Es ist Winter, die dreckige Abluft der Schornsteine färbt die Szene in ein schmutzig-abstoßendes Braun. Nur zwei Männer bevölkern das Bild: ein Invalide mit Holzbein und ein Aufseher auf einer Brüstung, der wie in einen Gefängnishof hinabblickt und auf einen reibungslosen Ablauf achtet.

Nach dem Ersten Weltkrieg ist Baluschek, der 1920 der SPD beitritt, verstärkt als Illustrator tätig, zudem als Dozent an der Volkshochschule. Seine Malerei ist nun hoch anerkannt und wird etwa in der Großen Berliner Kunstausstellung gezeigt. Doch gleich nach ihrem Machtantritt 1933 jagen die Nationalsozialisten den „marxistischen Künstler“ aus allen Ämtern und diffamieren sein Werk als „entartet“. Am 28. September 1935 erliegt Baluschek im Berliner Franziskus-Krankenhaus einem Nierenleiden.

Ausstellung bis zum 27.9., Di–So 10–18 Uhr, Bröhan-Museum, Schloßstr. 1a, Berlin-Charlottenburg, Tel. 030 32690600