Bryan Adams in Berlin: Dem Kanzler die Schau gestohlen

Bryan Adams, Sänger und Songwriter aus Kanada. Am 5.9. trat er in Berlin im IFA-Sommergarten auf.
Helle Arensbak/Ritzau Scanpix Foto/AP/dpaFür die Eröffnung der Tele-Messe IFA, der Internationale Funkausstellung, haben sich die Messe-Verantwortlichen einen Prominenten geangelt: Bundeskanzler Olaf Scholz. Damit haben die IFA-Chefs zumindest schon mal mehr Vertrauen in die, nun ja, Strahlkraft des Regierungschefs als der Brandenburger Ministerpräsident Dietmar Woidke, der Scholz bei seinen Wahlkampfauftritten nicht dabei haben möchte.
Bevor Scholz am Freitagvormittag durch die Messehallen am Berliner Funkturm streifte, um die Ausstellung mit seiner Prominenz aufzuwerten, war schon ein anderer Prominenter auf dem Gelände, um die Konsum-Hightech-Messe quasi inoffiziell zu eröffnen. Bryan Adams aus Kanada trat am Donnerstagabend im IFA-Sommergarten auf, um mit seinen Liedern den Berlinern und sicher auch etlichen Angereisten einen netten Abend zu bereiten. Um es vorweg zu nehmen: Die Resonanz des Publikums war bedeutend besser als die für Olaf Scholz bei seinen Auftritten vor Publikum hier und da in ostdeutschen Städten, wo er für seine Partei werben wollte.
Über 100 Millionen Tonträger verkauft
Bryan Adams hat es natürlich auch leichter. Der Kanadier ist in keiner deutschen Partei Mitglied und in seinen Liedern singt er nicht über Themen wie Bürgergeld, Heizungsgesetz oder Leopard-Panzer. Er singt gern über dies und das und am erfolgreichsten über Herz-Schmerz-Angelegenheiten. Damit hat er weltweit mehr als 100 Millionen Tonträger verkauft. Viele der vielleicht 6000 Besucher im IFA-Sommergarten werden zu den Käufern gehören. Es handelt sich um ein nicht mehr junges, aber auch noch nicht altes Publikum. Und sie harren gut aufgeräumt bei lauem Sommerwetter der Dinge, die da kommen werden: Hits, Hits, Hits, meistens schön gepflegt im Balladengewand.
Interessanterweise geht es schon los im Vorprogramm „vom Band“, wo der Song „Heaven“ von einer Sängerin in einer Unplugged-Coverversion läuft. Als der 64-jährige Bryan Adams dann in komplett weißem Outfit (T-Shirt, Jeans, Sneakers) die Bühne betritt, brettert er jedoch erstmal los mit „Kick Ass“. Das allerdings klingt nun auch nicht so, dass man als Kuschelrock-Fan vom Glauben abfällt. Und es dauert auch nicht allzu lange, dass ein nach zarten Mädchenstimmen klingender Fanchor „Please forgive me“ mitsingt. Dann wieder gibt‘s Rockabilly („You Belong To Me“), was gern angenommen wird, aber der (Erleichterung)Seufzer kommt bei „(Everything I Do) I Do It for You“, die große Schnulze aus dem „Robin Hood“-Film mit Kevin Costner.
Von der Kategorie hat Bryan Adams natürlich noch mehr. Das schon zitierte „Heaven“ oder „Straight From The Heart“. Und natürlich die großen Abräumer aus den Achtzigern, „Run To You“, ein wirklich schön gitarrenrockiger Song, sowie „Summer of ’69“. Es sind im Übrigen jene Songs, die einige der in der DDR aufgewachsenen Menschen im Publikum auch aus dem Bryan Adams-Konzert 1988 in Berlin-Weißensee kennen.
Kati Witt wurde damals in Weißensee ausgepfiffen
Damals gehörte der junge Kanadier zu den Topstars aus dem Westen, mit dem die DDR-Kulturfunktionäre die im Bewusstsein längst in den Westen abgewanderte Jugend zurückzugewinnen versuchte. Dass er überhaupt in die DDR gekommen war, hatte das Publikum wesentlich der Eiskunstläuferin Kati Witt zu verdanken, die den Kanadier kennengelernt und daraufhin einfach angesprochen hatte. Für die Olympiasiegerin endete das Weißensee-Konzert übrigens im Desaster. Weil sie als Moderatorin auf der Bühne gesagt hatte „Ich habe Bryan Adams gerade in Kanada getroffen“, wurde sie als privilegierte Repräsentantin des DDR-Staats gesehen und ausgepfiffen.
Solche Unmutsbekundungen gibt es 36 Jahre später auf der Bühne im tiefen Westen Berlins nicht. Da leuchten einträchtig die Handylichter zu „All For Love“. Und am Ende gehen alle Besucher zufrieden nach Hause, ohne den Frust, nicht zwischen allen Teilen Berlins hin und herfahren zu können.

