Cold War: Polnisches Volks-Hollywood

In Schwarz-Weiß gedreht: Der polnische Streifen „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“ mit Tomasz Kot und Joanna Kulig wurde in gleich drei Kategorien (Bester Film, Bester ausländischer Film, Beste Kameraführung) für die Oscars nominiert.
dpa/Neue VisionenAuch heutige polnische Regisseure knüpfen an solche Erfolge an. Erst in dieser Woche wurde der Streifen „Cold War“ von Pawel Pawlikowski, der eine Liebesbeziehung aus den 1960er-Jahren beschreibt, in gleich drei Kategorien für den Oscar nominiert. Pawlikowski hatte bereits vor vier Jahren mit dem Film „Ida“ den Oscar für den besten ausländischen Film gewonnen.
Dennoch will Warschaus Kulturminister Piotr Glinski die Studios des Landes jetzt zentralisieren. „Wenn wir die übergebliebenen Strukturen aus der Volksrepublik Polen weiter kultivieren, wird das zur Marginalisierung unserer Filmproduktion führen“, warnte der 64-Jährige, als er jetzt seinen Plan vorstellte. Ziel sei „eine hochprofessionelle öffentliche Produktionsstätte, die für europäische und amerikanische Investoren ein attraktiver Partner in einer Branche ist, in der es um immer mehr Geld geht“.
Zwar kann Glinski darauf verweisen, dass zwei der Studios aktuell tatsächlich rote Zahlen schreiben. Und auch, dass manche Produktion noch größere internationale Resonanz verdient hätte, ist richtig. Doch zu den wahren Intentionen des Ministers sind Zweifel angebracht. Sein Ziel sei eine Art „polnisches nationales Volks-Hollywood“, in dem Produktionen nach dem Geschmack der Regierung produziert würden, warnt etwa der Journalist Jan Osiecki.
Tatsächlich gehört Kulturminister Glinski zu den Hardlinern in der PiS-Partei. Weil Polens National-Konservative ihren Führungsanspruch auch geistig-ideologisch untermauern wollen, ist der Kulturminister zugleich der Vizeregierungschef.
Eine seine ersten Maßnahmen war bereits auf internationale Kritik gestoßen. 2017 betrieb Glinski die Ablösung des Direktors des Danziger Museums für den Zweiten Weltkriegs, Paweł Machcewicz. Das Konzept der erst kurz zuvor gegründeten Einrichtung beruhte darauf, nicht nur an die polnische Leidensgeschichte zu erinnern, sondern auch den polnisch-ukrainischen Konflikt, die Vertreibung der Deutschen und andere heikle Kapitel zu beleuchten. Schon damals griff Glinski zu einer Art Zentralisierung, indem er das Weltkriegsmuseum mit einem weiteren Museum fusionierte und so den Direktorenwechsel ermöglichte.
Wie zu sozialistischen Zeiten greifen polnische Regisseure auch heute in ihren Filmen Probleme der Gesellschaft auf. Deutlichstes Beispiel ist der Film „Der Klerus“ (polnisch: Kler), in den seit Oktober mehr als fünf Millionen Zuschauer strömten. Der Streifen von Wojciech Smarzowski zeigt, wie katholische Priester ihre Machtstellung ausnutzen und nach Bereicherung streben. Und er widmet sich einem Thema, das bis dahin als Tabu galt: dem sexuellen Missbrauch von Minderjährigen durch Kirchenvertreter.
In den Augen der National-Konservativen ist der Film pures Teufelswerk. „Ich habe keinen Groschen dafür gegeben. Er wurde von den früheren Direktoren des Filminstituts finanziert. Wir hatten rechtlich keinen Einfluss mehr darauf“, rechtfertigte sich Glinski, als ihn PiS-Wähler bedrängten, warum der Film nicht verhindert wurde.
Ein Werk, das dem Weltbild der heute Regierenden entspricht, war dagegen der vor zwei Jahren vollendete Streifen „Smolensk“. Er folgt der Theorie, dass der Flugzeugabsturz von 2010, bei dem der damalige Staatspräsident Lech Kaczynski und 94 weitere Polen ums Leben kamen, ein russischer Anschlag war. Sein Drehbuch war vom staatlichen Filminstitut vor dem Regierungswechsel noch als zu schwach für eine Förderung eingeschätzt worden. Die Fertigstellung gelang erst zu PiS-Zeiten mithilfe privater Mittel. Im künftigen „Volks-Hollywood“ könnten weitere solche Filme entstehen, mutmaßt Journalist Osiecki.