Herr Wiestler, die Helmholtz Gemeinschaft, der Sie vorstehen, hat in ihrer Stellungnahme drei konkrete Ausstiegsszenarien aus den Kontaktbeschränkungen aufgezeigt, die zur Bekämpfung der COVID-19 Pandemie angeordnet wurden. Solche Szenarien gibt es in der Leopoldina-Stellungnahme nicht. Das, was die Bundesregierung am Mittwochabend entschieden hat, entspricht nun in etwa den von Ihnen favorisierten Szenarien. Fühlen Sie sich in Ihrer Einschätzung bestätigt?
Zunächst einmal muss man sagen: Wir in der Helmholtz-Gemeinschaft unterstützen die sehr umfassende Stellungnahme der Leopoldina nachdrücklich. Einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von uns sind ja auch Mitglieder der Leopoldina. Ich selbst wurde 2001 in die Akademie berufen. Uns war es wichtig, die Leopoldina-Stellungnahme in zwei Punkten zu vertiefen.
In welchen konkret? Die Leopoldina Stellungnahme spricht doch weniger von einzelnen Maßnahmen als von größeren gesellschaftlichen Szenarien.
Eben. Wir wollten noch einmal deutlich machen, dass wir im Infektionsverlauf noch nicht so weit sind, um breit zu öffnen. Dazu haben wir zwei Parameter genannt: Das eine ist der sogenannte Rt-Wert (Verdoppelungsrate der Ansteckungen), den Bundeskanzlerin Merkel am Mittwoch auch mehrfach angesprochen hat. Wenn wir ihn deutlich unter 1 drücken, macht das die Situation sehr viel besser handhabbar. Das zweite ist: Wir müssen alle Instrumente nutzen, um den Infektionsverlauf wirklich engmaschig zu begleiten, auch mit mathematischen Modellen. Im Gegensatz zu dem, was man in den letzten Tagen in den Medien lesen konnte, geht es aber überhaupt nicht um eine Kontroverse zwischen der Leopoldina und uns. Es ist einfach eine Vertiefung zu einem relevanten Aspekt.
Wie sollte die Politik denn jetzt in den nächsten Wochen weiter vorgehen?
Wir haben einfach noch nicht genug Daten, um gesicherte Erkenntnisse daraus ableiten zu können. Deswegen finde ich es richtig, dass man jetzt auf Sicht fährt und sich alle 14 Tage neu berät, um zu evaluieren, welche Lockerungen gewagt werden können. Für eine vollständige Aufhebung ist es aber auf jeden Fall zu früh. Stattdessen müssen wir diese Zeit der Beschränkungen effektiv nutzen, um einerseits so viele Menschen wie möglich auf Antikörper zu testen. Und andererseits brauchen wir eine repräsentative Bevölkerungsstichprobe, um nachzuvollziehen, wie und wie schnell sich Menschen anstecken.
Im Moment sind es ja hauptsächlich Naturwissenschaftler, die die Debatten bestimmen – zu denen Sie auch zählen. Inwieweit müssen Sie bei Ihrer Argumentation auch andere Schutzgüter berücksichtigen, andere Werte als Gesundheit? Oder sagen Sie: Dafür sind wir nicht zuständig bei Helmholtz, das überlassen wir… nun, zum Beispiel Philosophen?
Persönlich beschäftigt uns die Frage natürlich, welche Auswirkungen die Pandemie auf unser Leben hat. Professionell aber sind wir eine Organisation, die sich auf den naturwissenschaftlichen Aspekt konzentriert. Große Expertise haben wir unter anderem in der Gesundheitsforschung und darin, komplexe Zusammenhänge im (mathematischen) Modell zu erfassen. Darum ging es auch in unserer Stellungnahme. Mit anderen Einschätzungen halte ich mich zurück. Dafür ist die Leopoldina-Stellungnahme viel besser geeignet. Bei ihr waren Experten aus ganz unterschiedlichen Bereichen beteiligt, auch aus den Geisteswissenschaften, die versuchen, ein umfassendes Bild der Situation zu zeichnen.
Aber ist so ein breiter, interdisziplinärer Blick nicht positiv? Warum wurde die Leopoldina dann dafür so kritisiert?
Mich hat diese Diskussion nicht so überrascht. In dieser extremen Situation ziehen sich viele aus einer solchen Stellungnahme das heraus, was ihre eigene Position unterstützt oder was sie besonders kritisch sehen. Für mich war entscheidend, dass Bundeskanzlerin Merkel von Anfang an deutlich gemacht hat, dass die Stellungnahmen der Leopoldina ein sehr wichtiger Faktor für ihre Entscheidung sind. Von daher lag natürlich auch ein gewisser Druck auf den Kollegen der Leopoldina. Nach außen ist so wohl der Eindruck eines Konflikts zwischen zwei großen Organisationen entstanden – das ist aber völlig abwegig! Das kann man auch daraus ablesen, dass unser Vizepräsident Wolfgang Marquardt an beiden Papieren mitgearbeitet hat.
Gibt es diese unterschiedlichen Schwerpunkte auch in der Politikberatung?
Die Helmholtz Gemeinschaft ist dafür da, Spitzenforschung für große Herausforderungen zu leisten, in Zusammenhang mit wichtigen Zukunftsthemen wie Energie, Klima, Verkehr, Materie, Informationstechnologien und Gesundheit. Deswegen beschäftigt uns zum Beispiel die Frage, wie wir jetzt am schnellsten einen Antikörpertest entwickeln können, mit dem man den Anteil in der Bevölkerung ermitteln könnte, der immun ist, weil er eine COVID-19 Erkrankung bereits überstanden hat. Ja, wir stehen im engen Kontakt zur Bundesregierung. Aber dabei geht es um die Frage, wie wir mit unserer Forschung zur schnelleren Lösung dieser Krise beitragen können. Eine Organisation für Politikberatung sind wir nicht. Dafür ist die Leopoldina als die nationale Akademie bestens ausgewiesen und hier hat sie einen zentralen Auftrag: Sie verfasst regelmäßig Stellungnahmen zu relevanten Fragen. Und das tut sie über Fächergrenzen und Organisationen hinweg, denn alle Mitglieder sind gleichzeitig Mitglieder anderer wissenschaftlicher Institutionen in Deutschland – und mittlerweile hat sie auch eine größer werdende Zahl an ausländischen Experten in ihren Reihen.
Warum gibt es in Deutschland erst seit 2008 so eine nationale Akademie?
Die Forschungsministerin war damals auf der Suche nach einer wissenschaftlichen Institution, die zu einem regelmäßigen, kompetenten Ansprechpartner der Bundespolitik werden könnte. In Deutschland gibt es eine Reihe von Wissenschaftsakademien auf Landesebene wie die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Als renommierte und bundesweit agierende, unabhängige Organisation wurde die Leopoldina völlig zu Recht in den Rang einer Nationalen Akademie erhoben.
Wie und woran wird die Helmholtz Gemeinschaft in den nächsten Wochen arbeiten?
Zum einen werden wir unsere ganze Fachexpertise einbringen, um zur Bewältigung der Krise beizutragen. Zum Anderen befinden wir uns alle mitten in einem einzigartigen Experiment, das es so noch nie gegeben hat: Gesellschaften werden über einen längeren Zeitraum massiv zurückgefahren. Und am Ende dieser Episode werden wir viele grundlegende Fragen jenseits der Erforschung des SARS-CoV-2-Virus beantworten können: Was für Auswirkungen hat dieses Experiment  auf unser Leben? Welchen Einfluss hat es auf das Energiesystem, den Verkehr, das Gesundheitssystem oder den Klimawandel? Hier können wir jetzt völlig neue Erkenntnisse gewinnen, weit über das Corona-Virus hinaus. Das sind Fragestellungen, mit denen wir uns gezielt beschäftigen werden.
Also auch ein Glücksfall für die Wissenschaft?
Lassen Sie es mich so formulieren: Es könnte sein, dass wir aus dieser Episode auf vielen Gebieten höchst wertvolle Informationen gewinnen, die wir ohne sie nicht erhalten hätten.