Uwe Steimle in Neuenhagen
: Eine Hymne auf die DDR im Bürgerhaus

Mit grenzwertiger Satire zieht Uwe Steimle viel Kritik auf sich. Bei seinem Auftritt in Neuenhagen hört der Kabarettist jedoch anderes: viel Applaus.
Von
Michael Heider
Neuenhagen
Jetzt in der App anhören
Gastierte am 5. April 2024 im Bürgerhaus Neuenhagen: Uwe Steimle (hier 2023 auf einer Lesung in Dresden)

Gastierte am 5. April 2024 im Bürgerhaus Neuenhagen: Uwe Steimle (hier 2023 auf einer Lesung in Dresden)

Sebastian Kahnert/dpa

Es wird voll. Das ist leicht zu erkennen. Schon vor dem Bürgerhaus in Neuenhagen herrscht reges Treiben. Auch innen drängt es sich. Nur allmählich geht es Richtung Saal. Der bietet rund 500 Plätze. Und an diesem Freitagabend bleibt kein einziger davon leer. Grund ist „Einer, der sich den Mund noch nicht verbieten lässt.“ So sieht es jedenfalls ein begeisterungsfähiger Herr mittleren Alters im Foyer.

Gemeint ist Uwe Steimle. Kabarettist, einstiger Polizeiruf-Kommissar, stolzer Sachse – und „Friedenshetzer“. Letzteres steht auf seinem blauen T-Shirt geschrieben, mit dem er vor das frenetisch jubelnde Publikum in Neuenhagen tritt.

Mit „Steimle! Aktuell“ tourt der Kabarettist durch Ostdeutschlands

Der 60-Jährige tourt derzeit mit seinem Programm „Steimle! Aktuell“ durch die Veranstaltungszentren Ostdeutschlands. Nicht selten sind diese ausverkauft. Auch in Neuenhagen. Dort ist das Ambiente zurückhaltend: sparsam ausgeleuchteter Bühnenvorhang, ein Stuhl, ein Notenständer. Der Inhalt des Abends ist es nicht.

Vom Start weg macht Steimle die Stoßrichtung seiner – je nach Sichtweise – Witze bzw. Tiraden deutlich. Es geht gegen „die da oben“. „Wir werden ja von Wahnsinnigen regiert“, prustet er im sächsischen Singsang, das Markenzeichen des gebürtigen Dresdners. Oder: „Deutschland ist ein Stiefelknecht der USA!“ Der umstrittene Kabarettist fühlt bei seinem Publikum vor.

Die DDR-Hymne wird in Neuenhagen angestimmt

Dem gefällt es hörbar. Quittiert wird mit lautstarkem Applaus. Immer wieder. Auch auf den von Steimle angestimmten Pioniergruß „Für Frieden und Sozialismus…“ schallt es dröhnend „Seid bereit!“ durch den Saal. Dem Altersdurchschnitt nach zu urteilen, dürften viele Anwesende selbst noch die Halstücher der Pionierorganisation „Ernst Thälmann“ getragen haben. Die DDR-Hymne wird später ebenfalls gemeinsam gesungen.

Rund zwei Stunden arbeitet sich Steimle an Themen wie Krieg, Klimawandel, Corona-Pandemie, Gendern und – ein ums andere Mal – der Ampelregierung ab. Kein ungewöhnliches Tableau für einen Kabarettisten, mag man meinen. Seine Sichtweisen machen jedoch verständlich, weshalb der einstige MDR-Moderator, von vielen scharf kritisiert wird.

Satire, die verschwörungsideologischen Zerrbildern ähnelt

„Kriege werden provoziert, um Waffen verkaufen zu können“, sagt Steimle. Gemeint ist allerdings nicht Russland, das seit zwei Jahren einen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt, sondern das „kriegssüchtige“ Deutschland. Corona wiederum war nur ein Test der Regierung dafür, „was man noch so alles mit Volk machen darf.“ Düstere Weltbilder, die stark verschwörungsideologischen Zerrbildern ähneln.

Unterstützung erhält Steimle in Neuenhagen von Lothar Bölck. Der Frankfurter Kabarettist gibt zunächst den „Mir reicht’s“-Bürger aus dem Publikum, avanciert dann aber zum Sidekick und unterhält das Publikum stellenweise sogar allein, während Steimle hinter der Bühne verschwindet. Inhaltlich macht es keinen Unterschied. Bölck lässt sich genüsslich – ohne Redundanz zu scheuen – über die Grünen aus, wobei ihm besonders das Aussehen von deren Co-Vorsitzenden zu beschäftigen scheint.

Viele Wortspiele, wenig Lehren aus der Geschichte

Mit vielen Wortspielereien zeichnen Steimle und Bölck das Bild einer Gegenwart, in der zu veganer Ernährung, gendergerechter Sprache und Elektromobilität gezwungen wird. Kurz: eine grüne Diktatur. Und mit der würden sie sich ja auskennen, scherzen die beiden Ostdeutschen: „Wir haben dasselbe schon einmal erlebt.“ Wie es sein dann kann, dass trotzdem die DDR-Diktatur in Steimles Programm zum Eldorado eines Staates glorifiziert wird? Eine eigenwillige Dialektik.

Überhaupt beweist Uwe Steimle in Neuenhagen mehr Talent für freche Wortspiele, als kluge Lehren aus der Geschichte. Anders ist auch die antidemokratische Parole aus dem Ersten Weltkrieg „Wer hat euch verraten? Sozialdemokraten!“ nur schwer zu verstehen. Sie dient Steimle als Spitze gegen die heutige SPD: „Daran hat sich nichts geändert.“

Im Bürgerhaus Neuenhagen erntet er auch dafür viel Applaus. Vermutlich wird es im Gemeindesaal in Ahrensfelde, wo Steimle tags darauf auftritt, wenig anders. Auch dort sind die Karten ausverkauft. Und so stellt sich die Frage, warum dieser Mann, der sein Weltbild fast jeden Abend von einer anderen Bühne posaunt, mangelnde Meinungsfreiheit so bitterlich beklagen muss?