Die Toten Hosen: Der Schmerz des letzten Albums, neue WDR-Doku

Haben sich bei der Arbeit an ihrem letzten Album von einem Kamerateam begleiten lassen: Die Toten Hosen.
SWR/Donata Wenders- Die Toten Hosen veröffentlichen ihr letztes Album „Trink aus! Wir müssen gehen“ am 29. Mai.
- Eine WDR-Doku zeigt die schwierige Entstehung – gedreht wurde mitten im Studio.
- Campino ringt mit Texten und Entscheidungen, was Spannungen in der Band auslöst.
- Die Band reflektiert Rückschläge und Zäsuren, entscheidet sich aber fürs Weitermachen.
- Das Cover zeigt erneut den Opel Rekord, nun liegengeblieben, als Bild für das Finale.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Am Ende ist es ein Kampf mit den Tränen. Campino verliert ihn. Mehr kauernd als sitzend, drückt er sich in den Bürostuhl. Immer tiefer verschwindet sein Kopf im Hemdkragen, wie bei einer Schildkröte, die Schutz in ihrem Panzer sucht. „Ich komme mir vor wie verprügelt“, stößt er aus und schüttelt den Kopf. Der 63-jährige Frontmann der Toten Hosen, bekannt für schwindelige Klettertouren auf Bühnengerüsten, er ist ins Loch gefallen.
Es ist März 2026, und die Hosen sitzen in ihrem provisorischem Tonstudio in Düsseldorf. Eben hat die Band die Arbeit an ihrem jüngsten Album beendet. „Trink aus! Wir müssen gehen“, so der Titel der Platte. Erscheinen wird sie am 29. Mai. Oberflächlich betrachtet, ein Grund zu feiern. Und es haben ja auch die Korken geknallt.
Trotzdem. Dieses jüngste, mittlerweile 16. Studioalbum der Punk-Veteranen ist eben nicht irgendeine Platte. Es ist ihre letzte. Und eine letzte Platte kann verdammt schmerzen. Schlimmer noch: Sie kann quälen. Diese tut es. Ein wenig dieser Qual hallt im Toast auf die fertigen Aufnahmen nach. Er freue sich, sagt Campino mehr erschöpft als euphorisch, „dass wir uns hier am Champagner erquicken können und jetzt Frieden mit der Angelegenheit machen.“
„Das Intimste, was wir als Band zusammen tun“
Mehr als zwei Jahre nahm diese „Angelegenheit“ in Anspruch. Dokumentiert wurden sie von einem Kamerateam um Eric Friedler. Der Regisseur ist kein Unbekannter. Bereits zum 30. Jubiläum bannte er Innenansichten der Gruppe auf Film. Für „Die Toten Hosen – Das letzte Album“ drang er nun noch weiter vor. Ins Innerste. „Was wir da im Studio machen, ist sicher das Intimste, was wir als Band zusammen tun“, bringt es Gitarrist Michael „Breiti“ Breitkopf auf den Kopf.
Gedreht wurde mitten im Studio, nah am kreativen Prozess, der in Wasserstands-Interviews stetig reflektiert wird. Was das für die Band bedeutet, fasst Bassist Andi Meurer zusammen: „Das ist natürlich erstmal störend.“ Für die Zuschauer allerdings ist diese Nähe ziemlich spektakulär. Das wäre sie vermutlich schon bei einem gewöhnlichen Album. Nun ist dies aber ja das letzte. Über allem liegt also diese eschatologische Schwere. Gewichtige Wörter wie „Damoklesschwert des Scheiterns“, „Fallhöhe“, „Statement“ oder „Vermächtnis“ schwirren umher.
„Welche Lieder fehlen uns noch? Welche hätten wir gerne noch einmal im Leben aufgenommen?“ Es sind Gedanken wie diese, mit denen Campino ins kleine Zimmer des angemieteten Bauernhofs im Münsterland zieht, wo das Album aufgenommen wird. Idyllische Abschottung, die bei der Beantwortung helfen soll. Immerhin, die Stoßrichtung der Platte scheint klar: „Ich erwarte, dass sie ballert“, gibt der Sänger als Losung im Beisein von Vincent Sorg aus, der seit „In aller Stille“ (2008) als Hosen-Produzent verantwortlich zeichnet.
„Da geht es nicht darum, nett zueinander zu sein“, findet Campino
Der Weg dorthin ist, gelinde gesagt, steinig; gepflastert mit Befindlichkeiten, Frustrationen, Spannungen. Ideen werden ausgetauscht, Arrangements diskutiert. Doch wie sagen, wenn man etwas nicht gut findet? „Da geht es nicht darum, nett zueinander zu sein“, findet ein nach dem Optimum Ausschau haltender Campino. Diese Deutlichkeit im Meinungsaustausch hat der Sänger bandintern exklusiv. Oft ist er die letzte Instanz. Was ihm nicht gefällt, muss „vom Platz“. Mitunter ist das zu bedauern, findet Drummer Vom Ritchie. Eine Menge guter Musik würde so auf der Strecke bleiben.

Dass wertvolle Studiozeit auch mal flöten geht, müsse man eben wegstecken, sagt Gitarrist Andreas von Holst, genannt Kuddel, in der WDR-Doku „Die Toten Hosen – Das letzte Album“.
SWR/Donata WendersLeicht macht es sich der Hosen-CEO aber nicht. Immer wieder hört er sich durch Demos, brütet darüber beim Waldspaziergang. Er feilt an Texten, quält sich mit ihnen. Frühe gesangliche Erkundungen nimmt er der Konzentration wegen allein mit Produzent Vincent Sorg vor. „Wie sehr Campino gerade mit dem Kopf bei uns ist, entscheidet maßgeblich darüber, wie produktiv wir an einem Tag sind“, sagt der. Weg ist der Kopf, wenn Liverpool spielt, der Herzensverein des Sängers. Dass dann wertvolle Studiozeit flöten geht, müsse man eben wegstecken, so Gitarrist Kuddel.
Selbstverständlich ist es nicht, dass es die Toten Hosen noch gibt
Seit Jahrzehnten pflegen die Toten Hosen diese kreative Marter, mit wechselnder Intensität. Und auch diesmal sind sie auf der anderen Seite rausgekommen. Das ist mindestens bemerkenswert. Schließlich ist es keine Selbstverständlichkeit, dass es die Hosen überhaupt noch gibt.
Rückblicke erinnern an die Exzesse vergangener Tage, die durchaus existenzgefährdende Ausmaße annahmen – performative wie leibliche. Auch Zäsuren wie der tragische Tod eines weiblichen Fans im Gedränge eines Konzertes 1997 finden in der Doku Erwähnung. Ein „sehr einschneidender Moment“, erinnert sich Breiti. „Wo wir uns auch gefragt haben, ob wir überhaupt weitermachen wollen.“

Cover (Ausschnitt) von „Trink aus! Wir müssen gehen“. Das letzte Album der Toten Hosen erscheint am 29. Mai 2026.
Die Toten HosenDie Toten Hosen haben weitergemacht. Und sie haben sich, das darf man am Ende der 93 Minuten wohl sagen, ein letztes Album abgerungen. Wie es klingt, lässt der Film bestenfalls erahnen. Doch immerhin die Covergestaltung ist klar. Erneut ist darauf der legendäre Opel Rekord zu sehen, der schon das 1983 erschienene Debütalbum „Opel-Gang“ zierte. Damals wurde noch in einer Garage an ihm herumgebastelt, diesmal ist er in malerischer Kulisse liegengeblieben.
Herzzerreißende Metaphorik ist das. Über 40 Jahre hat die notdürftig zusammengeflickte Kiste diese schrammelige Band nun transportiert. Hat sie an Orte gebracht, die sie selbst nicht auf der Karte hatten. Doch irgendwann endet selbst für die zäheste Karre der Weg. Und das treibt nicht nur Punklegenden Tränen in die Augen.
„Die Toten Hosen – Das letzte Album“ ist in der ARD Mediathek abrufbar und am 23. Mai 2026 um 23:25 Uhr im Ersten zu sehen.

