Dieter Bohlen wird 70
: Mehr als Modern Talking – so war das Konzert in Berlin

Mehr als Modern Talking („You’re My Heart, You’re My Soul“) mit Thomas Anders und DSDS mit Alexander Klaws: Dieter Bohlen gibt am Potsdamer Platz in Berlin seinen Fans alles, was sie wünschen.
Von
Gunnar Leue
Berlin
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Happy Birthday: Der Musiker und Musikproduzent Dieter Bohlen gibt ein Konzert zu seinem 70. Geburtstag im Theater am Potsdamer Platz.

Joerg Carstensen/dpa

Der Potsdamer Platz abends in der Woche, das ist eine pseudo-schicki-micki Gegend, in der nichts passiert, was den Begriff Trubel verdient. Hier muss niemand hin, wenn man was erleben will. Es sei denn, man will zum Dieter Bohlen-Konzert, das am Mittwochabend im Theater am Potsdamer Platz anstand.

Es war kein gewöhnliches Konzert, sondern das öffentliche Geburtstagskonzert von Dieter Bohlen, der an diesem Tag seinen 70. beging. Den wollte er, ein sympathischer Zug, nicht in einem Edelrestaurant verbringen, sondern er hatte sich Gäste sozusagen von der Straße geholt. Seine Fans. Die waren tatsächlich von teils weither gekommen. Jedenfalls erzählte mir ein Mann aus der Nachbarreihe, dass er eigens aus Frankreich angereist sei, weil er seit 40 Jahren Fan und Dieter Bohlen sein Idol sei.

Vor 40 Jahren, das muss man sagen, war die Welt noch eine ganz schön, oder auch nicht schön andere. Der Potsdamer Platz war zum Beispiel Niemandsland in der geteilten Stadt Berlin, mit einer nicht so schicken Tristesse wie heute. Was es schon gab, war Modern Talking, die Band von Dieter Bohlen. Sie galt bereits damals als spalterisch. Entweder man mochte sie wegen ihrer ins Ohr gehenden Eindringlichkeit oder man hasste sie wegen ihrer ins Ohr gehenden Aufdringlichkeit. Auf jeden Fall waren Disco-Hits wie „You’re My Heart, You’re My Soul“ international sehr beliebt, auch in der DDR, wo von Modern Talking eine Quartett-Single erschien. Das lag vermutlich nicht daran, dass der studierte Betriebswirtschaftler Bohlen auch kurzzeitig der Deutschen Kommunistischen Partei angehört hatte. Ja, die Wege des blonden Herrn waren verschlungen, bis er da ankam, wo er heute ist.

Glückspilz oder Sprücheklopfer?

Aber wo und was ist er eigentlich genau? „Pop-Titan“ (Bild-Zeitung), „Pop-Hochstapler“ (Musikproduzent Frank Farian), „Aushängeschild für Deutschland“ (so einst die SPD-Kulturpolitikerin Monika Griefahn anlässlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Bohlen) oder einfach nur Glückspilz, der alles zu Platten-Gold werden lässt, was er im Studio produziert? Der Jubilar selbst sagte vor Jahren über sich: „Ich bin ein ziemlich erfolgreiches Kerlchen, und nichts ist erfolgreicher als der Erfolg. Das Leben ist kein Ponyhof. Es geht um Leistung. Du musst von morgens bis abends schuften wie ein Galeerensträfling.“ Casting-Sendungen wie „DSDS“ oder „Das Supertalent“ sind untrennbar mit seinem Namen verbunden, weil er sich in ihnen als schonungsloser Sprücheklopfer weiteren Ruhm erwarb.

Fit wie eh und je: Der Musiker und Musikproduzent Dieter Bohlen. Er wurde in den 1980er-Jahren als Mitglied des Pop-Duos Modern Talking bekannt.

Jörg Carstensen/dpa

Sprüche machen, dazu war er auch am Mittwoch auf der Bühne aufgelegt. Und ein paar Promi-Kollegen von seinem Haussender RTL hatte er sich auch eingeladen für eine Art Musik-und-Laber-Show. Auf einem Sofa („57 Euro Miete pro Tag, ernsthaft“) saßen unter anderem Promi-TV-Ikonen wie Frauke Ludowig, Bruce Darnell, Sylvie Meis, Pietro Lombardi, der einstige DSDS-Premierensieger Alexander Klaws sowie Bohlens Ehefrau in spe Carina. Allzu viel zu sagen hatten sie nicht, weil das hauptsächlich der Dieter besorgte. Wenn er nicht gerade seine Hits mit Begleitband zum Besten gab.

Das hörte sich erstaunlich unsiebzigjährig an. Der in schwarzem Showanzug und Sneakers gewandete Dieter Bohlen sang seine Megahits „Atlantic is Calling“ oder „Geronimo’s Cadillac“ in derart höchsten Tönen, dass man sich fragen konnte, wo holt er die denn her. Wo auch immer, die Songs kamen gut an bei den „Schnuckelhasen“, wie „The Sexiest Man alive“ (Zitat Off-Stimme zu Beginn) das Publikum nannte. Dass sie nicht so überzuckert Achtziger klangen, sondern bassig überdrönt 2020er tat der Begeisterung im polstersesselvollen Saal keinen Abbruch.

Publikum und Jubilar waren sich einig, dass hier ein Großer des Popfachs abzufeiern war. Wobei Pop auch meint, was früher nie als Pop galt. Dieter Bohlen hat ja eine bemerkenswerte Wandlungsfähigkeit in seiner Musikerkarriere bewiesen. Nicht nur, dass er als junger Auftragskomponist auch eine Fußballhymne auf den Hamburger SV schrieb (die er Mittwoch nicht sang), er sprang auch erfolgreich auf den deutschen Schlager-Zug. Zwei seiner Hits aus der Sparte trug er vor (darunter „Mein Herz brennt“), was genauso gut ankam wie „Cheri Cheri Lady“ und „Brother Louie“.

Alle Eure Jahre – New Song live in Berlin:

Der übertrieben starke Stampfrhythmus sollte wohl zeitloses Partyfeeling vermitteln. Selbstverständlich klappte das auch. Allerdings hat es nichts von der Wucht, die der Verfasser einmal bei einer Mega-Freiluftsause in einem finnischen Wald erlebte, wo ein sächsisches Modern Talking-Double vor enthemmten, in der Regel völlig betrunkenen Einheimischen auftrat. Dort merkte man, dass man sich über Dieter-Bohlen-Musik zwar lustig machen kann, sie aber tatsächlich etlichen Menschen als große Partykunst gilt.