Fashion Week
: Schick mit gutem Gewissen

Wie wichtig ökologische Themen auch für die Textilbranche geworden sind, zeigt die Messe Neonyt auf der Fashion Week Berlin.
Von
Inga Dreyer
Berlin
Jetzt in der App anhören

Sind erstmals auf der Neonyt vertreten: Sara Lemmens (l.) und Judith Forschner vom Berliner Label Blutsgeschwister, das auf farbenfrohe Mode setzt.

Inga Dreyer/MOZ

Wie wichtig ökologische Themen geworden sind, zeigt bereits die Größe der Messe: Weil der Hangar 4 des ehemaligen Flughafens Tempelhof nicht ausreichte, steht nun eine zusätzliche Leichtbauhalle am Flugfeld. Vergangenes Jahr waren es 170 Aussteller, in diesem Jahr sind es bereits 210.

Während auf der Nachbarmesse Panorama laute Musik dröhnt und Strasssteinchen glitzern, geht es auf der Neonyt zurückhaltender zu. Die Farben wirken gedeckter, die Materialien natürlicher. Viele Marken sind zum ersten Mal dabei — wie das Berliner Label Blutsgeschwister, an dessen Stand sich Fachpublikum und Presse um bunt bedruckte Kleidungsstücke mit folkloristisch anmutenden Mustern drängen. Die aktuelle Kollektion sei zu 80 Prozent nachhaltig produziert, in der vorangegangenen Kollektion waren es noch 60 Prozent, berichtet Judith Forschner, Sales Manager bei Blutsgeschwister. Was den sozialen Bereich angeht, ist das Unternehmen schon weiter: Hundert Prozent der Kleidung werde fair produziert, erzählt Judith Forschner. Seit 2013 ist das Label Mitglied der Fair Wear Foundation (Organisation für faire Kleidung).

Auch etablierte Labels dabei

Nun gehe es darum, Stammkunden auch auf dem Weg in Richtung Nachhaltigkeit mitzunehmen, sagt Sara Lemmens, die für Marketing und E–Commerce zuständig ist. Für Händler sei das ein wichtiges Kriterium. „Für die Kunden ist es nicht das wichtigste, aber relevant“, lautet ihre Einschätzung. Nur weil ein T–Shirt nachhaltig produziert ist, wird es also noch nicht gekauft. So geht es bei der Neonyt zwar um Nachhaltigkeit, aber vor allem um Mode. Statt traditioneller, zeltartiger Ökoklamotten werden businesstaugliche Outfits, bunt bedruckte Socken und mit Spitze besetzte Unterwäsche gezeigt.

Die Frage, mit welchen sozialen und ökologischen Auswirkungen Kleidung produziert wird, spielt eine immer größere Rolle. So präsentieren sich auf der Neonyt auch etablierte Labels wie Jack Wolfskin. Nachhaltige Produktion sei für das Unternehmen lange selbstverständlich gewesen, sagt die PR–Verantwortliche Kerstin Pooth. „Wir reden da nur nicht so viel drüber.“

Jetzt, da das Thema überall diskutiert wird, nutzen auch die stillen Vorreiter die Chance, mit ihren Kompetenzen zu werben. Auch Unternehmen, die in dieser Hinsicht bisher nicht auffällig wurden, führen nachhaltige Linien. Es gebe in dieser Hinsicht viel „Greenwashing“, um sich ein umweltfreundliches Image zu verpassen, sagt Martin Hagemann vom Label Hafendieb. Er habe den Eindruck, dass Kunden tatsächlich immer stärker darauf achten, wie Kleidung produziert werde. „Trotzdem ist der Markt klein“, sagt er.

Während sich einerseits einige Menschen mehr Gedanken machen, wo Kleidung herkommt, werfen die Produzenten der „Fast Fashion“ ständig neue Kollektionen zu Spottpreisen auf den Markt. 27 Kilogramm Textilien kaufen Deutsche pro Jahr im Schnitt. 40 Prozent davon werden niemals getragen, betonte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) bei der Auftaktveranstaltung zur Fashion Week.

Das Interesse der Politik zeigt auch, dass Mode keine für sich existierende Blase ist. Svenja Schulze erinnerte daran, dass Mode auch gesellschaftlichen Wandel vorantreiben könne, wie sich das am Beispiel von Frauen in Hosen zeige: „Das hatte mal gesellschaftliche Sprengkraft.“

Aktuell steht vor allem der negative Einfluss der Modeindustrie im Fokus — etwa der hohe Wasserverbrauch und der Einsatz von Chemikalien bei der Baumwollproduktion. „Die Kosten der globalen Umweltzerstörung fließen nicht in den Verkaufspreis“, bedauerte die Umweltministerin.

Die Politik mischt sich ein, indem sie vorbildliche Unternehmen und Ideen beispielsweise durch den Bundespreis Ecodesign unterstützt. „Wenn alles nicht hilft, müssen wir über Verordnungen und Gesetze vorgehen“, sagte Svenja Schulze. So plane das Umweltministerium, im Kreislaufwirtschaftsgesetz eine sogenannte Obhutspflicht für Waren einzuführen. Das bedeutet, dass Unternehmen unter anderem Retouren nicht mehr einfach vernichten dürfen.

Suche nach Lösungen

Unternehmen, die in diesem auf Schnelligkeit und billige Produkte ausgerichtetem System nicht mitmachen wollen, stecken in einem Dilemma: Einerseits wollen sie verkaufen. Andererseits wäre es für die Umwelt am besten, gar nichts zu produzieren. Angesichts der globalen ökologischen Entwicklung sei es unabdingbar, sich diesen Problemen zu stellen, sagt Antje von Dewitz, Geschäftsführerin des Bergsportausstatters Vaude, der sich nachhaltiger Produktion verschrieben hat. Am Anfang stand die Erkenntnis: „Wir sind Teil des Problems, aber wir wollen Teil der Lösung sein“, betont Antje von Dewitz.