Festival in Frankfurt (Oder): Der Klang der Ukraine – Ganna Gryniva bei der Transvocale 2023

„Folklore ist nicht nur Unterhaltungsmusik, nicht nur Melodie. Sie enthält Identität, also eine Art zu leben, die Welt zu betrachten und zu beschreiben, Dinge wahrzunehmen“, sagt Ganna Gryniva, die am Freitag (17.11.) in der Konzerthalle in Frankfurt (Oder) auftritt.
Dovile SermokasDie ukrainische Sängerin und Komponistin Ganna Gryniva emigrierte bereits 2002 mit ihren Eltern nach Deutschland. In ihrer musikalischen Karriere ist sie unter anderem auf den Bühnen der Volksbühne Berlin, des Schauspiel Hannover, der Deutschen Oper Berlin und des Konzerthauses Berlin aufgetreten. Bei ihrer Arbeit spielt die ukrainische Folklore eine wichtige Rolle, was für die Zuhörer eine musikalische Reise durch Geschichte, Kultur und Mentalität des Landes ihrer Vorfahren bedeutet. „Während der Konzerte erzähle ich viel über die Stücke, wie ich sie gefunden habe, was ihre Geschichte ist, wie meine Begegnungen mit den Folkloresängerinnen in der Ukraine waren“, sagt die Künstlerin, die am Freitag (17.11.) um 21.30 Uhr in der Konzerthalle Frankfurt (Oder) im Rahmen der Transvocale auftritt.
Dies ist Dein erster Auftritt beim Transvocale Festival. Was erwartet das Publikum?
Meine Arbeit passt sehr gut zum Charakter des Festivals. Folklore ist der Mittelpunkt meiner Musik sowohl in dem Quintett, mit dem ich spiele, als auch in meinem Solo. Es sind auch andere Sängerinnen und Sänger eingeladen, die Folklore aus anderen Regionen vorstellen werden. Ich werde das Programm aus dem letzten Album HOME präsentieren, plus einige Favoriten aus dem ersten Album „Dykyi Lys“ (deutsch: Wilder Fuchs).
Wie sieht Dein kreativer Prozess aus?
Es nimmt viel Zeit in Anspruch, weil ich nie mit der ersten Idee zufrieden bin. Ich trage Ideen und Konzepte in mir, diese reifen und es dauert relativ lange, bis ich mich für eine Version entscheide. Ich probiere aus, nehme auf, höre zu, bis ich denke, dass es das ist, wonach ich suche. Zuerst suche und sammle ich auf verschiedene Weisen folkloristische Stücke. Teilweise reise ich zu den Orten, aus denen sie stammen, und unterhalte mich mit den Folkloresängerinnen. Später verinnerliche ich die Originalversionen der Stücke so gut wie möglich, um jedes kleinste Element, seine Bedeutung und Botschaft, zu verstehen. Oft sind es Lieder, die nur einen Teil haben (das heißt, es gibt eine Melodie, die sich mehrmals wiederholt) und so frage ich mich, ob ein neuer Teil oder Refrain benötigt wird. Das ist ein Prozess, der sich zwischen Arrangieren und Komponieren abspielt. Ich setze mich ans Klavier und versuche, Harmonien und Rhythmen zu finden, zusätzliche Teile zu komponieren.

Die ukrainische Sängerin Ganna Gryniva bei einem Auftritt mit weiteren Musikern.
Dovile SermokasDu lebst seit über zwanzig Jahren in Deutschland, in diesem Land bist Du aufgewachsen. Wie siehst Du Deine Identität?
In der Musik balanciere ich zwischen der ukrainischen Folklore und dem Jazz. Ich verbinde meine kulturellen Wurzeln mit Improvisation und anderen wichtigen Elementen der Jazzmusik. Im Leben balanciere ich zwischen der ukrainischen und der deutschen Kultur. Spiegelt sich das in meiner Kunst wieder? Ich weiß es nicht. Ich muss damit umgehen können, dass es bestimmte Dinge in der deutschen Gesellschaft gibt, mit denen ich nichts anfangen kann, wie bestimmte Arten der deutschen Sozialisation, die mir fremd sind. Andererseits gibt es auch in der ukrainischen Kultur Dinge, die ich nicht mitbekomme, weil ich seit 2002 in Deutschland lebe… Als ich mit 22 Jahren in Kyjiw im Studienaustausch lebte, habe ich eine gewisse Verbundenheit mit meinen Altersgenossen gefühlt, die mit den Dingen zu tun hatte, die ich in meiner Kindheit erlebt habe. Es gab aber auch Momente, in denen ich große Unterschiede zwischen uns sah, weil ich meine Teenagerjahre und den Eintritt ins Erwachsenenalter in Deutschland verbracht hatte.
Wie bewertest Du das? Ist es ein Nachteil oder ein Vorteil, zwischen den Kulturen aufzuwachsen?
Folklore ist nicht nur Unterhaltungsmusik, nicht nur Melodie. Sie enthält Identität, also eine Art zu leben, die Welt zu betrachten und zu beschreiben, Dinge wahrzunehmen. Durch die ukrainische Folklore nähere ich mich mehr meiner ukrainischen Identität. Aber es ist nicht so einfach und es gab eine Zeit, in der es mich störte, dass ich nicht eindeutig sagen konnte, ob ich Deutsche oder Ukrainerin bin. Aber jetzt sehe ich deutlich, dass es nicht ein Mangel ist, sondern ein Mehrwert, dass ich mich in beiden Gesellschaften „zu Hause fühle“. Für mich als Künstlerin sind echte Lebendigkeit und der echte Wunsch, sich auszudrücken, am wichtigsten. Die Möglichkeit zu sagen, was ich sagen möchte, ohne mich zu maskieren oder Stereotypen zu bedienen.
Was ist Dein Wunsch als Künstlerin?
Für mich ist es schön zu sehen, dass die Menschen an der ukrainischen Kultur interessiert sind! Und Folklore ist ein wichtiger Teil davon. Dazu kommt das interkulturelle Verständnis dafür, wie die ukrainische Gesellschaft funktioniert: Was sind unsere Werte und warum sind wir in den Krieg mit Russland verwickelt worden? Ich glaube, dass Kultur eine Brücke ist, die zum Verständnis einer anderen Nation führt. Die russische Propaganda, die die Ukraine als Schwester darstellt, hat lange Zeit sehr gut in der Welt funktioniert und deshalb hat die westliche Gesellschaft lange nicht auf den Beginn des Krieges reagiert, das war 2014, als die Krim besetzt wurde. Wenn es in der westlichen Welt früher mehr Wissen über die ukrainische Kultur gegeben hätte, die die ukrainische Eigenständigkeit und Unabhängigkeit darstellt und der russischen Propaganda widerspricht, dann wäre die Reaktion der westlichen Gesellschaften eine andere gewesen.
Transvocale 2023
Das Musikfestival Transvocale in Frankfurt (Oder) und Słubice beginnt am Donnerstag (16.11.), 18.30 Uhr, mit dem Auftritt der früheren Gundermann-Band „Die Seilschaft“ im Collegium Polonicum. Weitere Konzerte finden dann an den drei Tagen bis Sonnabend (18.11.) vor allem im Kleist Forum sowie im Słubicer Kulturhaus SMOK, aber auch an weiteren Orten der Doppelstadt statt – darunter das von Ganna Gryniva am Freitag, 21.30 Uhr, in der Konzerthalle. 19 Konzerte sind insgesamt geplant.
Die limitierten Festivalpässe, die zum Besuch aller drei Tage berechtigen, sind bereits ausverkauft. Tagestickets für 30 Euro bzw. 120 Zloty, ermäßigt 15 Euro gibt es noch an der Theaterkasse im Kleist Forum in der Deutsch-Polnischen Tourist-Information im Bolfrashaus, im SMOK sowie online unter www.transvocale.eu

