Pax Terra Festival in Friesack: Ein Wochenende unter Querdenkern und Putin-Fans

Auf dem Festival-Gelände in Friesack hängt zwischen den Bäumen ein großes Transparent. Doch was geschieht bei dieser selbsternannten „Friedensbewegung“ auf dem „Pax Terra Musica“ Festival?
Elias Rehberg- Friesack: „Pax Terra Musica“-Festival als Treffpunkt für Querdenker und Russlandfreunde.
- Vorträge verbreiten Verschwörungserzählungen, z. B. zur Corona-Pandemie und deutschen Impfpolitik.
- Teilnahme prorussischer Vereine, u. a. „Friedensbrücke“, die unter Generalbundesanwalts-Ermittlung steht.
- Programm umfasst alternative Medien, Esoterik und Angebote für Familien, inkl. Kinderaktivitäten.
- Verfassungsschutz sieht das Festival nicht als Beobachtungsgegenstand – Demokratie toleriert solche Events.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Natur, so weit das Auge reicht. Blühende Felder, eine Schafherde und umzingelt von Bäumen. Es hat den ganzen Tag geregnet, die Sonne bricht langsam durch die Wolkendecke und wirft ihre Strahlen auf die brandenburgische Idylle. Bunte Farben glitzern im Sonnenschein. Zelte stehen auf dem Feld. Menschen gehen über die Weide und Kinder laufen kreuz und quer. Ganze Familien tummeln sich auf der Wiese. Das Wetter klart auch langsam auf. Kurzum: perfekte Festivalstimmung.
„Auch wenn hier jemand sagt, wir seien Delegitimierer des Staates. Das ist Nonsens. Der Staat delegitimiert sich selbst“, erklärt der Mann auf der Festivalbühne. Es ist Markus Fiedler, Lehrer einer Schule im Landkreis Cuxhaven und Journalist beim Verschwörungsmedium „Apolut“. Er hält soeben einen Vortrag beim „Pax Terra Musica“ Festival. Das selbsternannte Friedensfestival findet jedes Jahr im kleinen Örtchen Friesack im Havelland statt.
Der Vortrag „Indoktrination in der Schule“ beim diesjährigen „Pax Terra Musica“ Festival ist gespickt von Fake-News und Verschwörungstheorien. Es wird behauptet, dass die Impfpolitik Deutschlands zur Corona-Zeit jener des „Dritten Reiches“ ähnele oder dass es keine Corona-Pandemie gegeben habe.
Anstatt Fiedler jedoch darauf hinzuweisen, dass er gerade Aussagen tätigt, die mit der Demokratie unvereinbar sind und jeglicher Faktenbasis entbehren, signalisiert das Publikum mit Kopfnicken seine Zustimmung. Und das wird nicht die letzte Verschwörungserzählung sein, die Fiedler in den folgenden zwei Stunden auf der Bühne ausführt.
Wie groß ist die Gruppe in Brandenburg und Deutschland?
Das Bundesinnenministerium schreibt im Verfassungsschutzbericht über solche Aussagen, die den Staat verächtlich machen, Folgendes: „Diese Form der Delegitimierung erfolgt oft nicht über eine offene Ablehnung der Demokratie als solche, sondern über eine ständige Verächtlichmachung von und Agitation gegen demokratisch legitimierte Repräsentantinnen und Repräsentanten sowie Institutionen des Staates. Dieses Vorgehen geht weit über die rechtlich zulässige Kritik an Politik und Staat hinaus.“
Der Verfassungsschutz schreibt, dass es in Deutschland im Jahr 2024 1500 Personen in Deutschland gibt, die diesem Spektrum zuzuordnen sind. Der Landesverfassungsschutz in Brandenburg führt in seinem Bericht seit diesem Jahr keine vergleichbare Kategorie mehr zu dieser Gruppe auf. Sie werden in der Gruppe der Reichsbürger und Selbstverwaltern zusammengefasst. Davon gibt es laut Landesverfassungsschutz insgesamt 1000 in Brandenburg.
Generalbundesanwalt ermittelt gegen Verein in Wandlitz
Einmal im Jahr schafft es das kleine Örtchen im Havelland unter anderem wegen solcher kruden Vorträge in die überregionalen Schlagzeilen. Das diesjährige „Pax Terra Musica“ fand vom 22. bis zum 27. Juli 2025 statt. Prominenteste teilnehmende Organisation ist der Verein „Friedenbrücke Kriegsopferhilfe“. Der Verein aus Wandlitz steht im Verdacht, die prorussischen Milizen im ukrainischen Donbass unterstützt zu haben.
Aktuell ermittelt die Generalbundesanwaltschaft zu dem Verein. Im Mai fanden Razzien in den Vereinslokalen in Berlin und dem Barnim sowie bei Vorstandsmitgliedern statt. Gegen die Vorsitzende Liane K. liegt ein Haftbefehl vor. Sie verweilt laut eigenen Aussagen aktuell in Moskau und ist mittlerweile russische Staatsbürgerin. Trotz der Vorwürfe hat sich das „Pax Terra Musica“ zu dem Verein bekannt und den Aussteller weiter am Festival teilnehmen lassen.
Russland, AfD und das „Pax Terra“ Festival in Friesack
Das ist jedoch nicht das einzige Indiz, das klarmacht, auf wessen Seite man sich im Krieg zwischen Russland und der Ukraine wähnt. Bezeichnend ist auch das Outfit von Marc Brill. Er ist Moderator der Vorträge. Er trägt ein kurzärmliges weißes Hemd, eine schwarze Weste und eine Kappe mit dem Wappen des Vereins „Druschba-Global“.
„Druschba-Global“ ist ein Verein, der Reisen nach Russland organisiert und laut Angaben der Webseite im Jahr 2024 noch Reisen nach Rostow am Don durchführte. Der Verein wurde vom Bundestagsabgeordneten Rainer Rothuß (AfD) mitgegründet. Er schied im Jahr 2019 aus dem Vorstand aus.

Vortrag am Abend des 25. Juli 2025. Marc Brill (links) auf der Bühne zusammen mit Markus Fiedler (sitzend rechts). Rund zwei Stunden lang ging der Vortrag „Indoktrination in der Schule“ von Markus Fiedler.
Elias RehbergZumindest Sympathien scheint der Bundestagsabgeordnete aber noch für den Verein zu haben. Ende Mai trat er in Berlin auf der Bühne einer Friedensdemonstration auf und trug einen Pullover, der das Emblem des Vereins zeigt. Wie sein Verhältnis zu dem Verein heute ist, wollte Rothfuß auf Anfrage nicht mitteilen.
Auch die Ukraine wird in dem Vortrag von Fiedler thematisiert. Zu Beginn legt Marc Brill mit einem langen Monolog über die militärische Stärke Russlands los. Fortgeführt wird das dann von Markus Fiedler wie folgt: „Selbstverständlich gibt es Nazis in der Ukraine, und zwar eine ganze Menge. Das Asow-Bataillon besteht zu einem überwiegenden Anteil aus Nazis.“
Wir fragen nach bei Gerhard Mangott. Er ist Professor für internationale Beziehungen an der Universität Innsbruck und Experte für Russland und Osteuropa, er erklärt: „Diese rechten Organisationen (gemeint ist das Asow-Bataillon, Anm. d. Red.), vor allem wenn sie paramilitärisch organisiert sind, üben politischen Einfluss in der Ukraine aus. Sie haben eine gewisse Vetomacht, was die Entscheidungsfreiheit der Regierung beschränkt. Sie sind aber kein dominierender und kein wesentlicher, aber auch kein irrelevanter Faktor für den politischen Prozess in die Ukraine.“
Auf die Frage, welches Ziel solche Aussagen von Brill und Fiedler haben, antwortet Mangott: „Die Aussagen haben den Zweck, die Ukraine zu diskreditieren, die Fähigkeiten des Westens, kleinzureden und die Fähigkeiten Russlands deutlich zu überschätzen. Ziel ist Defätismus in den eigenen Reihen angesichts einer angeblich nicht zu unterstützenden Ukraine und schwacher eigener militärischer Fähigkeiten.“
Erklärung: Defätismus
Defätismus bezeichnet eine Haltung, bei der jemand aus Pessimismus oder Mutlosigkeit an einen bevorstehenden Misserfolg glaubt und dadurch die eigene oder allgemeine Widerstandskraft schwächt.
Im historischen Kontext wird der Begriff oft mit der Verbreitung von Zweifel und Resignation in Kriegszeiten in Verbindung gebracht.
Festival-Programm in Friesack: alternative Medien und Esoterik
Prorussisch eingestellte Vereine, Anhänger von Verschwörungserzählungen, aber auch Esoterik-Unterstützer sind auf dem „Pax Terra Musica“ vertreten. Das Festival-Milieu ist breit gefächert. Bei einem Vortrag referiert Conrad Nolte darüber, dass sein Meister den Anschlag auf die Twin Towers vorhergesagt habe, eine Stadt im Jugoslawienkrieg durch Meditation beschützt hätte und allein durch Meditation die Kriminalitätsrate in Washington um 20 Prozent reduziert habe.
Im nächsten Moment sitzen dann die alternativen Medienmacher „Basta Berlin“, „NuoFlix“ und „Kontrafunk“ gemeinsam auf der Bühne, zusammen mit Markus Fiedler, der das Gespräch moderiert. Während ihrer Diskussion wird über die mutmaßlich gelenkten Medien debattiert und, dass diese eine politische Agenda verfolgen würden. Dann öffnen sie das Plenum zur Diskussion und wollen von dem vollen Festivalzelt wissen, welche Themen sich ihre Zuhörenden wünschen.
Verschwörungserzählungen für die ganze Familie in Friesack
Eine Zuhörerin meldet sich und sagt: „Ich als Mutter suche was, das ich meinen Kindern vorsetzen kann. Wo Manipulationstechniken in den Medien und der Schule erklärt werden.“ Ein weiterer Teilnehmer unterstreicht das: „Viele von uns haben Kinder. Mit dem herannahenden Krieg und der Wehrpflicht wäre mir wichtig, dass alternative Medien eine Aufklärung für Jugendliche leisten, wie man den Wehrdienst verweigert und da aktiv werden kann. Viele kommen hierher, weil ihre Eltern sie mitnehmen, freiwillig kommen sie noch nicht.“
Ein Umstand, der nur schwer zu übersehen ist. Das „Pax Terra Musica“ richtet sich auch an Familien. Es wird ein eigenes Kinderprogramm angeboten, Aussteller am Festival thematisieren ihren Erziehungsansatz. Und auch die Schule von Markus Fiedler hat ihren eigenen Stand. Manche Vorträge werden von Kindergeschrei begleitet und Familien lauschen gemeinsam Verschwörungserzählungen und Falschnachrichten.
Die Gemeinde Friesack ist seit Jahren Veranstaltungsort des Festivals und verpachtet das Areal jedes Jahr an die Veranstalter. Warum sie solch ein Festival bei sich in der Gemeinde zulässt, das Friesack jedes Jahr aufs Neue in die überregionalen Schlagzeilen bringt, beantwortet die Gemeinde: „Anträge auf Nutzung der Freilichtbühne der Stadt Friesack werden von der Amtsverwaltung vorurteilsfrei geprüft.“ Weiter erklärt die Amtsverwaltung, dass ihr keine Hinweise oder Beschwerden von Behörden oder Bürgern zu vergangenen Veranstaltungen vorlägen.
Einschätzung des Verfassungsschutzes zum Festival in Friesack
Ob das Festival seiner Verantwortung bei der Betreuung von Kindern gerecht wird, und warum dort teils demokratiefeindliche Aussagen beziehungsweise Falschmeldungen verbreitet werden, wollten die Veranstalter auf Anfrage nicht kommentieren.
Auf die Anfrage an den Verfassungsschutz, ob er Kenntnis davon habe, dass das Festival von Extremisten, Reichsbürgern oder anderen den Staat delegitimierenden Personen besucht wird, antwortet die Behörde: „Da es sich um ein Angebot mit einer gewissen regionalen Ausstrahlung handelte, ist es aber auch nicht auszuschließen, dass die angefragten Personengruppen das Fest besucht haben.“ Dennoch sei das Festival laut Angaben des Verfassungsschutzes kein Beobachtungsgegenstand. Einschätzung der Behörde: „Die Demokratie hält solche Feste aus.“
In einer früheren Version haben wir Marc Brill, den Moderator im Vortragszelt, in einer Passage fälschlicherweise als Malte Brill bezeichnet. Dieser Fehler ist mittlerweile behoben.










