Geheimtreffen von Rechten: Theater in Berlin und Potsdam bringen das Treffen auf die Bühne

Die Schauspieler Veit Schubert (l-r), Max Gindorf, Constanze Becker, Oliver Kraushaar, Andreas Beck, spielen bei einer szenischen Lesung auf der Bühne des Berliner Ensemble weitere Details zu einem Treffen von AfD-Politikern, Rechtsextremisten und Unternehmer.
Carsten Koall/dpaFünf Menschen, vier Männer und eine Frau, in schwarzer Hose, Weste, Fliege an weißgedeckter Tafel auf der Bühne des Berliner Ensembles: Das soll das „Düsseldorfer Forum“ sein, jenes jetzt schon berüchtigte Geheimtreffen, das auf Einladung des Düsseldorfer Zahnarztes Gernot Mörig am 25. November 2023 im Gästehaus Adlon bei Potsdam stattfand. Seit der Veröffentlichung des Recherchekollektives Correctiv sorgt es für erhitzte Diskussionen über ein AfD-Verbot, zehntausende demonstrieren auf den Straßen gegen Rechts. Die Correctiv-Journalisten hatten sich mit einem Saunaschiff auf dem See vor dem Landhaus platziert und im Gästehaus eingemietet und die Veranstaltung mit einer Armbanduhr gefilmt. „Wie bei James Bond“, urteilt einer der Schauspieler.
Von der Kunstfreiheit gedeckt?
Nun also die Szenische Lesung, die der Regisseur Kay Voges auf Basis des Recherchematerials zusammengestellt hat. Warum gerade hier, auf der Bühne, wird deutlich, wenn zwei Schauspieler zu Beginn darüber diskutieren, ob das, was man hier tue, wirklich von der Kunstfreiheit gedeckt sei. Zur Sicherheit gibt es einen Fakten-Schiri, gespielt von der Schauspielerin Constanze Becker, die eingreift, sobald das Wort „Faschos“ oder „Faschisten“ fällt und darauf achtet, dass sich die Veranstaltung streng im justiziablen Rahmen bewegt. Deshalb betont jeder Schauspieler, er agiere hier nur als Bühnenfigur und keinesfalls als, sagen wir mal, Martin Sellner. Und deshalb, so wird betont, sei manches „fiktionalisiert“, obwohl, doch, eigentlich sei es im Kern genauso gewesen.

Ort des Geschehens: das Gästehaus Adlon in Potsdam, in dem AfD-Politiker nach einem Bericht des Medienhauses Correctiv im November an einem Treffen teilgenommen haben sollen. Daran soll auch der bekannteste Vertreter der rechtsextremen Identitären Bewegung, Martin Sellner, teilgenommen haben.
Jens Kalaene/dpaDas, was da in der Runde besprochen wird, hat auf jeden Fall das Zeug zur Demokratiegefährdung: der Masterplan zur Deportation, nein, „Remigration“ von Millionen von Deutschen migrantischer Herkunft oder falscher politischer Provenienz nach Afrika. Die Überlegungen zur Torpedierung demokratischer Wahlen durch Musterbriefe und andere Verfahren. Die Überlegungen, wie man Spenden etwa zur Unterstützung des Wahlkampfs der AfD in Thüringen einsetzen könne - es werden auch Spender mit Namen genannt. Die Gründung einer Influencer-Agentur zur Beeinflussung junger Menschen. Und, am Abend auf der Bühne live enthüllt, das Betreiben eines Kanals „Dokumentation Linksextremismus“ auf Sozialen Netzwerken durch einen wissenschaftlichen Mitarbeiter der AfD im Bundestag, auf dem Namen und Adressen veröffentlicht werden, sowie das Engagement eines polnischen Schlägertrupps zur Einschüchterung eines Linksautonomen - der genannte Mitarbeiter bestreitet das allerdings.
Am Ende kippt der Abend ins Appellative: Nachdem ein flammender Appell verlesen wurde, alle im Saal sollten laut und hellwach sein, die Zivilgesellschaft dürfe nicht pennen und sich die Demokratie kaputt machen lassen, schwenkt die Kamera auf die Straßen Berlins, wo Tausende demonstrieren, wie in den vergangenen Tagen schon. Das mag überdeutlich, selbstvergewissernd, aber auch nötig sein. Die Bedeutung von unabhängigem Journalismus haben die Ereignisse der vergangenen Tage dringlich bewiesen. Die des Theaters als zivilgesellschaftlichem Aktionsraum mindestens ebenso sehr.
Schon in Cottbus kamen Correctiv-Recherchen auf die Bühne
Das Theater als politische Bühne hat dank der Aktivitäten des Recherchekollektivs Correctiv ohnehin gerade Konjunktur. Schon im September 2023 hatte das Staatstheater Cottbus mit dem Stück „Kraftwerk“ auf Recherchen des Journalistenkollektivs zurückgegriffen, damals ging es um Schweigeabkommen, die das Energieunternehmen Leag mit kommunalen Wasserbehörden u.a. in Frankfurt (Oder) geschlossen haben soll. Der österreichische Autors Calle Fuhr hatte daraus ein Stück gebaut, das in Regie von Aram Tafreshian in Cottbus auf die Bühne kam. Die Recherche von Collectiv wurde aktuell am Abend der Premiere veröffentlicht.
Nun kommen auch die aktuellen Recherchen des Kollektivs zum Geheimtreffen in der Potsdamer Villa Adlon auf die Bühne: Das Berliner Ensemble teilt die Szenische Lesung der Rechercheergebnisse mit mehreren angeschlossenen Theatern, die Live-Schaltungen organisiert haben. Es lasen Andreas Beck, Constanze Becker, Max Gindorff, Oliver Kraushaar und Veit Schubert, Regie führt Kay Voges vom Volkstheater Wien, das den Abend koproduziert. Weil der Abend innerhalb von kürzester Zeit ausgebucht war, wurde die Veranstaltung live auf der Homepage des Berliner Ensembles gestreamt.
Auch das Hans Otto Theater Potsdam kündigte am Montag eine Szenische Lesung für den 27.1., dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, an. Dort lesen Joachim Berger, Jörg Dathe, Arne Lenk, Nadine Nollau und Alina Wolff. Die Lesung mit anschließendem Expertengespräch findet im Anschluss an eine Vorstellung von „100 Songs“ statt, der Eintritt ist frei, um Spenden wird geben.
Szenische Lesungen in Berlin und Potsdam
Szenische Lesung im Berliner Ensemble: 17.1., 21 Uhr. Die Veranstaltung ist ausverkauft, wird aber live gestreamt unter www.berliner-ensemble.de.
Szenische Lesung im Hans Otto Theater Potsdam: 27.1., 21 Uhr, Eintritt frei. Keine Reservierung möglich
Die Rechercheergebnisse und der Text zum Stück sind veröffentlicht auf der Homepage des Recherchekollektivs Correctiv.

