Geschenk zu Weihnachten: Album-Tipps – fünf Überraschungen des Jahres 2023

Kara Jackson: „Why Does The Earth Give Us People To Love“ (September Recordings)
September RecordingsStrahlende Debüts und lange erwartete Comebacks, große Hits von den Platzhirschen der Branche – das Jahr 2023 hatte musikalisch einiges zu bieten. An dieser Stelle noch einmal an die Rolling Stones, Peter Gabriel oder Apache 207 zu erinnern, wäre wenig interessant, denn die sind schon gebührend gewürdigt worden und ohnehin überall zu hören.
Hier finden Sie eine Auswahl an Alben, die in der öffentlichen Wahrnehmung eher im Schatten der ganz großen Stars standen. Und die trotzdem qualitativ mithalten können.
Kara Jackson – „Why Does The Earth Give Us People To Love?“
Dieses Album und diese Musikerin sind anders als alles, was derzeit im Musikgeschäft passiert. Die Dichterin, Sängerin und Songschreiberin aus Illinois, Jahrgang 2000, stellt ihre Songs mit ungewöhnlichen, frei assoziierten Melodien und einfachen Gitarrenakkorden ganz in den Dienst der abgründig-poetischen Texte. Es geht um scheiternde Beziehungen und frustrierende Flirts, um Einsamkeit und Alkohol. Und mit dem Titelsong setzt sie einer frühverstorbenen Freundin ein berührendes musikalisches Denkmal.
Kara Jackson ist übrigens für ihre Gedichte zum United States National Youth Poet Laureate des Jahres 2020 gekürt worden und wandelt damit auf den Pfaden von Amanda Gorman. Das bedeutet aber keineswegs, dass Jackson den musikalischen Teil ihrer Platten vernachlässigen würde. Um den einfachen, immer sehr melodiösen Songkern herum sind sachte und kunstvoll komplexe Arrangements drapiert, mit Bläsern, Chören, hippieskem Getrommel, Country-Slide-Gitarren und mehr. Außergewöhnlich: Kara Jacksons rauchig-raue Stimme, die am tiefen Rand des Alt-Spektrums beheimatet ist. (September Recordings)
Yo La Tengo – „This Stupid World“

Yo La Tengo: „This Stupid World“ (Matador/Indigo)
Matador Records/IndigoFast 40 Jahre nach ihrer Gründung schrammelt das Indie-Rock-Trio aus Hoboken, New Jersey noch immer so beherzt und begnadet drauflos wie eh und je. Auf ihrem aktuellen Album klingen sie unverkünstelt und gelassen – es ist nach den Jahren der Corona-Pandemie und vieler politischer Konflikte ein Zyklus, der einen beim Zuhören bei sich selbst ankommen lässt. Konzipiert wurde „This Stupid World“ als „Live im Studio“-Projekt – es kommt komplett ohne Overdubs aus, nur Bass, Gitarre, Schlagzeug und Gesang sind als Zutaten vorhanden.
Diese Reduziertheit wirkt hier überzeugend als eine Konzentration auf das Wesentliche. „This Stupid World“ ist ein anachronistisches, beharrliches, struppiges, widerborstiges, nerdiges Biest. Das „No Bullshit“-Album des Jahres 2023. (Matador)
Sufjan Stevens – „Javelin“

Sufjan Stevens: „Javelin“ (Asthmatic Kitty)
Asthmatic KittySein neues Album hat das US-Multitalent Sufjan Stevens (48) seinem verstorbenen Lebenspartner gewidmet. Das Ergebnis hätte berührender nicht ausfallen können. Stevens kehrt zu seinen Singer/Songwriter- und Folk-Wurzeln zurück, aber er tut das in einer Weise, die all die stilistischen Windungen und Wandlungen aufblitzen lässt, durch die der Multiinstrumentalist in zwei Jahrzehnten gegangen ist: Elektronisches steht neben orchestral gedachten Passagen, avantgardistischer Rock neben akustischen Skizzen. In dieser vielschichtigen, aufwändig produzierten Musik gibt es etliche Details zu entdecken. (Asthmatic Kitty)
Efrat Alony – „händel fast forward“

Efrat Aloni: „Händel Fast Forward“ (Dot Time)
Q-Rious MusicAuf die Idee muss man auch erstmal kommen: Oratorien und Kantaten von Georg Friedrich Händel aus dem Barock „vorzuspulen“ ins 21. Jahrhundert. Die israelische, überwiegend in Deutschland lebende Jazzsängerin Efrat Alony hat es getan, in Begleitung von Bass, Schlagzeug und Klavier. Die Stücke mit überwiegend englischen Texten werden von der Spannung aus der formalen Strenge der barocken Kompositionen und der Spiellaune des Jazz getragen. Dazu passt wunderbar, dass Alony in ihrem Gesang fast ganz auf emotionales Vibrato verzichtet, dass sie bewusst nicht versucht, souljazzig zu klingen. Und am Ende schmuggelt sie noch ein Stück von Händel-Konkurrent J. S. Bach auf den Langspieler. (Dot Time Records)
Pat Metheny – „Dream Box“

Pat Metheny: „Dream Box“ (BMG)
Q-Rious MusicDer US-Gitarrist (69) hat sich mit einem Album zurückgemeldet, das auch in seinem diversen, umfangreichen Katalog als ungewöhnlich heraussticht. Die Solo-Platte „Dream Box“ basiert überwiegend auf Soundskizzen, die der Saitenvirtuose über einen Zeitraum von mehreren Jahren auf seinen Tourneen in wechselnden Hotelzimmern mit dem Laptop aufgenommen hat. Impressionistische Klangtraumlandschaften wie „The Waves Are Not The Ocean“ werden ergänzt um einige Coverversionen von Klassikern. Meditativ und beglückend.
Eine „Box“ ist in der Fachsimpel-Sprache von Musikern übrigens eine elektrische Gitarre mit Resonanzkörper, also mit hohlem hölzernem Bauch. Pat Metheny hat die hier versammelten Stücke auf unterschiedlichen Instrumenten, zum Beispiel der Marken Ibanez und Gibson, eingespielt. Die klanglichen Unterschiede sind durchaus zu hören. (BMG)

