Geschenke zu Weihnachten 2023
: Bücher, einmal anders? Tipps zu Comics und Graphic Novels

Asterix, einmal politisch korrekt, das erste Werk des japanischen Kultregisseurs Hayao Miyazaki, eine Jugend in Ost-Berlin und die ??? als Erwachsene. Unsere Tipps für besondere Geschenke.
Von
Christina Tilmann
Frankfurt (Oder)
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Qual der Wahl bei möglichen Geschenken zu Weihnachten: Besucher stehen in einer Halle auf dem Comic-Salon 2022 in Erlangen

Nicolas Armer/dpa

Längst sind Graphic Novels zu einem weltweit boomenden, eigenen Literaturzweig geworden, weg von dem Image von Kindercomic und Stoff für Lesefaule. Die gezeichneten Geschichten sind oft eigene Kunstwerke, eine Symbiose aus Text und Bild. Oder wie sagt es der Drehbuch- und Romanautor Torsten Schulz: „Graphic Novels sind der neue Arthaus-Film“.

Wir haben eine Auswahl zusammengetragen aus Klassikern, Neuerscheinungen und Wiederentdeckungen, für Einsteiger und Fortgeschrittene.

Hayao Miyazakis erster Manga: „Shunas Reise“

Das Volk hungert, und der Prinz ist auf der Suche nach Getreide. Szene aus "Shunas Reise" von Hayao Miyazaki

Reprodukt

Mit seinen Animationsfilmen wie „Chihiros Reise ins Zauberland“, „Prinzessin Mononoke“ oder „Das wandelnde Schloss“ ist der japanische Regisseur Hayao Miyazaki längst zum Kult-Star einer weltweiten Fangemeinde geworden. Was wenige wissen: Die Anfänge waren hart, Miyazakis erste Ideen ließen sich nicht als Film verwirklichen. Daher hat er sie als Manga-Buch herausgebracht, und der Reprodukt-Verlag hat nun „Shunas Reise“ von 1983 vierzig Jahre später auf Deutsch herausgebracht. Die Geschichte von Prinz Shuna, der sich auf den Weg macht, um seiner hungernden Bevölkerung Getreide zu besorgen, und unterwegs das Mädchen Thea und ein geheimnisvolles Land des Göttervolks entdeckt, wird in wunderbar zart aquarellierten Bildern erzählt. Etwas gewöhnungsbedürftig allerdings: Das Buch liest sich, wie in Japan üblich, von hinten nach vorn und rechts nach links. Hat man sich daran einmal gewöhnt, erwartet einen eine märchenhafte, aber nicht ungefährliche Reise.

Hayao Miyazaki: „Shunas Reise“, aus dem japanischen von Nora Bierich, Reprodukt, 160 S., 20 Euro

Die ??? als Erwachsene: „Rocky Beach“

Ein Urlaubsort ist das schon lange nicht mehr: Rocky Beach, Schauplatz des ???-Abenteuers

Kosmos

Die Graphic Novel „Rocky Beach“ gehört zum ???-Universum und stellt die Frage, was eigentlich aus Justus, Peter und Bob im Erwachsenenalter wird. Natürlich ist es ein Fall, der die drei zwanzig Jahre nach ihrem letzten Abenteuer wieder zusammenführt: Peter ermittelt als Detektiv in einem mutmaßlichen Versicherungsbetrug in Rocky Beach. Doch dahinter steckt weit mehr, als man zunächst meinen mag. Besonders gelungen sind die Illustrationen von Hanna Wenzel, die Rocky Beach als einstigen Urlaubsort zeigen, der seine besten Jahre lange hinter sich gelassen hat. Ein Muss für alle erwachsenen ???-Fans (die Graphic Novel ist auch erst ab 16).

Christopher Tauber, Hanna Wenzel: „Rocky Beach: Eine Interpretation“ , Kosmos, 200 S., 25 Euro

Eine Jugend im Berlin der 70er: „Nilowsky“

Harte Jugend am Berliner Stadtrand: Nilowsky (r.) zeigt seinem Freund Markus, wo es langgeht

Bebra

Erst war es ein Roman, dann sollte es ein Film werden, jetzt ist es eine Graphic Novel geworden. Torsten Schulz, der mit „Boxhagener Platz“ bekannt wurde und zuletzt Stadtschreiber in Rheinsberg war, erzählt die Geschichte von Markus, der mit seinen Eltern Ende der 1970er nicht ganz freiwillig an den Berliner Stadtrand zieht, wo ein stinkendes Chemiewerk die Luft verpestet und Vertragsarbeiter aus Mosambik in Baracken hausen. Eine triste Gegend, rund um die Kneipe „Am Bahndamm“ - wäre da nicht Nilowsky, der Sohn des Kneipenbesitzers und bald Markus bester Freund, heimliches Vorbild, Konkurrent in der Liebe zu Carola, und so ziemlich der schrägste Vogel, der sich in einer solchen Umgebung denken lässt. Niels Schröder hat die harte Geschichte mit hartem Strich in expressive Bilder überführt, und nicht nur Torsten Schulz fragt sich: „Ist die Graphic Novel der neue Arthouse Film?“

Torsten Schulz, Niels Schröder: „Nilowsky“, Bebra, 160 S., 22 Euro

Moderne Kommunikation bei den Galliern: der neue Asterix

Wo sind die Wildschweine geblieben? Obelix, Majestix und Asterix auf dem Weg nach Lutetia, Szene aus „Die weiße Iris“

Hachiette Livre/Goscinny-Uderzo/Ehapa

Was passiert, wenn gewaltfreie Kommunikation und positives Denken ins Leben des streitbaren gallischen Dorfes einzieht? Der neue Asterix-Band, den erstmals Fabcaro als Texter verantwortet, spielt die Folgen der als „weiße Iris“ für demoralisierte Legionäre erfundenen Methode der Ermutigung lustvoll durch - und sorgt dabei nicht nur für die längst fällige Emanzipation von Gutemine, sondern lässt auch den einen oder anderen bösen Seitenhieb auf Transportunternehmen (hier: Thalix) fallen: „Wildschweine auf der Strecke“. Und auch die Schwärmerei der High Society von Lutetia für naturnahes Leben („Ziegen hüten, durch den Matsch waten und Hinkelsteine bestaunen“) ist vom Feinsten.

Fabcaro/Didier Conrad: „Die weiße Iris“, aus dem Französischen von Klaus Jöken, Egmont, 48 S., 7,99 Euro

Ost-Berlin, in leuchtendem Grau: Sandra Rummlers „Seid befreit“

Sandra Rummler erzählt in "Seid Befreit" von ihrer eigenen Jugend in Ost-Berlin

avant verlag

Es ist nicht einfach, dem Grau ein Leuchten abzugewinnen. Umso erstaunlicher, welche atmosphärische Kraft Sandra Rummlers Ost-Berliner Stadtansichten entfalten. Mit nuancierten Farbspielen trotzt die Illustratorin in ihrem Erstlingswerk „Seid befreit“ selbst den heruntergekommensten Fassaden eine poetische Qualität ab. Triste Hinterhöfe, verlassene Industriestätten, Brachen entlang der Mauer – allesamt ungeahnt schön.

Endgültig lesenswert wird die Graphic Novel „Seid befreit“ aber dank der geschilderten Coming of Age-Story über das Aufwachsen im Ost-Berlin vor und nach der Wende. In Teilen ist es Rummlers eigene Geschichte. Die Cartoonistin kam 1976 in der Hauptstadt der DDR zur Welt und verbrachte ihre Jugend dort. Ihre subjektiven Eindrücke und Erfahrungen erzählt sie aber durch die Augen von Hauptfigur Mo.

Sandra Rummler: „Seid befreit“, avant, 264 S., 29 Euro

Weitere Geschenktipps gibt es bei Kinderbüchern, Alben und Spielen.