Goitzsche Front in den Charts
: Mit Deutschrock aus dem Osten vorbei an Billie Eilish

Von Null auf Eins ging es für die Goitzsche Front mit ihrem neuen Album „Jugend von gestern“. Wer sind die Chartstürmer aus Ostdeutschland mit ihrem Deutschrock?
Von
Michael Heider
Berlin
Jetzt in der App anhören
Haben Grund zur Freude: mit ihrem Album „Jugend von gestern“ kletterten Pascal „Bocki“ Bock (M), Maximilian "Maxi" Beuster (r) und Christian "Ulze" Schulze (l) von der Band Goitzsche Front (hier bei einem Konzert 2017) an die Chartspitze.

Haben Grund zur Freude: mit ihrem Album „Jugend von gestern“ kletterten Pascal „Bocki“ Bock (M), Maximilian „Maxi“ Beuster (r) und Christian „Ulze“ Schulze (l) von der Band Goitzsche Front (hier bei einem Konzert 2017) an die Chartspitze.

Alexander Prautzsch/dpa

Bei manchen dürfte der Blick auf die aktuellen Album-Charts für Fragezeichen sorgen. Klar, Billie Eilish mischt mit ihrer neuen Platte „Hit Me Hard And Soft“ ganz vorne mit. Platz 2. Gewohntes Territorium für einen Megastar. Aber wer bitte hat sich vor die Gen-Z-Ikone geschoben? Goitzsche Front mit „Jugend von gestern“ auf Platz 1. Goitzsche Front? Who the f…?

Ein kleiner Coup ist es schon, der der Band aus Sachsen-Anhalt da gelungen ist. Doch auch wenn die Breitenwirkung gering ausfallen mag, ganz unbekannt ist die Gruppe nicht. Und auch die Chartspitze ist für sie kein Neuland. Berechtigte Frage also: Wer sind Goitzsche Front?

„Wir werden es euch zeigen, was es heißt ein Ossi zu sein“

Los ging es für Sänger Pascal „Bocki“ Bock, Bassist Christian „Ulze“ Schulze und Gitarrist Maximilian „Maxi“ Beuster 2009 in Bitterfeld. Wenig überraschend für eine Band, die Songs wie „Alkohol“ und „Füße hoch, Bier auf“ im Repertoire hat, war der Gründungsort eine Kneipe. Der Bandname nimmt Bezug auf den ehemaligen Braunkohletagebau „Goitzsche“ bei Bitterfeld.

Anfängliche Cover lösten nach und nach eigene Songs ab. Beeinflusst von Oi!-Punk und Bands wie den Böhsen Onkelz fand die Goitzsche Front ihre musikalische Nische im Deutschrock.

Von Anfang an betonten sie dabei ihre Herkunft aus Ostdeutschland. Die passende Losung gaben sie auf ihrem 2014 erschienenem Album „…aus Ruinen“ aus:  „Wir werden es euch zeigen, was es heißt ein Ossi zu sein“, singen sie in ihrem Song „Der Osten rockt!!!“.

Ostrock ist nicht gleich Ostrock

Beim Stichwort „Ostrock“ gilt es aber genau hinzusehen. Von der Herkunft einmal abgesehen, haben Goitzsche Front mit klassischen DDR-Rockgruppen wie Silly, City, Pankow oder Karat wenig gemein. Poetische Hymnen wie „Über sieben Brücken mußt du gehn“ oder „Am Fenster“ sucht man bei den Bitterfeldern vergeblich.

In Sachen Genre gehört Goitzsche Front streng genommen zum „Neuen Deutschrock“. Musikalisch ist der von harten Gitarren-Riffs und grölendem Gesang geprägt. Inhaltlich gemein sind dem Genre Themen wie Heimat, das Selbstverständnis als Underdog und ein „Wir gegen die“. Leider tauchen in den martialischen Texten immer wieder überholte Geschlechterrollen auf: Der Mann als (Anti-)Held, die Frau entweder als Heilige oder Hure.

Themen und Stereotype, die Vertreter des „Neuen Deutschrock“ immer wieder in Verdacht geraten lassen, rechts zu sein. Goitzsche Front hat hierzu immer wieder Stellung bezogen. Auf Konzerten tragen ihre Mitglieder schon mal T-Shirts mit Aufschriften wie „FCK Nazis“ oder „Smash the Alt Right“. Auch hat die Band ihre Ablehnung faschistischer Ideologien betont.

Alleinstellungsmerkmal: Texte über ostdeutsche Lebenswelten

Zwar sind die Texte von Goitzsche Front thematisch nah an jenen artverwandter Bands wie Frei.Wild, Böhse Onkelz oder Haudegen. Ein Alleinstellungsmerkmal gibt es aber: Ostdeutsche Lebenswelten. Die spiegeln sich mal nachdenklich, indem sie etwa beim Song „Perspektive Null“ das Gefühl abgehängt zu sein, aufgreifen: „Ihr Schicksal: Perspektive Null / Doch wen kümmert das schon / Es sterben die Träume einer Generation“.

Aber auch augenzwinkernd-ostalgisch geht es bei Goitzsche Front zu. Ihr Song „Simson“ ist zum Beispiel eine Hymne auf die bekannten DDR-Zweiräder. „Wer IFA fährt, fährt nie verkehrt!“, heißt es darin unter Bezug auf den DDR-Industrieverband Fahrzeugbau.

Dass es dabei um mehr als Zweitakter geht, erklärte die Band auf Facebook: „Was wären Goitzsche Front ohne den Osten? Wer glaubt, wir hätten alles besungen, der irrt sich. Von vielen gewünscht und längst überfällig… eine Hymne für die gute, alte Simson. An alle Junggebliebenen, an alle alten Hasen, an alle Schrauber und Verehrer…“

Die Rolle der Fans: Fast wie Familie

Der Kommentar offenbart eine enge Bindung der Goitzschen Front zu ihren Fans. Eine Beziehung, die fast schon familienartig anmutet. Das Phänomen ist auch bei anderen Vertretern des „Neuen Deutschrocks“ zu beobachten. Und genau hier dürfte auch der Grund für den Charterfolg des neuen Albums der Band liegen.

So landeten die Bitterfelder 2018 mit ihrem Album „Deines Glückes Schmied“ schon einmal auf Platz 1. Für das 2020 erschienene „Ostgold“ reichte es immerhin für Platz 2. Kein Wunder also, dass sich Billie Eilish diesmal mit Silber begnügen musste.

Wie familiär es auch auf den Konzerten der Goitzschen Front zugeht, ist derzeit wieder zu erleben, zuletzt beim Goitzsche Festival in Bitterfeld Anfang August, demnächst bei der „Jugend von Gestern“-Tour u.a. am 8. September in Klingenthal und dann bei der großen Jubiläumsshow zu 15 Jahre Goitzsche Front / 15 Jahre Chaos und Promille am 28. September in der Uber Eats Music Hall in Berlin. Tickets gibt es hier.