Großveranstaltungen: Konzertsommer in Berlin und Brandenburg entfällt

Bleibt vorerst das Normalbild: Blick auf die Ränge des leeren Berliner Olympiastadions.
Kathrin BrunnhoferWas aber ist eine Großveranstaltung? Die Macher des beschaulichen Festivals Alínæ Lumr in Storkow (Oder-Spree) fragen sich das gerade. Der Konzertreigen mit Interpreten aus der Indie-Szene, der in diesem Jahr vom 21. bis 23. August stattfinden sollte, hat sich in den vergangenen Jahren mit einem enthusiastischen Stammpublikum bei etwa 1000 Besuchern eingepegelt. Die Verkündigung des Bundeskabinetts und der Ministerpräsidenten wirft für Kulturveranstalter wie die Storkower mehr Fragen auf, als sie beantwortet.
„Wir müssen eine Meldung vom Land Brandenburg abwarten, da die Entscheidung im Bund als Ländersache beschlossen wurde“, sagt Julia Katzberg vom Alinæ-Lumr-Team. Man plane aktuell „mit angezogener Handbremse und diskutiert mögliche Szenarien. Ein Statement auf der Website des Festivals legt diese Position ausführlich dar. Zwei unterschiedliche Welten prallen in Katzbergs Wahrnehmung aufeinander: „das Wirtschaftliche und das Ideelle, Moralische“. Und natürlich wolle das Team nicht unverantwortlich handeln. „Wir würden eher dazu tendieren abzusagen, als zum Beispiel das Festival abgespeckt stattfinden zu lassen“. Immerhin: Bei dem gemeinnützigen Trägerverein von Alinæ Lumr arbeitet das Team ehrenamtlich, sodass keine wirtschaftlichen Katastrophen für die Einzelpersonen hinter dem Festival zu befürchten wären.
Anruf beim Berliner Konzertveranstalter Burghard Zahlmann. Mit seinem Concertbüro Zahlmann holt er regelmäßig Weltstars in die Bundeshauptstadt. Bryan Adams, die Rolling Stones, Ossy Osbourne und viele mehr haben schon nach seiner Vorarbeit die Bühne betreten. „Wir im Kulturbereich waren die ersten, die die Auswirkungen der Coronakrise zu spüren bekamen, und wir werden auch die letzten sein, die daran noch zu tragen haben" – so schätzt er die Lage nüchtern ein. Für die nächsten Wochen sind es unter anderem Konzerte der Art-Rocker Yes und die Tina-Turner-Story „Simply The Best“, die er absagen muss.
„Man sollte nicht vergessen, welchen enormen Beitrag die Konzertveranstalter zur Wirtschaftsleistung in Berlin beitragen“, sagt er mit Blick auf Hotelübernachtungen, Gastronomie und alles, was an einem Konzertbesuch dranhängt. Jetzt hofft er, dass der Senat nach dem Lockdown zu Zugeständnissen beim Anwohnerschutz und bei der Bemessung der abendlichen Zeitfenster für Veranstaltungen bereit ist. Denn eine Strategie der Branche sei es, Konzerte im Herbst oder 2021 nachzuholen. Was wiederum höchst kompliziert ist, weil Bühnenbelegungen, Tourkalender und die dann ohnehin anberaumten Konzerte drücken.
Viele externe Dienstleister werden für Freiluftkonzerte angeheuert – Caterer, Bühnentechniker etc.. In Zahlmanns Büro arbeitet ein kompaktes Team von acht Angestellten dauerhaft an Booking, Werbung und Organisation. für sie hat Zahlmann zu Beginn dieser Woche Kurzarbeit beantragt. Zu den anderen Konzertveranstaltern in Berlin hält er jetzt einen engen Draht, es gibt tägliche Videokonferenzen. Zahlmann rechnet „in naher Zukunft“ aber nicht mit Insolvenzen von großen Berliner Veranstaltern. Und zwar, weil die verkauften Tickets ihre Gültigkeit behalten. Hier beobachtet er auch eine „große Solidarität“ beim Publikum und die Bereitschaft, auf Ausweichtermine zu warten. Über besondere Härtefälle könne man immer reden, sagt er und deutet an, dass Tickets rückerstattet werden können, wenn Käufer durch die Krise etwa ihren Job verlieren sollten. Und er blickt trotz allem optimistisch in die Zukunft: „Freuen wir uns doch jetzt schon gemeinsam auf schöne Konzerte nach der Krise!“
Corona-Blog: Coronavirus und die Folgen für Brandenburg und Berlin
Kostspieliges Geschäft mit der Musik im Freien
Rund 600 000 bis 800 000 Euro kostet die Durchführung eines Stadionkonzertes nach Schätzungen des Berliner Veranstalters Burghard Zahlmann in etwa. Darin enthalten sind Werbung, Sicherheitskräfte und Technik, nicht aber die Künstlergagen. ⇥bkr
