Günter de Bruyn in Görsdorf
: Wie war das Leben im „Abseits“ an der Blabber bei Tauche?

Der Schriftsteller Günter de Bruyn hatte sich in ein Haus im Wald bei Tauche zurückgezogen. Was er dort suchte, hat Carola Wiemers in einem Buch erforscht.
Von
Christina Tilmann
Tauche
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Günter de Bruyns Domizil im Abseits: die alte Schäferei an der Blabber

Günter de Bruyns Domizil im Abseits: die alte Schäferei an der Blabber bei Tauche – doch was suchte der Schriftsteller dort?

Franziska Hauser

Förderlich war das Leben in der Waldeinsamkeit bei Tauche für den Dichter keineswegs – auf den ersten Blick zumindest: „Blabber tötet meine Produktivität, auch deshalb, weil es hier so viele andere Arbeit + Sorgen gibt, weil das Einkaufen, Essenkochen usw. so aufwendig ist. Ich kam heute um 10 Uhr hier an, noch gedanklich ganz bei meinem Roman. Aber dann fällt einem, wo man geht + steht nichtgetane Arbeit auf, die jetzt plötzlich kaum noch aufschiebbar scheint. Jetzt ist es 21 Uhr, aber gearbeitet habe ich nur 2? Stunden.“

Das schreibt Günter de Bruyn am 11. September 1970 in seinem Tagebuch. Andererseits ist er dort, wo ihn keiner stört, wirklich glücklich: „Womit habe ich solch Glück, solch ein Leben eigentlich verdient?“, heißt es am 27. April 1969.

Das „Abseits“ an der Blabber, dem inzwischen verlandeten Graben im Wald bei Tauche, war und ist Legende. 1968 hatte der Schriftsteller Günter de Bruyn die verfallene Schäferei für 1600 Mark gekauft und begonnen, sie wieder herzurichten. Heute dient das Domizil des 2020 verstorbenen Dichters der Mark Stipendiaten als temporärer Wohnsitz. Die Lyrikerin Judith Zander und der Fotograf Sven Gatter waren 2023 die ersten. Die Ausschreibung für das zweite Stipendium läuft noch bis 24. Oktober.

Buntbuch über Günter de Bruyn und sein „Abseits“ von Carola Wiemers

Nun hat die Literaturwissenschaftlerin Carola Wiemers in der schönen Buntbuch-Reihe des Frankfurter Kleist-Museums ein Heft über „Günter de Bruyn im Görsdorfer Abseits“ vorgelegt – und nimmt den Leser mit auf den verwunschenen Sandweg, der zu den im Wald liegenden Gebäuden führt. Sie beschreibt das bescheidene Haus, das erst 1998 um einen Anbau mit Schreibstube und Bibliothek erweitert wurde, analysiert Tagebücher und Briefe, beschreibt Leben und in Görsdorf entstandenes Werk.

Der Fotograf Tobias Tanzyna hat die Räume fotografisch festgehalten, bevor die 12.000 Bücher umfassende Privatbibliothek künftig in das Günter-de-Bruyn-Archiv nach Beeskow umziehen sollen. Archivbilder von Besuchen von Christa und Gerhard Wolf, dem Autor beim Gemüseanbau oder der Heuernte sowie Faksimiles aus den Tagebüchern illustrieren den Text.

Für de Bruyn war das Abseits Fluchtort und Versteck, auch vor den Zugriffen der staatlichen Behörden. Nicht jedem, der vorbeikam, öffnete er die Tür. Dass Stasi-Offiziere bei ihm geklingelt hätten und ihn nicht angetroffen hätten, ist in seinen Akten festgehalten – eine Klingel gab es allerdings nie in Görsdorf. Doch mehr noch als Ruhe zum Schreiben und Erholung im Gemüsegarten fand de Bruyn in Görsdorf zurück zu seiner Beschäftigung mit der Region, schrieb Bücher über Schloss Kossenblatt und Schmidt von Werneuchen.

Und er hat das Leben in der Einsamkeit genossen, wie aus einem Tagebucheintrag vom 10. Dezember 1969 hervorgeht: „16.30 Uhr. Es ist schon lange dunkel, die Stube noch nicht richtig warm, aber am Ofen schon erträglich. Schöne Musik (Cimarosa), Äpfel, Nüsse, Schnaps, Zigarre. Die Füße auf heißem Ziegelstein.“ Dichterglück.

Carola Wiemers: „Günter de Bruyn im Görsdorfer Abseits (1968-2020)“, Frankfurter Buntbücher 75, Hrg. von Anette Handke und Anke Pätsch, 32 Seiten, 10 Euro