Haager Tribunal
: Der Genozid in Srebrenica ist nicht vergessen

Es war der erste Völkermord auf europäischem Boden seit 1945. Dafür hat das Haager Tribunal die Hauptdrahtzieher des Massakers von Srebrenica verurteilt.
Von
dpa
Srebrenica
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Besucher beten auf dem Gedenkfriedhof für die Opfer, die bei dem Massaker in Srenenica vor 25 Jahren ums Leben gekommen sind. Das größte Massaker in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg jährt sich am Samstag zum 25. Mal. Nach wie vor sind noch nicht alle Opfer des Völkermords von Srebrenica identifiziert. Acht Menschen, deren Namen mittlerweile bekannt sind, sollen am Jahrestag auf dem Gedenkfriedhof von Potocari außerhalb von Srebrenica beigesetzt werden.

dpa/Kemal Softic

Als die Truppen des bosnisch–serbischen Generals Ratko Mladic am 11. Juli 1995 in die ostbosnische Muslimenklave Srebrenica einrückten, fielen kaum Schüsse. Die Männer in dem zur UN–Schutzzone erklärten Gebiet hatten nur wenige Waffen. Die niederländischen UN–Blauhelm–Truppen in ihrer Basis Potocari am Ortseingang von Srebrenica forderten Luftunterstützung der Nato an. Sie kam nicht.Dem vor Angst schlotternden Oberst Tom Karremans, Kommandeur des UN–Bataillons „Dutchbat“, diktierte General Mladic die Bedingungen seiner Kapitulation — vor laufenden Kameras des serbischen Fernsehens. Die Blauhelme assistierten bei der Deportation von 23 000 Frauen und Kindern, ehe sie bei freiem Geleit abziehen durften.

Dann begann am 11. Juli 1995, im vierten und letzten Jahr des Bosnienkriegs, das Morden. Mladic und Radovan Karadzic, der Führer der bosnischen Serben, hatten – unterstützt vom serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic (1941—2006) – ihre Pläne nie verhehlt. Die „Türken“, wie sie die Muslime in den ostbosnischen Enklaven verächtlich nannten, standen ihrem Projekt eines „Groß-Serbiens“ mit „ethnisch reinen“ serbischen Territorien im Wege.

Von den 15 000 Männern in der Enklave machten sich noch am 11. Juli die meisten zu Fuß auf den Weg, um sich durch Berge und Wälder ins 100 Kilometer entfernte Tuzla durchzuschlagen. Jene, die zögerten, wurden von Mladics Truppen erschossen.

Treibjagd auf die Fliehenden

In den nächsten Tagen eröffnete die Mladic–Armee eine Treibjagd auf den Tross der Fliehenden. Mehr als 8000 wurden umgebracht. Die Leichen verscharrte man in Massengräbern. Heute noch werden Leichen und Leichenteile gefunden und nach DNA–Analysen den Opfern zugeordnet. Auch am 25. Jahrestag des Verbrechens von Srebrenica werden wieder sterbliche Überreste im Rahmen des Gedenkens in Potocari beigesetzt.

Das Töten gefangener Gegner ist ebenso ein Kriegsverbrechen wie die systematische Vertreibung von Zivilisten. Das Internationale Jugoslawien–Tribunal in Den Haag hat die Untaten von Srebrenica in mehreren Urteilen als Genozid bewertet. Tatsächlich hatte Mladic die gesamte muslimische Bevölkerung von Srebrenica vertreiben oder ermorden lassen.

Im November 2017 verurteilte das Haager UN–Tribunal den heute 77–Jährigen in erster Instanz zu lebenslanger Haft. Seine Verbrechen „zählen zu den abscheulichsten, die die Menschheit je gesehen hat“, befand Richter Alphonse Orie. Im Herbst steht die Berufungsverhandlung an. Karadzic erhielt im Vorjahr lebenslänglich, sein Urteil ist rechtskräftig.

Im Bosnienkrieg begingen alle Seiten Kriegsverbrechen. Heute zeigen die politischen Eliten in Serbien und in der Republika Srpska wenig Schuldeinsicht. „Es ist eine Situation der durchgängigen Genozid–Verleugnung“, sagt Emir Suljagic, Direktor des Gedenkzentrums in Potocari und Überlebender von Srebrenica. „Die politische Klasse, die akademische Lehre, die Medien, selbst die Serbisch–Orthodoxe Kirche machen mit. Es ist eine Kultur der Genozid–Verleugnung.“