„So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt Stefanie Breuer. Ihre Ohren piepsen, der Kopf dröhnt und das T-shirt ist durchgeschwitzt. Die Studentin wollte eigentlich schwimmen gehen, am heißesten Tag des Jahres. Doch eine Freundin bot ihr spontan eine Harry-Styles Karte an für die „Love on Tour“. Und so stand sie am Mittwoch Abend inmitten kreischender Fans in der Merceds-Benz-Arena.
Normalerweise tanzt sie zu den Songs von Kraftclub, Casper und Materia. Dort werden den Fans politische Botschaften um die Ohren gehauen. „Harry berührt sattdessen das Herz“, weiß sie knapp zwei Stunden später nach einer emotionalen Achterbahnfahrt mit Lovepop, Be-Yourselfedy und Trennungsliedern.
Nur echt mit Federboa: Sänger Harry Styles im Presseraum bei der Verleihung der 63. Grammy Awards im Convention Center.
Nur echt mit Federboa: Sänger Harry Styles im Presseraum bei der Verleihung der 63. Grammy Awards im Convention Center.
© Foto: Jordan Strauss/dpa
Die Harry-Crowd weint, tanzt und stampft um Zugaben. Hat Rammstein das Olympiastadion zum Beben gebracht, wackelte am Mittwoch Abend ganz Friedrichshain. Die 26-Jährige mittendrin: „Eine so krasse Fanbase habe ich noch nie erlebt.“ Harry Styles‘ Anhänger:innen mögen es extrem bunt: neongrün, -pink und -gelb überall. Hosen mit Gepardenmuster und Feder-Boas tanzen umher, und weiblich gelesene Wesen mit pinken Cowboy Hüten und roten Sonnenbrillen in Herzform schreien immer wieder seinen Namen.

300 Euro für ein Ticket

Und der Megastar, dessen Karten im Netz für 300 Euro gehandelt werden? Stellt sich bescheiden vor mit „Hello, my name is Harry!“. Der 28-jährige Brite und Grammypreisträger wünscht zu Beginn des Konzerts: „I hope, you have fun tonight“. Dafür sorgt er mit seiner ruhigen, freundlichen Art und seinen Dancemoves. „Es fühlt sich an, als ob Harry ein Kumpel ist, mit dem man im Schlafzimmer vor dem Spiegel tanzt“, sagt Stefanie Breuer.
Dabei ermutigt er die 18.000 Anwesenden immer wieder dazu, so zu sein, wie sie sind. Bei einer Generation, die bei Lattemacchiato und Biogemüse ohne Geschlechtergrenzen, Autoritäten und Feindbilder groß geworden ist, trifft das den richtigen Nerv. Diversitypositivismus gemischt mit Love, Peace and Harmony ist der Beat der 2000ender.
Die Londoner Alternative Rock Band „Wolf Alice“ im Vorprogramm ist ein krasser Gegensatz zum Hauptact. Doch die Fans zeigen sich flexibel – Generation Toleranz feiert eben auch zu quietschenden E-Gitarren und wummernden Bässen. Die Stühle bleiben an dem Abend leer. Alle tanzen, wippen und hüpfen. Selbst während des Umbaus bei weißem Hallenlicht flippt die Menge aus, als „Best songever“ als alter One-Direction-Hit aus den Lautsprechern dröhnt: „Die drehen hier alle komplett durch“, so Stefanie Breuer. Auch die Menschen auf den Plätzen hinter der Bühnen-Leinwand lassen sich mitreißen zur Hallen-Polonaise.
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Dann geht es endlich los: Angestrahlt von tausenden Handytaschenlampen performt der in einen extravaganten Jumpsuit gehüllte Künster viele Songs von seinem zuletzt erschienen Album „Harrys House“. In der Zugabe erklingen die Klassiker: „As it was“, „Watermelon Sugar“ und endlich das Lied, auf das viele bis zum Schluss warten mussten: „Song Medicine“.
Eine junge Frau in der ersten Reihe hält Harry ein Plakat entgegen: „Please help me to come out to my mum, she is here“. Und das tut er: Der Megastar nimmt die regenbogenfarbene Flagge der Tochter und überreicht sie der Mutter. Beide weinen, die Fans jubeln laut.
Auch Stefanie Breuer ist ergriffen: „Es ist gut, wenn Megastars wie Harry Styles Menschen dazu ermutigen, so zu sein, wie sie sind“, sagt sie und macht immer wieder Handybilder an diesem heißen Abend.