Herbert Grönemeyer 2024 in Berlin
: So war das Jubiläumskonzert in der Waldbühne

40 Jahre „Bochum“ - Zeit für Nostalgie, nicht nur für Herbert Grönemeyer, sondern auch für 22.500 treue Fans in der Berliner Waldbühne. Chronik eines außergewöhnlichen Konzerts.
Von
Christina Tilmann
Berlin
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Konzert Herbert Grönemeyer in Dresden: 06.06.2024, Sachsen, Dresden: Sänger Herbert Grönemeyer steht beim Auftakt der Tournee 40 Jahre "4630 Bochum" live 2024 im Rudolf-Harbig-Stadion auf der Bühne. Foto: Robert Michael/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Und jetzt alle: Herbert Grönemeyer, hier beim Tourauftaktkonzert in Dresden am 6.6.2024, rockt auch in der Waldbühne das Publikum - und ist selbst begeistert, wie textsicher die Fans sind.

Robert Michael/dpa

Es ist 20.50 Uhr, als das ikonische Cover auf der Leinwand erschient, „4630 Bochum“, weiße Schrift auf schwarzem Grund, die Platte, die Herbert Grönemeyer 1984 berühmt machte und zu der er gleich einige Anekdoten zum Besten gibt, etwa, dass sein Plattenproduzent auf den Vorschlag, ein Album „Bochum“ zu nennen, entsetzt geantwortet habe: „Das kauft doch in Bottrop schon niemand mehr“. Und der Plattenhändler in Bochum selbst habe gleich abgewinkt, er habe schon genügend unverkäufliches Zeug im Lager.

Die Musikgeschichte hat ihn eines Besseren belehrt. 140 Wochen stand das Album in den Charts, mehr als drei Millionen mal wurde es verkauft. Die Jubiläumstour, die Herbert Grönemeyer nach dem Auftakt in Dresden nun zweimal in die Berliner Waldbühne und dann noch vier Mal nach Bochum zum Heimspiel führen wird, war innerhalb kürzester Zeit ausverkauft.

21 Mal trat Grönemeyer schon in der Waldbühne auf

Obwohl: Ein Heimspiel war es auch in Berlin: 21 Mal sei er schon in der Waldbühne aufgetreten, in der Stadt, in der er seit 30 Jahren lebt, erklärt der Sänger gleich zu Beginn. Um dann ein auch für ihn spürbar besonderes Konzert hinzulegen, sozusagen „Dreistundenglück“, wie er selbst seinen Song „Sekundenglück“ variiert. Für die 22.500 begeistert und extrem textsicher mitsingenden Fans war es das auf jeden Fall: „Ihr wisst es selbst, dass das außergewöhnlich war“, kommentiert ein sichtlich ergriffener Grönemeyer die langen vom Publikum übernommenen Passagen in der Zugabe „Land unter.“

Da liegt das Herzstück des Abends schon wieder eine Stunde zurück. Im Zentrum des Jubiläumskonzerts stand tatsächlich das Album „Bochum“ - komplett, wenn auch in veränderter Reihenfolge der Songs, und wie immer mit dem Steigerlied der Bergarbeiterstadt zum Start. „Ihr habt es so gewollt: Jetzt singen wir einfach die ganze Platte für euch“, kündigt Grönemeyer an, um dann mit dem ersten Song der B-Seite zu beginnen: „Ich bin für dich da“. Älter geworden, kurzatmiger und dünnhaariger, aber mit einem gehörigen Maß abgeklärter Selbstironie, mit dem der 68-Jährige, leger im schwarzen Hemd, blauen Hosen und weißen Turnschuhen über die Qualität seiner Lyrik, seiner Stimme und seines Tanzstils witzelt.

Ein Song, den noch nie jemand gemocht hat

Denn jetzt kommen sie alle: „Männer“, „Alkohol“ und „Flugzeuge im Bauch“, die ganzen Klassiker, die aus dem kollektiven Musikgedächtnis nicht mehr wegzudenken sind. Manche, wie der Song "Amerika", damals geschrieben für die Proteste im Bonner Hofgarten gegen die Pershing2-Stationierung, haben in Zeiten eines neuen heißen Kriegs traurige Aktualität gewonnen, andere kündigt er an mit den Worten, dass diesen Song noch nie jemand gemocht habe, doch er singe ihn jetzt trotzdem - und das Publikum kennt auch bei "Wieder erwischt" jede Textzeile, VfL-Bochum-Fanschals werden geschwenkt, stolz T-Shirts der verschiedenen Grönemeyer-Touren getragen.. Über die Leinwand flimmern Bilder des jungen Herbert Grönemeyer aus dem Rockpalast, und immer wieder gibt er seinen exzellenten Musikern Raum für ein Gitarren- oder Saxofonsolo, tritt in den Hintergrund zurück oder animiert das Publikum zum ausgiebigen Winken, Klatschen oder Mitsingen.

Gerahmt wurde das „Bochum“-Reenactment von aktuelleren Stücken: Als ersten Song stimmte Grönemeyer „Das ist los an“, wenig später die erste Ballade „Sekundenglück“. Und auch nach zwei Stunden geht es noch lange weiter, mit Hits wie „Kinder an die Macht“, dem schönen Liebeslied „Der Weg“, 1998 auf seine verstorbene Frau Anna geschrieben und von Grönemeyer sehr still am Klavier dargeboten, oder, vom Publikum lauthals eingefordert, „Zeit, dass sich was dreht“.

Ermutigung am Abend vor der Wahl mit „Angstfrei“

Dass Grönemeyer immer auch eine politische Botschaft in der Tasche und der nächsten Liedzeile hat, ist am Abend vor der Europawahl umso verständlicher, und die ermutigende Botschaft, die er mit „Angstfrei“ verbindet, ist, dass wir alle gemeinsam ganz entspannt und angstfrei die Demokratie verteidigen mögen - „Ihr habt so schöne Stimmen - nutzt sie morgen“, fordert er das Publikum auf. Und spätestens, wenn am Ende lauter Handy-Lämpchen wie Sterne im weiten Rund der Bühne leuchten, bleibt kein Arm mehr unten und keine Kehle stumm. Es hätte noch lange weitergehen können. Dreistundenglück.