Er hätte sich kaum einen besseren Tag aussuchen können. Ausgerechnet zur Sommersonnenwende machte Till Brönner Halt in Neuhardenberg. Und der längste Tag des Jahres hat es gut gemeint mit Deutschlands wohl bekanntestem Jazz-Musiker und seiner Band. Bis in den späten Abend hinein hüllte die Sonne den Schlosspark in warmes Licht – und schuf eine denkbar dankbare Kulisse für zwei Jazz gefüllte Stunden.

Streifzug durch Alben und Musikstile

Passend zur sommerlichen Stimmung betrat Brönner mit elegant-vergnüglichen Klängen aus dem guten Leben die Bühne und eröffnete den Abend mit dem titelgebenden Stück seines 2016 veröffentlichten Albums „The Good Life“. Anders als man es von ihm gewohnt ist, wartete der 51-Jährige nicht erst einige Songs ab, sondern griff gleich im Anschluss zum Mikrofon, um einige Begrüßungsworte an die 770 Konzertbesucherinnen und -besucher zu richten. Groß sei die Freude, wieder in Neuhardenberg zu sein, sagte Brönner. Besonders, weil er nach Corona-bedingter Live-Pause nun wieder in „maskenfreie Gesichter“ blicken dürfe.
Untertitelt war der restlos ausverkaufte Auftritt des Jazz-Trompeters auf dem Schlosspark Open Air mit „On Vacation“. Es ist der Titel seines jüngsten Kollaborationsalbums, das zusammen mit dem US-Jazzpianisten Bob James entstand. Nach Urlaub klang der Abend in Neuhardenberg zwar, eine Setlist bloß aus Songs der 2020 erschienen Platte gab es jedoch nicht. Vielmehr nahm Brönner sein Publikum mit auf einen Streifzug durch seine Diskografie und formte das, was ihm seine Kritiker als Beliebigkeit vorwerfen, in eine Tugend um: den Blick über den Genre-Rand.

Sogar Bossa Nova-Klänge erfüllten den Schlosspark

Zu relaxtem Jazz gesellten sich funkige Klänge, etwa als Dave Grusins Filmmusik aus dem Thriller „Die drei Tage des Condor“ von Brönner und seiner Band interpretiert wurde. Bei „Café Com Pão“ aus dem Album „Rio“ erfüllte gar Bossa Nova-Sound den Schlosspark. Und da es doch den ein oder anderen Song von „On Vacation“ zu hören gab, dürften zahlreiche Anwesende den Jazz gefüllten Abend mit einem gewissen Strand und Sonne-Feeling in Erinnerung behalten.
Ideale Kulisse für ein Jazz-Konzert: der Schlosspark Neuhardenberg (hier mit Besuchern der Neuhardenberg-Nacht 2017)
Ideale Kulisse für ein Jazz-Konzert: der Schlosspark Neuhardenberg (hier mit Besuchern der Neuhardenberg-Nacht 2017)
© Foto: Patrick Pleul/dpa
Für ihn sei es „purer Luxus“, sich durch die Geschichte seiner Alben spielen zu können, sagte Brönner zwischen den Songs. Zu verdanken hat er diesen auch seiner so präzisen wie vielseitigen Band. Mit Ausnahme von Schlagzeuger Felix Lehrmann, der erst seit Kurzem mit dabei ist, handelt es sich bei den sechs Begleitmusikern um langjährige Weggefährten Brönners. Im Fall von Bassist Christian von Kaphengst geht diese sogar bis zur gemeinsamen Zeit im Bundesjazzorchester zurück. Das sorgte für hörbare Vertrautheit und Harmonie. Das Ensemble war bestens aufeinander eingestimmt und teilte sich eine deutlich spürbare Spielfreude.

Jazz-Star als primus inter pares

Zwar ist es neben Till Bönner an der deutschen Jazz-Spitze relativ einsam, im Zusammenspiel mit seinen Band-Kollegen erwies sich der Star-Trompeter jedoch als uneitler primus inter pares. Da waren etwa die Dialoge mit Mark Wyand am Saxofon, das einem lustvollen Hin- und Herwerfen musikalischer Spielbälle glich. Oder der großzügige Raum für Solo-Einlagen inmitten der Arrangements. Die wusste neben Gitarrist Bruno Müller vor allem Felix Lehmann zu nutzen. Er nahm eine atmosphärisch-trance-artige Interpretation von Carlos Santanas „Europa“ zum Anlass für ein minutenlanges Drum-Solo. Dabei erwies er sich als so ungestümer wie unbestechlicher Taktvorgeber und trommelte sich zum Publikumsliebling, der begeisterten Applaus erhielt.

Zeremonienmeister mit humorvollen Anekdoten

Zwischen den Songs wandelte sich Till Brönner vom Trompeter zum dezenten Zeremonienmeister. Beinahe jeden der knapp ein Dutzend Songs stellte er vor, erzählte von der Entstehungsgeschichte und reicherte sie mit humorvollen Anekdoten aus drei Jahrzehnten Jazz-Karriere an. Und auch wenn der Musiker während des Lockdowns zu einem der lautesten und schärfsten Kritiker des Umgangs mit der Kulturszene wurde, auf eine „politische Rede“ wollte er bewusst verzichten. Lediglich den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine nahm er zum Anlass für ein Plädoyer für mehr europäischen Zusammenhalt.
Dennoch ging es vor allem um eines in Neuhardenberg: die Freude an der Musik. Die fand ihren Kulminationspunkt in einer launigen Interpretation des Earth, Wind and Fire-Klassikers „September“, bei dem Brönner das Publikum sogar zum Mitsingen animierte. Das quittierte den Abend mit Standing Ovations. Und so stand an diesem Dienstag im Schlosspark nicht nur die Sonne im Zenit – die fulminante Performance Till Brönners mit seiner Band tat es genauso.

Till Brönner – Kurzbiografie

Till Brönner ist 1971 in Viersen geboren. Nach dem Abitur 1990 in Bonn studierte er Jazztrompete an der Hochschule für Musik Köln. Zu seinen Lehrern zählt er Malte Burba und Bobby Shew. Ab 1991 war Brönner Mitglied der RIAS Big Band (damals noch RIAS Tanzorchester). Zwei Jahre später veröffentlicht er mit „Generations of Jazz“ sein erstes Album. Brönner tat sich auch als Produzent hervor, u.a. für Hildegard Knef und Pepe Danquart. Seit 2009 lehrt er als Professor in der Fachrichtung Jazz, Rock und Pop an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden. Neben seiner Tätigkeit als Trompeter war Brönner Jurymitglied der Castingshow „X Factor“ und arbeitet als Fotograf.
Der Vater eines Sohnes und einer Tochter lebt in Potsdam und Los Angeles.