Jazzfest Berlin 2024: Wie die 60. Ausgabe an Martin Luther King erinnert

Martin Luther King Jr., Pfarrer und US-Bürgerrechtler, wird von seiner Frau Coretta geküsst. Für die ersten Jazztage in Berlin schrieb er damals ein Vorwort - und trat auch in der Ost-Berliner Marienkirche auf.
Gene Herrick/AP/dpaEs waren weltpolitisch aufregende Zeiten, als 1964 die ersten Berliner Jazztage im Westteil der Stadt in der funkelnagelneuen Philharmonie im Schatten der drei Jahre zuvor errichteten Mauer stattfanden. Unter Leitung des Musikjournalisten Joachim-Ernst Berendt (1922–2000) traten unter dem Festival-Motto „Schwarz und Weiß“ neben einigen europäischen Musikern vor allem US-amerikanische Bands wie die des schwarzen Trompeters Miles Davis und des weißen Pianisten Dave Brubeck („Take Five“) auf.
Das war seinerzeit in jeder Hinsicht ein aufsehenerregendes Statement, ein kulturpolitisches Bekenntnis West-Berlins zu den USA im Kalten Krieg und ein Zeichen gegen Rassismus und für Toleranz. Diese Konstellation war eine Steilvorlage für den US-amerikanischen Bürgerrechtler und wortgewaltigen Prediger Martin Luther King (1929–1968), der im September 1964 nicht nur den Westteil der Stadt besuchte, sondern auch in der Ost-Berliner Marienkirche eine Predigt hielt.
Martin Luther King trat 1964 in Berlin auf - in Ost und West
Für das erste Programmheft des Jazzfestivals schrieb Martin Luther King ein Vorwort, in dem er die Kreativität und identitätsstiftende Kraft schwarzer Musik hervorhob: „Gott schuf eine Vielzahl von Dingen aus der Unterdrückung. Er schenkte seinen Kreaturen die Gabe, selbst kreativ zu sein … Der Jazz spricht vom Leben. Der Blues erzählt die Geschichten der schweren Seiten des Lebens … So entsteht neue Hoffnung, ein Gefühl des Triumphs. Diese Musik triumphiert. Der moderne Jazz hat diese Tradition fortgeführt; er singt die Lieder einer komplizierteren urbanen Existenz.“

Erinnert an Martin Luther Kings Berliner Auftritt: Joe Hollenbeck
Mercedes Jelinek/JFBMag sich der zeitgenössische Jazz auch von dieser politischen Tradition und von komplexen emanzipatorischen Ansprüchen ein Stück weit entfernt haben, in seinem multimedialen Projekt „The Drum Major Instinct“ erinnert der Schlagzeuger John Hollenbeck mit einem Septett Berliner Musiker an diese Seite der improvisierten schwarzen Musik. Er wirft beim 60. Berliner Jazzfest (30.10.–3.11.) in seiner Performance nicht nur einen Rückblick auf die ersten Jahrzehnte des Festivals, das lange Zeit von der ARD fürs Fernsehen aufgezeichnet wurde, sondern nimmt auch explizit Bezug auf Marin Luthers Kings visionäre Hoffnungen. Im Mittelpunkt wird dabei eine der letzten Reden Kings aus dem Jahre 1968, kurz vor seiner Ermordung, stehen. Wie King-Rede, ARD-Konzertmitschnitte und Live-Auftritt des Hollenbeck-Ensembles sich zu einem Ganzen fügen sollen, könnte eine Überraschung werden. Zu erleben ist das Konzert am 1. November, 22 Uhr, im Haus der Berliner Festspiele.
Jazzfest Berlin: Jazz von Joachim Kühn bis Joe Lovano
Mit zwei Dutzend Konzerten im Festspielhaus, im Jazzclub A-Trane, dem legendären, mittlerweile aber eher jazzfernen Quasimodo sowie der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche will das Jazzfest aber nicht nur auf sechs Festivaljahrzehnte zurückblicken, sondern auch eine breite Palette des zeitgenössischen Jazz präsentieren. Mehr als die Hälfte der Bands ist dabei – anders als in den ersten Jahrzehnten – europäischer Herkunft, darunter das neu formierte French Trio des deutschen Pianisten Joachim Kühn. Mit dem Saxofonisten Joe Lovano und seinem Trio Tapestry ist aber auch eine namhafte US-Formation dabei, die mit einem lyrischen, kammermusikalischen Sound seit 2018 weltweite Beachtung gefunden hat.

Neu formiert: Das French Trio von Pianist Joachim Kühn (M.) mit Sylvain Darrifourcq (l.) am Schlagzeug und Thibault Cellier am Kontrabass feiert beim Jazzfest seine Premiere.
Olivier Degen/JFBDas Festival offeriert einmal mehr die ganze Breite von Bandformaten – vom feinfühligen, seltenen Solokonzert der US-Pianistin Marylin Crispell über Trio-Formate wie dem der Wahl-Berliner Camila Nebbia (Saxofon) und Kit Downes (Piano) sowie dem Drummer Andrew Lisle bis hin zu Big Bands wie der Högberg Extended Attack der schwedischen Saxofonistin Anna Högberg und dem visuellen Spektakel des Sun Ra Arkestra mit einem Sound zwischen Swing und kollektiven, freien Improvisationen.
Camila Nebbia im A Trane Berlin (YouTube):
Programm und Tickets unter www.berlinerfestspiele.de/jazzfest-berlin

