Das Konzert hat noch nicht begonnen und schon weiß man, welches der eigentliche Hit des Abends ist. Nicht „Aqualung“ und nicht „Locomotive Breath“, sondern „To Old to Rock’n’Roll, To Young To Die”. Das Publikum, das in den Berliner Admiralspalast strömt, dürfte sich mehrheitlich unter dieser Losung versammeln – wenn man Rock’n’Roll nicht als Musikstil, sondern als ausschweifenden Lebensstil versteht. Viele der meist männlichen Besucher sind aus der gleichen Altersklasse wie der heutige Live Act Ian Anderson. Er ist seit kurzem 75.
Über fünfzig Jahre davon ist er eine legendäre Figur der Rockmusik. Allerdings war er nie ein typischer Vertreter, der das Goldene Zeitalter des Sex & Drugs & Rock’n‘Roll in den 1960ern und 1970er Jahren miterlebt hat. Er selbst hat das mal in einem Interview beschrieben. „Überall waren Groupies - eine einzige Party. Ich dagegen ging nach der Show in mein Hotelzimmer, schaute Fernsehen, aß ein Sandwich und ging um elf Uhr schlafen. Ich bin der langweilige Onkel, der mit dem Familienhund spielt und übers Wetter redet.“
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Mit der Querflöte zum Rockstar

Offenbar war Anderson in seiner Branche ein (einsamer) Vorreiter der heute als korrekt betrachteten Lebensweise. Er ist ja auch ein Tierfreund und hat sich in Songs schon beizeiten kritisch mit der Atomkraft auseinandergesetzt. Vor allem aber ist er ein begnadeter Musiker, der mehr noch als mit seiner Kauzigkeit mit seiner Querflöte die Rockszene bereicherte. Ian Anderson ist der einzige Musiker, der es mit diesem Instrument als Chef der Band Jethro Tull zum Rockstar schaffte. 2013 wurde ihm bei den Progressive Music Awards der Titel „Prog God“ verliehen.

Die Tour steht unter dem Motto „The Prog Years“

Unter dem Motto „The Prog Years“ steht denn auch die aktuelle Tour von Jethro Tull by Ian Anderson. Das Konzert wird eingeleitet mit Filmsequenzen von berühmten anderen Progbands wie Genesis, Yes, Pink Floyd und ELP. Kurz drauf springt Ian Anderson – in Jeans, T-Shirt und Weste - auf die Bühne und beginnt zum Opener „For A Thousand Mothers“ sofort sein typisches Tänzchen mit der Flöte. Er bläst und rockt das Instrument, als wolle er ihm das rollendes R beibringen.
Bei „Living In The Past”, einem der größten Bandhits, flimmern im Hintergrund Bilder aus der Vergangenheit auf der Bühne. Das Woodstock-Festival 1969 (zu dem er übrigens eingeladen war, aber nicht hinwollte), der Vietnamkrieg, Antikriegsdemos und er selbst als Musiker mit langen Zottelhaaren, auf einem Bein flötend. Es ist seit je das Markenzeichen des Briten und er beherrscht die Körperhaltung noch heute. Was Mick Jagger sein ewiges Über-die-Bühne-rennen, ist Ian Anderson sein Auf-einem-Bein-flöten.
Den Song „Clasp“ illustrieren Videobilder berühmter Handshakes: von Putin mit Trump, Obama, Merkel. Was Anderson vermutlich nicht weiß: Dass just an seinem Auftrittsort der berühmte SED-Handschlag seinen Ursprung hatte, weil im Admiralspalast 1946 der Vereinigungsparteitag von KPD und SPD stattfand.
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Insgesamt ist das Konzert kein echter Abriss des Jethro-Tull- Schaffens, in dem neben Prog auch viel Folk und Hard Rock vorkommen (das Album „Crest Of A Knave“ brachte der Band 1987 ihren einzigen Grammy Award in der Kategorie Hard Rock). Vom aktuellen Album „The Zealot Gene“ spielt er drei Stücke, darüber hinaus natürlich Hits, die er Classical Prog nennt, zum Beispiel die Bach-Adaption „Bourrée In E Minor“. Zwischendurch macht er sich noch ein wenig lustig über die vielen Besetzungswechsel in seiner Band, aber am Ende wird auch diese Jethro-Tull-Variante von den Fans bejubelt. Klar, spätestens bei „Locomotive Breath“ fragt kein Mensch mehr, wer jetzt gerade an der Seite des Flötisten von der Insel ist.