Jüdisches Theaterschiff MS Goldberg: Peter Sauerbaum über sein Schiff und die aktuelle Lage

Viel in Brandenburg unterwegs: der Vereinsvorsitzende Peter Sauerbaum auf dem Deck des Jüdischen Kultur- und Theaterschiffs MS Goldberg. Derzeit ankert das Schiff in Eisenhüttenstadt.
Bernd Settnik/dpaDas jüdische Kulturschiff „MS Goldberg“ hat seine zweite Brandenburg-Tour gestartet. Eisenhüttenstadt ist die erste Station, es folgen sechs weitere Orte, unter anderem Frankfurt (Oder), Schwedt und Brandenburg an der Havel. Peter Sauerbaum, Intendant der Goldberg und Vorsitzender des Vereins Discover Jewish Europe, in dem sich jüdische und nicht jüdische Künstlerinnen und Künstler zusammengefunden haben, um mit Kunst und Kultur einen relevanten Beitrag gegen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu leisten, spricht ganz offen über das Kulturschiff, Antisemitismus, Israel nach dem Terroranschlag der Hamas und ob er noch gern in Deutschland lebt.
Herr Sauerbaum, es ist die zweite Brandenburg-Tour für die MS Goldberg. Was ist diesmal anders für Sie und Ihr Team?
Die Tour ist viel umfangreicher als im letzten Jahr. Und ich bin wirklich voller Dankbarkeit gegenüber der Koordinationsstelle Tolerantes Brandenburg, die diese durchaus aufwendige Tour finanziert und es möglich macht, dass die Veranstaltungen alle kostenlos für die Zuschauerinnen und Zuschauer sind.
Sonst wäre das alles nicht möglich?
Nein. Die Kosten sind eben, wie sie sind. Das geht bei den Schiffsbetriebskosten los und setzt sich bei den Künstlerinnen und Künstlern fort.
Ich frage natürlich auch vor dem Hintergrund der politischen Situation. Als die erste Tour lief, passierte am 7. Oktober 2023 Unvorstellbares in Israel: der Terrorangriff der Hamas und der größte Massenmord an Juden seit dem Holocaust. Jetzt herrscht Krieg in Israel und Gaza. Die Lage ist alles andere als beruhigend.
Es ist in der Tat so, dass wir natürlich alle dachten, dass die Hamas von Israel schneller besiegt wird und dass weniger Leid für die Zivilbevölkerung entsteht. Das ist alles sehr bedrückend. Was das für unsere Arbeit hier bedeutet? Wir sind ja als jüdische Einrichtung klar zu erkennen. Wir haben unsere internen Security-Maßnahmen hochgefahren, klar. Auch die Brandenburger Polizei wird wieder auf uns aufpassen. Da habe ich gar keine Sorgen. Schauen Sie, unser Schiff ist ja sozusagen eine weiße Schönheit, da gab es bislang keine Schmierereien, keine Hetztiraden oder Vandalismus. Das empfinden wir durchaus als erstaunlich. Und hoffen wir, dass es so bleibt.
Ihr Heimathafen ist in Berlin-Spandau. Da gibt es eine große muslimische Nachbarschaft. Auch da ist in den vergangenen Monaten alles friedlich und ruhig geblieben?
Da ist alles gut für uns. Obwohl der Kiez Wilhelmstadt durchaus, lassen Sie mich das so formulieren, migrantisch geprägt ist, haben wir keinerlei Probleme.

Ist in Eisenhüttenstadt vor Anker gegangen: die MS Goldberg. Die Tour geht dann weiter über Frankfurt (Oder) nach Schwedt. Die Veranstaltungen auf dem Kulturschiff sind kostenlos.
Janet NeiserWorauf führen Sie das zurück? Machen Sie Ihre Arbeit so gut?
Wir machen unsere Arbeit gut. Wir haben auch Kontakt zur muslimischen Gemeinschaft, arbeiten mit der Alhambra-Gesellschaft zusammen. Unser Ziel ist es, dass wir unseren Workshop noch auf islamische Geistliche oder Intellektuelle ausweiten können. Wir arbeiten zudem intensiv mit Ahmad Mansour zusammen, unserem arabischen Israeli. Unsere Arbeit ist von Ernsthaftigkeit geprägt. Mit unseren Veranstaltungen schaffen wir einen Vorhof des Diskurses. Wir verstehen unsere Arbeit als Ansporn für unsere Besucherinnen und Besucher, sich eine eigene Meinung zu bilden. Möglicherweise funktioniert das besser, als wir das statistisch beweisen können. Der schönste Beweis ist, dass unser Schiff da ungeschoren liegt.
Organisator Peter Sauerbaum auf YouTube über die MS Goldberg:
Sie haben sich einen Traum verwirklicht und fahren nun mit Ihrem Schiff durch Brandenburg. Mit welchem Ziel ging das alles los?
Die Idee des Schiffes geht auf meine verstorbene Frau zurück. Meine Noah und ich, wir hatten den Verein Ende 2015 gegründet, mit dem Ziel, jüdisches Theater zu machen und mit Kunst und Kultur gegen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu wirken. Das ist unsere Konzeption. Wir suchten zunächst einen Raum, aber mal passte etwas nicht, dann war es zu teuer. Und es gab Punkte, wo wir uns im Nachhinein sagten: Die wollen uns einfach nicht. Okay, es gibt eben Antisemitismus, der äußert sich ja nicht nur in aggressiven Handlungen, sondern auch im verborgenen Hinterhalt. Als wir alle frustriert zusammensaßen, war es meine Noah, die sagte: Kein Grund, traurig zu sein. Wenn wir unser Ziel mit Kunst und Kultur gegen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu wirken, weiterhin verfolgen, müssen wir doch feststellen, dieser Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit nicht nur an einem Ort stattfinden. Also lasst uns mobil sein. Sie kam auf die Idee mit dem Schiff. Dann haben wir unsere Goldberg und einen Heimathafen in Berlin gefunden. Aber Berlin ist von Brandenburg umgeben. Und da ich nun wirklich lange in Brandenburg gearbeitet habe, war es für mich ganz selbstverständlich, dass wir da auch hinmüssen.
Sind Sie glücklich, dass es so läuft, wie es jetzt läuft?
Das sind Glücksmomente in der Arbeit, ja. Auch angesichts des Zuspruchs, der manifestiert wird durch Gespräche, erleben wir, dass unsere Konzeption wirkt. Jetzt formuliere ich das mal, wie es Friedrich Schiller formuliert hat in seiner Rede an die Deutschen, als er über Theater als moralische Anstalt gesprochen hat: Es ist die Aufgabe, die Herzen der Zuschauer zu berühren und sie gut zu unterhalten. Und daraus haben wir gemacht, emotional und kognitiv zu informieren und zudem auf hohem Niveau zu unterhalten, sodass es Spaß macht. Also wir präsentieren jüdisches Leben, das auch Freude macht.
Macht Ihnen Ihr jüdisches Leben hier in Deutschland noch Spaß? Fühlen Sie sich noch wohl?
Ja.
Sie wollen nicht weg, auch wenn von wachsendem Antisemitismus die Rede ist?
Also, ich sitze nicht auf gepackten Koffern. Das ist mein Land und das verteidige ich. Ich weiß, dass es eine ganze Reihe von Freundinnen und Freunden gibt aus der Gemeinde und aus der sonstigen jüdischen Bekanntschaft, die das durchaus anders sehen. Aber ich bin ja nicht der einzige Jude, der so denkt. Deswegen finden wir ja auch immer wieder die Kraft, das zu tun, was wir tun. Und es ist auch so wichtig.
Das Programm bei der Brandenburg-Tour ist vielfältig. Aber was würden Sie allen ans Herz legen?
Da kann ich immer nur sagen, alles. Alle Veranstaltungen beleuchten wichtige Teile jüdischer Kulturgeschichte.
Die MS Goldberg auf Tour
Das jüdische Kulturschiff MS Goldberg tourt wieder durch Brandenburg. Nach dem Start in Eisenhüttenstadt seien sechs weitere Stationen in Frankfurt an der Oder, Schwedt, Potsdam, Brandenburg an der Havel, Rathenow und Wittenberge geplant, teilte das MS-Goldberg-Team in Berlin mit. Das jüdische Kulturschiff geht an den Stationen jeweils einige Tage vor Anker. Die Tour dauert bis zum 2. Juni.
Dank einer Förderung durch die Koordinierungsstelle „Tolerantes Brandenburg“ könne die MS Goldberg jüdische Kunst und Kultur bei freiem Eintritt präsentieren, hieß es. Auf dem Programm stehen unter anderem ein Theaterkonzert mit traditioneller und elektronischer Musik, Lieder und Romanzen des in Brandenburg geborenen Komponisten Giacomo Meyerbeer (1791-1864), eine Tucholsky- und eine Friedrich-Hollaender-Revue sowie ein Kurt-Weill-Abend.
Unter dem Titel „Meet a Rabbi“ werden den Angaben zufolge an sechs Stationen auch Workshops angeboten. Schülerinnen, Schüler, junge Erwachsene und andere Interessierte könnten dort „im Austausch mit einem Rabbiner oder einer Kantorin etwas über jüdisches Leben erfahren und vielleicht ein paar Klischees loswerden“. Zu den Workshops wird in Eisenhüttenstadt, Frankfurt (Oder), Schwedt, Potsdam, Rathenow und Wittenberge eingeladen.


