Während Diether Jäger (79) mehr als 30 Jahre lang zum Ensemble des Frankfurter Kleist-Theaters gehörte, machte sich seine Tochter Julia (52) als Film- und Fernsehschauspielerin einen Namen. Ein Gespräch über Familienbande, berufliche Weichensteller und die Lust am Spielen.

Frau Jäger, gerade erst konnte man Sie in der Inszenierung „Liebe in Zeiten des Hasses“ im Theater am Rand erleben. Wie ist das, in so einem Haus, weitab der Metropolen, auf der Bühne zu stehen – und wie kam es dazu?

Es ist herrlich! Das Theater am Rand ist ein ganz tolles Haus in einer sensationellen Lage. Wie sich dort Menschen begegnen, Publikum und Künstler, die sich ja erst dorthin auf den Weg machen müssen … Als ich mit Thomas Rühmann die Serie „In aller Freundschaft“ drehte, hat er mich auf sein Theater neugierig gemacht. Also war ich dort, habe mir alles angeschaut –und war beeindruckt. Davon, was ausgewählt und wie es präsentiert wird. Als Thomas mich dann fragte, ob ich dort auftreten würde … Ich habe sofort zugesagt und war dann erstmals 2019 bei „Kabakon oder Die Retter der Kokosnuss“ dabei.
Gutes Team: Dr. Roland Heilmann (Thomas Rühmann) und Katja Brückner (Julia Jäger) in der Folge 854 "Seifenblasen" der TV-Serie "In aller Freundschaft".
Gutes Team: Dr. Roland Heilmann (Thomas Rühmann) und Katja Brückner (Julia Jäger) in der Folge 854 "Seifenblasen" der TV-Serie "In aller Freundschaft".
© Foto: Sebastian Kiss/Saxonia Media/MDR/dpa

Bei der Premiere jetzt saßen auch Ihre Eltern im Publikum …

Ich freue mich immer, wenn meine Eltern kommen, wenn ich spiele. Ob sie es mögen, ist mir wichtig.

Herr Jäger, und wie ist es für Sie, Ihre Tochter auf der Bühne zu erleben?

Dieses Mal war ich ein bisschen aufgeregt. Aber ich bin ganz unvoreingenommen, gehe da rein, schaue mir das an. Eigentlich gefällt mir alles, was sie spielt. Auch, weil sie sich immer so sehr reinkniet.

Sie selbst gehörten mehr als 30 Jahre lang zum Ensemble des Frankfurter Kleist-Theaters. Können Sie sich noch an Ihre erste Rolle dort erinnern?

Das war 1966, ich war als Gast dabei und spielte den Huckleberry Finn auf der Freilichtbühne, die es zu der Zeit noch gab. Es war damals üblich, dass sich die Intendanten die Absolventen direkt an der Schauspielschule aussuchten, so kam ich nach Frankfurt – und blieb, abgesehen von zwei Jahren in Dresden, bis zum Ende des Kleist-Theaters im Jahr 2000.

Gibt es Inszenierungen oder Kollegen, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind?

Wolfgang Fleischmann zum Beispiel. Er war Oberspielleiter in Frankfurt und hat als Regisseur sehr präzise gearbeitet. Und er hatte Humor. Auch mit Wilfried Mattukat war es angenehm zu arbeiten.
Empfohlener Inhalt der Redaktion

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Youtube, der den Artikel ergänzt. Sie können sich diesen mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.

Externer Inhalt

Sie erklären sich damit einverstanden, dass Ihnen externe Inhalte von Youtube angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden.

Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Frau Jäger, waren Sie denn so ein Kind, das hinter den Kulissen auf den Vater wartet?

Ich war auf alle Fälle viel im Theater, kann mich noch an den Geruch erinnern in der Maske, an Kulissen, die im Hof herumlagen, an die Kollegen meines Vaters wie Gitta und Michael Schweighöfer, an deren Sohn Matthias, der heute mein Kollege ist. Ich war auch oft bei den Proben dabei. Eine der Einlasserinnen, Schulli, hat uns Kinder dann beaufsichtigt.

Wie sehr haben diese Erlebnisse, wie sehr hat Ihr Vater Ihre Berufswahl beeinflusst?

Ich denke, der Grund für die Berufswahl ist oft das Umfeld, in dem man sich bewegt und das einem dann vertraut ist. So lag der Beruf für mich irgendwann nah. Ich fand es toll, wie man in Rollen hineinschlüpft, wie einem so viele Leben, so viele Erfahrungen möglich werden.

Herr Jäger, hat Sie das gefreut?

Als Julia sagte, sie will Schauspielerin werden, habe ich als Vater schon gefragt: Welche Rollen würdest du spielen wollen? Ich hatte gedacht, sie spielt sie mir vor. Hat sie aber nicht. Und dann hat sie 1991 für ihre Rolle in „Erster Verlust“, den sie noch während ihres Studiums gedreht hatte, den Max-Ophüls-Preis bekommen … Das war schon was.

Frau Jäger, Sie waren nach dem Studium ein paar Jahre am Leipziger Schauspielhaus, haben sich dann aber mehr Film und Fernsehen zugewandt. War das eine bewusste Entscheidung?

Es hat sich eher so ergeben. Ich habe immer schon parallel gedreht, aber als ich nach Bochum zu Leander Haußmann wechseln wollte, wäre das nebenher nicht mehr möglich gewesen. Damals war die Nachfrage beim Film einfach größer. Ich habe dann fast 13 Jahre lang kein Theater mehr gespielt, bis Andreas Schmidt mich 2008 an die Komödie am Kudamm holte.
Blick in einen Flur mit Erinnerungen an das im Jahr 2000 geschlossenen Kleist-Theater im Musikheim, aufgenommen von dem Frankfurter Fotografen Hartmut Kelm.
Blick in einen Flur mit Erinnerungen an das im Jahr 2000 geschlossenen Kleist-Theater im Musikheim, aufgenommen von dem Frankfurter Fotografen Hartmut Kelm.
© Foto: Hartmut Kelm

Während Ihre Karriere Fahrt aufnahm, verlor Ihr Vater in Frankfurt mit der Schließung des Kleist-Theaters seine Existenzgrundlage. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Da ich nicht mehr zu Hause gelebt habe, habe ich das nur am Rande mitbekommen. Ich erinnere mich, dass ich später, als das Haus schon geschlossen war, dort noch mal im Rahmen eines Ehemaligentreffens des Pioniertheaters war. Das war traurig für uns alle. Mein Vater ist Feuer und Flamme für seinen Beruf, und weil ich weiß, wie sich das anfühlt, bin ich froh, dass er heute so ein Vergnügen hat an seinen Lesungen.

Herr Jäger, warum sind Sie denn nach dem Theater-Aus in der Stadt geblieben?

Ich war auch zwei Jahre in Konstanz, habe dort Open-Air-Theater gemacht, den „Sommernachtsraum“, „Sunny Boys“. Aber ich wollte zu Hause sein, bei meiner Familie, an dem Ort, in dem ich schon Spuren hinterlassen habe. Hier ist unser Haus, sind unsere Freunde. Und ich habe immer neue Leute kennengelernt, mit denen ich arbeiten konnte, die Macher der Krimi-Scheune in Treplin, die jungen Menschen vom Modernen Theater Oderland …

Nehmen Sie die Kultur in Frankfurt auch als Zuschauer wahr?

Natürlich, ich gehe zum Beispiel ins Kabarett „Die Oderhähne“, in dem ich selbst gespielt habe, ins Kleist Forum und in die Kulturmanufaktur Gerstenberg.
Eine zweite Karriere mit Lesungen: Schauspieler Diether Jäger präsentierte 2020 in der Kulturmanufaktur Gerstenberg amüsante Whiskeygeschichten
Eine zweite Karriere mit Lesungen: Schauspieler Diether Jäger präsentierte 2020 in der Kulturmanufaktur Gerstenberg amüsante Whiskeygeschichten
© Foto: Thomas Strauch

Frau Jäger, wie ist es mit Ihnen? Gehen Sie in Berlin, wo Sie leben, ins Theater?

Selten. Je älter ich in meinem Beruf werde, um so mehr interessiert mich das Kleine, Stille, Feine. Aber es ist schwer, in der heutigen Zeit so ein Theater anzubieten. Alles muss immer lauter, immer größer werden.

Man weiß von Ihnen auch, dass Sie Talkshows nicht besonders mögen. Jetzt sind Sie beim MOZ-Talk in Frankfurt dabei, und sicher werden viele Bekannte im Saal sitzen. Vergrößert das den Druck oder macht es Sie entspannter?

Beides! (lacht) Ich finde es generell schwierig, einfach drauf los zu reden. Aber ich bin auch gespannt, ob Menschen kommen, die ich kenne. Darunter gibt es ja immer welche, denen man gern begegnet, denen man auch mal danken möchte. Viele wissen gar nicht, wie sehr sie einen beeinflusst haben, ja, wie sehr wir einander begleiten.

Der 35. MOZ-Talk

Am 13. Dezember um 19.30 Uhr präsentieren die Moderatoren Lilo Wanders und David Friedrich den 35. MOZ-Talk. Gäste sind neben Julia Jäger Brandenburgs Mininsterpräsident Dietmar Woidke (SPD), Daniel Krug, der über seinen Vater Manfred Krug sprechen wird, die Sängerin Uschi Brüning und Heiko Walter, der das Leben von Udo Jürgens Revue ziehen lässt. Die Veranstaltung ist restlos ausverkauft.