Auf ihn können sich (fast) alle einigen. Auch solche, die mit Hip-Hop eigentlich nicht viel am Hut haben. Kendrick Lamar (35) ist nicht nur einfach ein weiterer Hip-Hop-Star mit Gangsta-Attitüde, der mit Skandalen und anzüglichen bis menschenverachtenden Texten verbal um sich schlägt. Kendrick Lamar hat aus dem harten, ungeschönten Westküsten-Rap eine Kunstform gemacht, die auch von unerwarteter Seite gewürdigt wird.
Aufgewachsen im berüchtigten Compton, dem von Bandenkriminalität erschütterten Vorort der kalifornischen Mega-Metropole Los Angeles, hat der junge Kendrick die Schattenseiten des US-Lebens schon früh erlebt. Seine Eltern arbeiteten in unstabilen Prekariatsjobs, unter anderem in der Systemgastronomie. Daneben war sein Vater aber lange Zeit ein Kleinkrimineller, in Gang-Kriminalität verstrickt, der im bürgerlichen Leben nie richtig Fuß gefasst hat. Wenn Kendrick Lamar heute über Vorurteile gegenüber People of Color rappt, über das harte Leben auf der Straße, über Racial Profiling und soziale Ungleichheit, dann ist das nicht nur Attitüde. Diese Kindheitserfahrungen hat er vor allem in seinem autobiographischen Durchbruch-Album „Good Kid, M.A.A.D. City“ von 2012 thematisiert.

Gesellschaftskritik im atemraubenden Stakkato-Rap

Lamars nüchterne, nichts beschönigende Texte erreichen dabei eine große poetische Kraft. Und nebenbei beherrscht er sein wichtigstes Ausdrucksmittel, die Stimme, wie ein gut eingearbeitetes Werkzeug. Zum Teil jagt er seine stakkatoartigen Texte in atemraubend hohem Tempo durch das Mikrofon, dabei bleibt er immer präzise und dosiert die Emotionen sehr gekonnt.
Kendrick Lamar singt beim Glastonbury Festival in Worthy Farm, Somerset, England.
Kendrick Lamar singt beim Glastonbury Festival in Worthy Farm, Somerset, England.
© Foto: Yui Mok/dpa
Seine Botschaften haben es in sich, sie sind eine Anklage gegen die westliche Wohlstandsgesellschaft, deren Türen eben nicht allen Menschen offenstehen. Der damalige US-Präsident Barack Obama hat seinen Titel „How Much a Dollar Cost“ zu seinem persönlichen Lieblingssong des Jahres 2015 gekürt. Dabei betont der bekennende Christ Kendrick Lamar immer wieder, wie wichtig es ihm ist, seine Wurzeln nicht aus dem Blick zu verlieren, und angesichts seiner heutigen Situation nicht abzuheben. „Der schlimmste Aspekt des Erfolges“, so hat er einmal gesagt, „ist es meiner Meinung nach, dass man sich daran gewöhnt. Das ist furchteinflößend.“

Der Bruce Springsteen seiner Generation?

Vielleicht wird Kendrick Lamar eines Tages als der Bruce Springsteen seiner Generation in die Musikgeschichte eingehen. Seine Texte zeigen bei aller Schonungslosigkeit eine Working-Class-Haltung, und noch dazu eine solidarische, geradezu verklärende Einstellung gegenüber seinem eigenen Milieu. So, wie es der „Boss“ seit mehr als einem halben Jahrhundert von der Ostküste aus über die US-Gesellschaft getan hat.
Zu der breiten Akzeptanz, mit der Kendrick Lamars Stücke aufgenommen werden, trägt neben den sozial engagierten, oft poetischen Texten sicherlich auch der Umstand bei, dass er im Studio oft mit erlesenen Instrumentalisten zusammenarbeitet. Seine Backing-Tracks beschränken sich eben nicht auf clever programmierte Beats. Zu hören sind oft komplex arrangierte Streicher-Passagen und andere live eingespielte Instrumente. An seinem weithin gerühmten Meisterwerk „To Pimp a Butterfly“ von 2015 hat unter anderem der gefeierte Jazz-Saxofonist und Bandleader Kamasi Washington („The Epic“) mitgewirkt. Ein weiterer bevorzugter Lamar-Studiomusiker ist der gefeierte Bassist Thundercat.
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Auf dem Stück „Mother I Sober“ von seinem aktuellen Album „Mr. Morale & The Big Steppers“ singt Beth Gibbons von Portishead die Hook-Line, und auf dem wiederum autobiographischen Stück „Father Time“ über das angespannte Verhältnis Lamars zu seinem Vater übernimmt der Rapper Sampha diesern Part.

Perfektionist und Studio-Tüftler

Lamar ist ein absoluter Perfektionist der Studioarbeit. Das zeigen gerade auch seine skizzenartigen Tracks, die abseits der großen Alben veröffentlicht werden. So etwa das 2016er-Tape-Album „untitled unmastered“, das raue unpolierte Songideen bündelt, die doch um Längen überzeugender und vielschichtiger klingen als vieles, was derweil von anderen Interpreten auf den Markt geworfen wurde.
Jetzt gastiert Kendrick Lamar im Rahmen seiner „The Big Steppers“-Tour in den ganz großen Veranstaltungshallen Europas. Das Repertoire ist inzwischen so umfangreich, dass er während der Konzerte thematisch abgestimmte Spannungsbögen vollziehen kann. Sein Deutschland-Gastspiel führt ihn außer nach Berlin noch am 13. Oktober nach Hamburg in die Barclays Arena, am 24. Okotber in die Hanns-Martin-Schleyer-Halle nach Stuttgart, am 30. Oktober in die Lanxess Arena Köln und am 31. Oktober in die Festhalle in Frankfurt am Main.

Auf welche Tracks dürfen Fans sich freuen?

Bei einem vor Kreativität und Spontaneität übersprudelnden Performer wie Kendrick Lamar darf man sich nie ganz sicher sein, welche Titel Eingang in das Repertoire eines Konzertabends finden. Insgesamt zeigen die zurückliegenden Konzerte der laufenden Tournee aber eine recht hohe Kontinuität bei der Setlist. Aller Voraussicht nach wird Lamar auch seinen Berliner Abend mit „United In Grief“ und „N95“ eröffnen. Ein insgesamt knapp 30 Stücke beinhaltendes Mammut-Programm führt durch alle fünf regulären Studio-Soloalben sowie die diversen Nebenveröffentlichungen und endet mit dem Titel „Saviour“, in dem Lamar heutige Fälle von Diskriminierung mit der Lebensgeschichte von Jesus Christus in Verbindung bringt.
Bei seiner Show wird Lamar von Backgroundsängerinnen und –sängern sowie Tänzerinnen und Tänzern unterstützt. Eine Live-Band mit akustischen Instrumenten ist aller Voraussicht nach nicht präsent, Lamar wird bei überwiegend elektronischen Arrangements bleiben.

Gibt es noch Karten?

Wenige Tage vor dem Event sind noch Tickets in den höheren Preiskategorien verfügbar. Zwischen 88 Euro und 116,75 Euro liegen die Preise. Wie lange das aber noch der Fall sein wird, steht in den Sternen – Kendrick Lamar als einem der unbestrittenen Stars seines Genres fällt es normalerweise nicht schwer, auch große Hallen zu füllen. Wer nicht auf dem Schwarzmarkt vor der Mercedes-Benz-Arena unwägbar hohe Summen berappen möchte, sollte schnell buchen. Ähnlich sieht es bei den weiteren ausstehenden Deutschland-Konzertterminen aus. www.eventim.de

Anreise zum Konzertort

Die Mercedes-Benz-Arena in Berlin-Friedrichshain ist mit dem ÖPNV über den Ostbahnhof und den S-Bahnhof Warschauer Straße zu erreichen. www.bvg.de Von dort sind es jeweils noch einige hunderte Meter zu Fuß.
Das Areal an der East Side Gallery verfügt aber auch über großzügig dimensionierte Parkhäuser.